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    Homo-Heiler und Sex-Experten

    Wahlkampf im österreichischen Parlament: Es geht um Homo-"Ehe" für Ausländer, Sexualpädagogik an Schulen und ein Verbot der sogenannten Konversionstherapien. Von Stephan Baier

    Die neue österreichische Experten-Regierung unter Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein sieht sich vor der Sommerpause mit a... Foto: Parlamentsdirektion/Johannes Zinner

    Seit dem Zusammenbruch der ÖVP/FPÖ-Koalition und dem Sturz der Regierung Kurz herrscht eine Art Ausnahmezustand im österreichischen Nationalrat. Die Fraktionen mühen sich, mit wechselnden parlamentarischen Mehrheiten ihre Lieblingsthemen durchzubringen, oder zumindest Munition für den bereits angelaufenen Wahlkampf zu sammeln.

    Die liberale Kleinpartei NEOS etwa hat einen Antrag eingebracht, die in Österreich durch einen höchstrichterlichen Entscheid eingeführte „Ehe für alle“ nun auch für Ausländer zu öffnen. Bisher steht Homosexuellen anderer Staatsangehörigkeit in Österreich lediglich das Rechtsinstitut der Eingetragenen Partnerschaft offen, wenn die Herkunftsländer der Betroffenen selbst keine Homo-„Ehe“ kennen.

    Religionsfreiheit in Gefahr

    Ein Verbot der sogenannten Konversionstherapien strebt die SPÖ unter Führung ihres Gleichbehandlungssprechers Mario Lindner an. Der Parlamentarier, der auch Vorsitzender der sozialdemokratischen LGBTIQ-Organisation „SoHo“ ist, hat einen Entschließungsantrag eingebracht, in dem die aktuelle Bundesregierung aufgefordert wird, „unverzüglich dem Nationalrat eine Regierungsvorlage zur Beschlussfassung zu übermitteln, mit der die Ausübung von Konversions- und reparativen Therapieformen an Minderjährigen verboten wird“. Mit „unverzüglich“ ist gemeint, dass der Antrag, der am 2. Juli im Parlament abgestimmt werden soll, dazu führen möge, dass die genannten Therapien noch vor der Bildung einer neuen Regierung nach den Parlamentswahlen am 29. September verboten werden.

    Nachdem eine Mehrheit der Abgeordneten zustimmte, den Antrag auf die Tagesordnung zu setzen, jubelte Lindner, dass „endlich eine Mehrheit hinter dem Verbot von ,Homo-Heilern‘ in Österreich steht“. Bisher hätten ÖVP und FPÖ „eine Abstimmung verhindert“. Also, so könnte man schlussfolgern, soll das Verbot rasch durchgezogen werden, bevor sich im Herbst eine neue Regierung bildet, denn diese könnte ja neuerlich aus ÖVP und FPÖ bestehen. Der Antrag argumentiert damit, dass „Versuche, die sexuelle Orientierung von Personen zu verändern“ von den entsprechenden Berufsverbänden abgelehnt würden. So verwies die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Vorjahr auf „die potenziellen Risiken von reparativen Therapien“, die von Verunsicherung und Irritation bis zu psychiatrischen Störungen wie Depressionen, Angsterkrankungen, selbstdestruktivem Verhalten und Suizidalität reichen könnten.

    Ein Therapieverbot würde die sexuelle Selbstbestimmung einschränken

    Lindner folgert daraus, dass die Annahme, dass Homosexualität veränderbar, therapierbar oder gar heilbar sei, im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren habe. Dem widersprechen internationale Studien über die sexuelle Fluidität von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Gleichwohl dürften nach Informationen dieser Zeitung die meisten Abgeordneten der ÖVP für den Lindner-Antrag stimmen, und diesem damit eine Mehrheit bescheren.

    Problematisch ist das von der SPÖ seit langem geforderte Verbot, weil es die Therapiefreiheit und die sexuelle Selbstbestimmung einschränkt. Verboten würden damit nämlich nicht nur unwissenschaftliche Methoden, die das Psychotherapiegesetz schon bisher erfasst, sondern auch die psychotherapeutische Beratung und Begleitung von Patienten, die aufgrund ihrer sexuellen Gefühle einem subjektiven Leidensdruck ausgesetzt sind.

    Problematische Auswirkungen auf die kirchliche Verkündigung

    Müsste also künftig ein Psychotherapeut oder Psychiater einen Patienten ablehnen, der unter seinen homoerotischen Gefühlen oder bisexuellen Neigungen persönlich leidet und deshalb Rat und Hilfe sucht? Machen sich Wissenschaftler künftig strafbar, wenn sie über die Veränderbarkeit der sexuellen Orientierung oder über die Fluidität sexueller Gefühle im Jugendalter forschen und publizieren?

    Nicht minder problematisch könnten die Auswirkungen auf die kirchliche Verkündigung und seelsorgliche Begleitung sein. Wenn alle Formen von „Konversionstherapien“ gesetzlich verboten werden, droht die Verkündigung der christlichen Lehre im Sinn des Katechismus als „Hassrede“ (Hate Speech) eingestuft zu werden. Seelsorger, die Betroffene im Sinn der christlichen Anthropologie begleiten, könnten ins Fadenkreuz der Kritik geraten oder sich sogar strafbar machen.

