• aktualisiert:

    Im Blickpunkt: Belgien auf dem Gipfel der Hysterie

    Der Vatikan wundert sich in diesen Tagen über die belgische Regierung. In dem kleinen Land setzen Politiker die katholische Kirche massiv unter Druck. Mittel zum Zweck ist diesmal nicht die Gesetzgebung, sondern eine öffentlichkeitswirksame Papstschelte in einer bisher einmaligen Schärfe.

    Der Vatikan wundert sich in diesen Tagen über die belgische Regierung. In dem kleinen Land setzen Politiker die katholische Kirche massiv unter Druck. Mittel zum Zweck ist diesmal nicht die Gesetzgebung, sondern eine öffentlichkeitswirksame Papstschelte in einer bisher einmaligen Schärfe.

    In der vergangenen Woche hatte das belgische Parlament die Äußerungen des Papstes über Kondome verurteilt. Medienberichten zufolge betreibt der Senat die Eskalation: Ein Entwurf für eine offizielle Verurteilung soll die Worte Benedikts XVI. zum Auftakt seines Afrikabesuchs mit „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vergleichen. Solche Überlegungen sind irrational und demokratiefeindlich zugleich: Zum einen ignorieren Belgiens Senatoren wissenschaftliche Erkenntnisse der Aidsforschung und Erfahrungswerte aus afrikanischen Ländern, wie Edward Green von der Harvard-Universität sie dargelegt hat, zum anderen gilt die gesetzlich verankerte Religionsfreiheit in Belgien auch für die katholische Bevölkerung.

    Wer den Papst für die Verkündung der katholischen Morallehre in puncto Aids öffentlich verurteilt, hat also nicht nur an einigen einschlägigen Fachpublikationen vorbeigelesen. Er bricht mit dem demokratischen Konsens über das Recht auf freie Religionsausübung und redet letztlich einer geschäftstüchtigen Lobby das Wort, die Afrikanern ohne Rücksicht auf deren kulturelle und religiöse Gewohnheiten Präventionsprogramme überstülpen, an denen in erster Linie der Westen verdient. Gerade weil eine solche politische Geste aus einem traditionell katholischen Land kommt, an dessen Spitze ein christdemokratischer Minister steht, ist sie gefährlich und unverantwortlich.

    Folgenlos bleiben wird sie wohl kaum. Die belgische Anti-Benedikt-Hysterie fördert auch außerhalb der Landesgrenzen einen Dominoeffekt: Schwedische Liberale denken bereits darüber nach, die Stellungnahme des Papstes ihrerseits zu verurteilen.

    Ist es Zufall, dass Belgiens Regierung zu einem Zeitpunkt durchdreht, da sich die antipäpstlichen Wogen gerade zu glätten schienen? Sicher nicht, denn lautstarke Papstschelte oder massive Anfeindungen der katholischen Kirche sind in Krisenzeiten ein probates Mittel geworden, um Kritik an der eigenen Regierungsarbeit zu übertönen – Spaniens Sozialisten machen es Europa seit Jahren vor. In Belgien dürfte auch der farblose Protest der Bischöfe gegen die Note des Parlaments Papstkritiker im Senat eher ermutigen. Wo der Episkopat Benedikt XVI. so halbherzig verteidigt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Wähler davon ohnehin nichts mitbekommt. Regina Einig