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    IM BLICKPUNKT: Ende der Symbolpolitik?

    Unmittelbar vor der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe wagen die Jesuiten die Flucht nach vorn: Von sexuellem Missbrauch Betroffenen will der Orden vierstellige Summen zahlen. Gemessen an den Beträgen, über die in den Vereinigten Staaten gestritten worden ist, verhandeln die Jesuiten über eine symbolische Genugtuung. Doch kirchenpolitisch sichern sie sich im Kampf der Korrekten einen Vorteil gegenüber den deutschen Bischöfen. Schon heute dürfen sich die Jesuiten das Lob der Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen ans Revers heften, den „ersten Schritt“ getan zu haben. Von wem Renate Künast und andere den zweiten erwarten, liegt auf der Hand. Beschließen die deutschen Bischöfe kommende Woche in Fulda, einen Fonds für Missbrauchsopfer einzurichten, werden Politiker und Medien den Orden weiterhin als Avantgarde der Aufarbeitung sexueller Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche belobigen. Zieht die Konferenz individuelle Lösungen vor – auch dafür gibt es plausible Gründe – darf sie sich des öffentlichen Missfallens sicher sein, selbst wenn sie Betroffenen mehr als bloße symbolische Beträge zubilligen sollte.

    Unmittelbar vor der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe wagen die Jesuiten die Flucht nach vorn: Von sexuellem Missbrauch Betroffenen will der Orden vierstellige Summen zahlen. Gemessen an den Beträgen, über die in den Vereinigten Staaten gestritten worden ist, verhandeln die Jesuiten über eine symbolische Genugtuung. Doch kirchenpolitisch sichern sie sich im Kampf der Korrekten einen Vorteil gegenüber den deutschen Bischöfen. Schon heute dürfen sich die Jesuiten das Lob der Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen ans Revers heften, den „ersten Schritt“ getan zu haben. Von wem Renate Künast und andere den zweiten erwarten, liegt auf der Hand. Beschließen die deutschen Bischöfe kommende Woche in Fulda, einen Fonds für Missbrauchsopfer einzurichten, werden Politiker und Medien den Orden weiterhin als Avantgarde der Aufarbeitung sexueller Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche belobigen. Zieht die Konferenz individuelle Lösungen vor – auch dafür gibt es plausible Gründe – darf sie sich des öffentlichen Missfallens sicher sein, selbst wenn sie Betroffenen mehr als bloße symbolische Beträge zubilligen sollte.

    Schwerer als die Finanzfrage fällt die geistliche Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne ins Gewicht. Auch hier werden die Bischöfe Vergleichen und Zugzwängen nicht entgehen. Die Jesuiten wollen sich die Summe absparen, nicht an Sozial- und Seelsorgeprojekten sondern an ihrem Lebensstil. Geschmeidig hat der Provinzial der deutschen Jesuiten Stefan Kiechle erklärt, Sühne müsse weh tun. Das klingt irgendwie nach theologischer Selbstbesinnung: Welcher Schüler eines Jesuitengymnasiums hätte ein solche Formulierung vor zehn Monaten im Religionsunterricht über die Lippen bringen dürfen, ohne sich dem Verdacht eines krankmachenden Gottesbildes auszusetzen? Dass es ein falsches Verständnis vom „lieben Gott“ gibt und eine Theologie, die Schuld und Sühne ausklammert, die Freiheit und Verantwortung des Menschen nicht mehr ernst nimmt, trifft zu. Eine kirchlich angemessene Konsequenz des Missbrauchsskandals wäre, wenn die Katholiken den Mut aufbrächten, ihre gängigen Vorstellungen von göttlicher Barmherzigkeit und göttlicher Gerechtigkeit genauer zu betrachten. Wo die Rede vom gerechten Gott vor allem den Vorwand liefert, um den klassischen Reformkanon – Frauenordination, Lockerung des Zölibats und der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion – zu fordern, ist kein Ende der Symbolpolitik in Sicht.

    Von Regina Einig