• aktualisiert:

    Im Blickpunkt: Den Leib Christi verlassen?

    Feindliche oder distanzierte Beobachter können mit Häme oder Genugtuung betrachten, wie sich die Kirche in Deutschland und Österreich unter Schmerzen windet: angesichts der Missbrauchsfälle und ihrer medialen Aufbereitung, angesichts der Welle von Kirchenaustritten. Keine Frage: Jeder Austritt schmerzt die Glaubensgemeinschaft der Kirche – aber aus anderen Gründen, als Außenstehende vielleicht vermuten.

    Feindliche oder distanzierte Beobachter können mit Häme oder Genugtuung betrachten, wie sich die Kirche in Deutschland und Österreich unter Schmerzen windet: angesichts der Missbrauchsfälle und ihrer medialen Aufbereitung, angesichts der Welle von Kirchenaustritten. Keine Frage: Jeder Austritt schmerzt die Glaubensgemeinschaft der Kirche – aber aus anderen Gründen, als Außenstehende vielleicht vermuten.

    Wäre die Kirche bloß ein Verein, eine Partei oder ein Unternehmen, dann würde der Mitgliederschwund den öffentlichen Einfluss, das gesellschaftliche Gewicht oder die Firmenbilanz beeinträchtigen. Vereine brauchen Mitglieder, Parteien Funktionäre, Unternehmen Kunden, um stark und einflussreich zu sein. Die Kirche ist aber kein Verein, keine Partei und kein Unternehmen. Wie ein Blick auf die Kirchengeschichte zeigt, kann sie in der kleinen Herde ebenso authentisch Kirche sein wie in der volkskirchlichen Breite. Die Weltkirche von heute kennt beides: Wachstum und Schrumpfung.

    Anders als Vereine, Parteien und Unternehmen braucht die Kirche nicht Mitglieder oder Kunden, um öffentlichen Einfluss, gesellschaftliches Gewicht oder positive Bilanzen zu erzielen. Sie weiß sich vielmehr zu allen Völkern und allen Menschen gesandt, um ihnen Christus als den Weg, die Wahrheit und das Leben vorzustellen. Wo Getaufte ihrer Kirche den Rücken kehren, ist genau dies nicht gelungen: sichtbar und erfahrbar zu machen, dass die Kirche mehr ist als eine weltliche Organisation, der man nach den Opportunitäten des eigenen Lebens angehört oder auch nicht. Wo Menschen aus der Kirche austreten, hat irgendetwas oder irgendjemand den Blick darauf verstellt, dass die Kirche „pilgerndes Gottesvolk“ und „mystischer Leib Christi“ ist.

    Das heißt nicht, dass jeder Ausgetretene schon Gott den Rücken gekehrt hat. Erst recht nicht, dass Gott einem Ausgetretenen den Rücken kehren würde. Im Gegenteil: Der barmherzige Vater wartet allezeit auf die Heimkehr des (nur für den Augenblick) verlorenen Sohnes. Kirchenaustritte sind für die Glaubensgemeinschaft gerade deshalb schmerzhaft, weil sie ein Indiz dafür sind, dass die Kirche zu sehr als Verein, Partei oder Unternehmen gesehen und damit beliebig austauschbar wird. Ihre wahre Identität aber enthüllt der Genitiv: Gottes pilgerndes Volk und Christi mystischer Leib ist und bleibt sie bis ans Ende aller Tage. Das Problem am (quantitativen) Mitgliederschwund ist der (qualitative) Glaubensschwund – in unserer Gesellschaft und auch mitten in der Kirche selbst.