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    In Gaza gehen die Lichter aus

    Ahmad Shabat aus Beit Hanun im Gaza-Streifen war eines der ersten indirekten Opfer des israelischen Luftangriffes auf Gazas einziges Kraftwerk. Nach der Gefangennahme des israelischen Soldaten Shalit durch Militante bombardierte die israelische Luftwaffe Ende Juni 2006 alle sechs Transformatoren, was die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem als Kriegsverbrechen bezeichnete. Ständige Stromausfälle waren die Folge. Der 52-jährige nierenkranke Palästinenser musste das schmerzlich erfahren. Die Blutwäsche im Shifa-Krankenhaus kann zwar dank Generatoren durchgeführt werden, doch wegen Pannen kommt es mitunter mehrmals pro Stunde zum Stillstand. „Es war mitten in der Dialyse, als plötzlich der Strom ausfiel. Es dauerte sieben Minuten, bis der Generator wieder anlief. Ein Blutgerinnsel bildete sich“, erzählt Shabat.

    Ahmad Shabat aus Beit Hanun im Gaza-Streifen war eines der ersten indirekten Opfer des israelischen Luftangriffes auf Gazas einziges Kraftwerk. Nach der Gefangennahme des israelischen Soldaten Shalit durch Militante bombardierte die israelische Luftwaffe Ende Juni 2006 alle sechs Transformatoren, was die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem als Kriegsverbrechen bezeichnete. Ständige Stromausfälle waren die Folge. Der 52-jährige nierenkranke Palästinenser musste das schmerzlich erfahren. Die Blutwäsche im Shifa-Krankenhaus kann zwar dank Generatoren durchgeführt werden, doch wegen Pannen kommt es mitunter mehrmals pro Stunde zum Stillstand. „Es war mitten in der Dialyse, als plötzlich der Strom ausfiel. Es dauerte sieben Minuten, bis der Generator wieder anlief. Ein Blutgerinnsel bildete sich“, erzählt Shabat.

    Das ist nun eineinhalb Jahre her. Seitdem leben Shabats 1, 5 Millionen Landsleute im Gaza-Streifen mit ständiger Stromunterbrechung – mit Folgen in allen Lebensbereichen: Menschen kaufen nur noch kleine Mengen von Lebensmitteln, da man nie weiß, wie lange der Kühlschrank Strom erhalten wird. Großbäckereien und -metzgereien haben aus demselben Grund die Herstellung gedrosselt und Personal entlassen. Das nun viel niedrigere Einkommen wird zudem vom teuren Diesel für die Generatoren aufgebraucht. Die Hälfte der Gazaner lebt in mehrstöckigen Häusern – viele verlassen diese kaum mehr, aus Angst, der Aufzug könnte steckenbleiben.

    Da Wasser nur mittels Strom in die Wassertanks auf den Dächern gepumpt werden kann, verfügen viele Haushalte nur wenige Stunden am Tag über Wasser. Man geht zum Duschen zu Verwandten, die im Erdgeschoss wohnen. Das Funktionieren von Kläranlagen ist immer wieder vom unterbrochenen Strom beeinträchtigt, was das Risiko eines Abwasserstaus, einer Überflutung und von Epidemien erhöht.

    Gerade im Winter ist der Strombedarf im Gaza-Streifen höher und liegt bei etwa 240 Mega-Watt. Der Streifen verfügt derzeit aber nur über 180 Mega-Watt: 108 kauft es von Israel, 17 von Ägypten und 55 liefert das eigene Kraftwerk. Das könnte 80 Mega-Watt produzieren, ließe Israel größere Mengen an Industriediesel durch die Grenze; vor der Bombardierung stellte das Kraftwerk etwa 100 Mega-Watt her.

