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    Im Visier der Extremisten

    Nach dem blutigen Anschlag am Samstag in Tripoli im Nordlibanon werden erneut die Befürchtungen groß, das fragile Gleichgewicht des multi-religiösen Landes könne zerbrechen. Am Samstag sprengten sich zwei Selbstmordattentäter im alawitischen Viertel der am Mittelmeer gelegenen Hafenstadt in die Luft und rissen neun Menschen mit sich in den Tod. 37 wurden verletzt. Bei dem Anschlag handelt es sich um das erste Selbstmordattentat im Libanon seit einem Anschlag in Beirut im Juni vergangenen Jahres. Tripoli mit seiner sunnitischen und alawitischen Bevölkerung kennt seit Jahren religiöse Konflikte. Diese haben sich aber seit Beginn des syrischen Konflikts, wo sich Alawiten und Sunniten bekämpfen, weiter verschärft. Im vergangenen Oktober war es in der Stadt zu heftigen Kämpfen zwischen der libanesischen Armee und sunnitischen Extremisten gekommen. Ziel der jetzigen Anschläge dürfte es wie schon in der Vergangenheit sein, die Spannungen zu erhöhen und den syrischen Konflikt in den Libanon zu tragen. Tripoli gilt als schwächstes Glied in der innerlibanesischen Kette.

    Kalte Zeiten für den Libanon: Nur die Kinder freuen sich über den Schnee. Foto: dpa

    Nach dem blutigen Anschlag am Samstag in Tripoli im Nordlibanon werden erneut die Befürchtungen groß, das fragile Gleichgewicht des multi-religiösen Landes könne zerbrechen. Am Samstag sprengten sich zwei Selbstmordattentäter im alawitischen Viertel der am Mittelmeer gelegenen Hafenstadt in die Luft und rissen neun Menschen mit sich in den Tod. 37 wurden verletzt. Bei dem Anschlag handelt es sich um das erste Selbstmordattentat im Libanon seit einem Anschlag in Beirut im Juni vergangenen Jahres. Tripoli mit seiner sunnitischen und alawitischen Bevölkerung kennt seit Jahren religiöse Konflikte. Diese haben sich aber seit Beginn des syrischen Konflikts, wo sich Alawiten und Sunniten bekämpfen, weiter verschärft. Im vergangenen Oktober war es in der Stadt zu heftigen Kämpfen zwischen der libanesischen Armee und sunnitischen Extremisten gekommen. Ziel der jetzigen Anschläge dürfte es wie schon in der Vergangenheit sein, die Spannungen zu erhöhen und den syrischen Konflikt in den Libanon zu tragen. Tripoli gilt als schwächstes Glied in der innerlibanesischen Kette.

    Verwirrung herrscht derzeit darüber, wer hinter dem Anschlag steckt. Zunächst bekannte sich der syrische Arm der Al-Kaida, die Al-Nusra-Front, dazu. Die radikal-sunnitische Miliz kämpft seit 2012 im syrischen Krieg. In einer Mitteilung über den Kurznachrichtendienst „Twitter“ von Al-Nusra hieß es zur Begründung, das Attentat sei als Vergeltung für die sunnitischen Opfer im Libanon und in Syrien vollbracht worden. Am Sonntag dann sagte der libanesische Innenminister Nohad Machnouk, ihm lägen Informationen vor, dass die sunnitische Terrormiliz Islamischer Staat hinter den Anschlägen stecke. Schon zu Jahresbeginn haben Vertreter der libanesischen Sicherheitskräfte davor gewarnt, der Islamische Staat könne verstärkt versuchen, im Libanon Fuß zu fassen. Tatsächlich gehört die Zedernrepublik zu den für das Kalifat beanspruchten Gebieten. Aber auch strategisch ist der Libanon für die in Syrien kämpfenden Dschihadisten von großer Bedeutung. Im nahe der libanesischen Grenze gelegenen syrischen Kalamun-Gebirge hat der Islamische Staat zu Jahresbeginn ein größeres Kämpferkontingent versammelt. Libanesische Sicherheitskräfte befürchten, die Gruppe könne planen, libanesisches Territorium zu erobern. Im August war es zwischen der libanesischen Armee und Kämpfern des IS und der Al-Nusra-Front in der libanesischen Grenzstadt Arsal zu heftigen Kämpfen gekommen. Dabei wurden mehrere libanesische Soldaten gefangen genommen. Einige wurden enthauptet. Im vergangenen Jahr kam es im Süden des Landes auch zu Angriffen von IS-Kämpfern auf die Hisbollah. Diese steht besonders im Visier der in Syrien kämpfenden Sunniten. Die mächtige libanesische Schiiten-Partei und Miliz gehört zu den wichtigsten Unterstützern des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad. Tausende Hisbollah-Kämpfer sind in Syrien aktiv und haben dabei mitunter schwere Verluste hinnehmen müssen. Beobachtern zufolge war aber unter anderem der massive Einsatz der Schiitenmiliz entscheidend, das Assad-Regime nicht nur zu stabilisieren, sondern auch Geländegewinne zu machen.

    Seit Jahren lastet der syrische Konflikt schwer auf dem Libanon. Die Frage, wie sich das Land und seine Parteien zur Krise im Nachbarland verhalten sollte, hat zu einer weitgehenden Lähmung der Innenpolitik geführt. Seit Mai ist das Parlament unfähig, sich auf einen Nachfolger von Staatschef Michel Sleiman zu einigen. Dieser muss nach den Bestimmungen der vom konfessionalistischen Proporz geprägten Verfassung ein Maronit sein. Alle Ermahnungen und Bemühungen auch seitens des maronitischen Patriarchen Rai, einen für alle Seiten annehmbaren Kandidaten zu finden, schlugen bislang fehl. Im November hatten die Parlamentarier bereits zum zweiten Mal beschlossen, ihr Mandat über die abgelaufenen Legislaturperiode hinaus bis 2017 zu verlängern. Dieser vielkritisierte Schritt sollte indes stabilisierend wirken. Angesichts der Sicherheitslage gilt ein regulärer Wahlkampf als undurchführbar.

    Beobachtern zufolge könnte der Konsens der sunnitischen und schiitischen Führung, ein Übergreifen des syrischen Konflikts auf den Libanon zu verhindern, von unten ausgehöhlt werden. Sowohl Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah als auch der Anführer des sunnitischen Lagers, Saad Hariri, könnte es angesichts von Vorfällen wie in Tripoli immer schwerer fallen, ihre jeweilige Klientel unter Kontrolle zu halten. Die riesige Zahl syrischer Kriegsflüchtlinge – Schätzungen zufolge befinden sich bis zu zwei Millionen Syrer in dem Land mit etwa vier Millionen Bürgern – destabilisiert die Lage außerdem. Nasrallah und Hariri müssen zudem auch die Interessen ihrer regionalen Patrone, Saudi-Arabien und Iran, berücksichtigen, die sich in einem im ganzen Nahen Osten ausgetragenen machtpolitischen Wettbewerb befinden. Dies erschwert einen innerlibanesischen Ausgleich zusätzlich.