    Damit aber wären nicht nur die Therapie- und die Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt, sondern auch die Gewissens- und die Religionsfreiheit gerieten in Gefahr. Und schließlich geht es um die Jugendlichen selbst, denen im Fall eines gesetzlichen Verbotes suggeriert würde, ein Wandel in ihren sexuellen Gefühlen sei nicht in Ordnung oder sogar verdächtig.

    „Nur, weil mit ,Teenstar‘ ein Verein
    mit höchst problematischer Ideologie
    an Schulen tätig war, gleich alle externen
    Expertinnen aus den Schulen zu schmeißen,
    wird uns in der Sexualaufklärung
    um Jahrzehnte zurückwerfen“
    SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid

    Ebenfalls am 2. Juli dürfte im Parlament ein Antrag des ÖVP-Bildungssprechers Rudolf Taschner und des FPÖ-Abgeordneten Wendelin Mölzer abgestimmt werden, der auf die Verbannung von sexualpädagogischen Vereinen aus den Schulen zielt. War bisher in der Öffentlichkeit wie im Parlament nur das Wirken des christlichen Vereins „Teenstar“ problematisiert worden, so fordert der aktuelle Entschließungsantrag die Bildungsministerin auf, „die erforderlichen Schritte einzuleiten, damit eine altersgerechte und weltanschaulich neutrale Sexualerziehung ohne Beiziehung von schulfremden Personen oder Vereinen, sondern durch an der Schule wirkende Pädagoginnen und Pädagogen sichergestellt ist“.

    Eine Prüfung der „Unzahl an Vereinen“, die in den Schulen sexualpädagogische Unterrichtseinheiten durchführen, habe gezeigt, „dass die vom Staat vorgegebene Neutralität in diesem Unterrichtssegment oft nicht gewährleistet ist“, heißt es im Antrag zur Begründung. Gemäß dem Indoktrinationsverbot müsse der staatliche Sexualkundeunterricht aber „in sachlicher, kritischer und pluralistischer Weise erfolgen“. Tatsächlich ist das Material zahlreicher an Österreichs Schulen wirkender sexualpädagogischer Vereine von der sogenannten „Sexualpädagogik der Vielfalt“ geprägt und von der Gendertheorie durchsetzt.

    Da ist etwa ein „Sex-Päd Werkzeugkoffer“ im Einsatz, der Menstruationsartikel, eine Stoffvagina, einen Stoff- und Holzpenis sowie alle Verhütungsmittel enthält. Da wird mit „kleinen Rollenspielen“ ein angeblich „tabufreier Umgang“ eingeübt. In den sexualpädagogischen Unterlagen des „Verein selbstbewusst“ heißt es: „Auch (frühkindliche) Masturbation und sog. Doktorspiele ermöglichen ein lustvolles Körpererleben – allenfalls ist es nötig, Rahmenbedingungen dafür auszumachen“. Und weiter: „Erlaubt ist nur das, was beide wollen, egal ob es um kindliches Doktorspielen geht oder um sexuelle Handlungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen.“ Dennoch ruft der Antrag auf einen Ausschluss der diversen Vereine aus der schulischen Sexualpädagogik massiven Widerstand hervor – insbesondere bei jenen Parteien, die seit dem Vorjahr intensiv die Diskreditierung des christlichen Vereins „Teenstar“ betrieben. Die frühere Bildungsministerin und heutige Bildungssprecherin der SPÖ, Sonja Hammerschmid, warnt, der Antrag von ÖVP und FPÖ führe dazu, „dass Sexualpädagogik an Schulen massiv reduziert wird oder gar nicht mehr stattfindet“. Hammerschmid wörtlich: „Nur, weil mit ,Teenstar‘ ein Verein mit höchst problematischer Ideologie an Schulen tätig war, gleich alle externen Expertinnen aus den Schulen zu schmeißen, wird uns in der Sexualaufklärung um Jahrzehnte zurückwerfen.“

    Sexualpädagogische Nachhilfe für Lehrer?

    Zeitgleich und inhaltlich kongruent äußerten sich der „Österreichische Berufsverband der Sozialen Arbeit“, der „Österreichische Frauenring“, die liberalen NEOS und die Grünen. Aber auch der kirchennahe Verein „Aktion Leben“ protestiert dagegen, die Vereine „aus der Schule und in den Privatbereich zu verbannen“. Kinder und Jugendliche bräuchten „eine sie wertschätzende Sexualpädagogik“, so die Generalsekretärin der „Aktion Leben“, Martina Kronthaler. Lehrer bräuchten in diesem Bereich die Expertise Externer, die die Intimsphäre der Schüler „sensibel zu wahren wissen, einen achtsamen Umgang mit heiklen persönlichen Fragen vorleben und in keinem Machtverhältnis zu den Schülerinnen und Schülern stehen“. Zu den relevanten Fragen zählt die „Aktion Leben“ auch den „Schwangerschaftsabbruch“.

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