    Hunderttausende Israelis leben in der Reichweite von Raketen

    Die israelische Bombardierung des Kraftwerkes hat weder den entführten Soldaten zurückgebracht noch den Beschuss mit Qassamraketen beenden können. Im Gegenteil. Während viele der Raketen in Sderot landen, haben einige mittlerweile den Stadtrand von Ashkelon erreicht. Mehrere hunderttausend Israelis wohnen in Raketenreichweite. Nachdem in der letzten Zeit der Beschuss der Raketen zugenommen hat, hat Israel mit Segen des Obersten Gerichtshofes beschlossen, die Stromzufuhr in den Streifen am Mittelmeer zu drosseln. Seit letztem Donnerstag fließt nun fünf Prozent weniger Strom nach Gaza – nach Meinung Israels ein rechtmäßiges Mittel, um wirtschaftlichen Druck auszuüben.

    „Beendet diese Verrücktheit. Hört auf, das Leben in Sderot und Gaza unerträglich zu machen“, forderte der israelische Friedensblock Gush Shalom in seiner letzten Zeitungsanzeige. „Redet mit Hamas!“, lautete die Botschaft an die eigene Regierung, bevor die Anzeige mit dem Wort in Großbuchstaben und einem dreifachen Ausrufezeichen endete: Waffenstillstand.

    Von Hamas war prompt zu hören, dass die Maßnahme der israelischen Regierung keine Abschreckung darstellen werde. Das hochrangige Hamas-Mitglied Israel Radwan sagte: „Der zionistische Feind muss begreifen, dass die Praxis der Mordanschläge, der Angriffe, des Embargos und die Senkung der Strom- und Dieselzufuhr den Widerstand nicht stoppen und das Rückgrat der Palästinenser nicht brechen wird.“ Er warnte vor einem „großen Vulkanausbruch“, sollte Israels Aggression zunehmen.

    „Sie haben die Wahl, ob sie weiterhin in Raketen investieren und Israel angreifen oder ob sie Strom von Israel haben wollen“, sagte Shlomo Dror, der Sprecher des israelischen Verteidigungsministeriums. Dessen stellvertretender Minister Matan Vilnai sieht sich im Recht: „Der Oberste Gerichtshof hat entschieden, dass wir in der Angelegenheit der Elektrizität richtig handeln. Unsere Absicht ist, die Stromzufuhr in angemessener Weise zu senken, während die Bewohner des Gaza-Streifens die Infrastruktur für eine unabhängige Stromversorgung aufbauen.“ Die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem nannte Vilnas Worte „einen neuen Gipfel des Zynismus“.

    Sie und neun andere israelische und palästinensische Menschenrechtsorganisationen hatten in einer Eingabe beim Obersten Gerichtshof diesem zu bedenken gegeben, die Einschränkung der Strom- und Dieselzufuhr stelle eine Kollektivstrafe dar und verletze das internationale Verbot, vorsätzlich auf Zivilisten zu zielen. Das überzeugte den Gerichtshof offensichtlich nicht.

    Die bei der Petition federführenden Organisationen machten ihrer Empörung darüber sofort Luft. Sari Bashi, die Direktorin von Gisha, nannte das „eine beispiellose Entscheidung, die Kollektivbestrafung in himmelschreiendster Weise gutheißt“. Und Hassan Jabarin von Adalah meint: „Laut Gerichtsbeschluss ist es aus politischen Gründen erlaubt, palästinensischen Zivilisten Schaden zuzufügen und eine humanitäre Krise zu schaffen. Das stellt im internationalen Strafrecht ein Kriegsverbrechen dar.“ In der israelischen Armee sowie im Geheimdienst laufen unterdessen Vorbereitungen, die gezielten Tötungen wichtiger Hamas-Leute zu verstärken. Rufe nach einer Bodenoffensive der israelischen Armee sind zudem in letzter Zeit öfters zu vernehmen.

    Doch der israelische Premierminister Olmert wehrt ab. Er wolle sich mit Sanktionen begnügen, um eine Eskalation zu verhindern. „Israel beabsichtigt nicht, eine humanitäre Krise im Gaza-Streifen herbeizuführen.“

    Für schwerkranke Menschen wie Ahmad Shabat dürften diese Worte wie Hohn klingen. Für sie ist die Krise längst da.

    Von Johannes Zang