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    Erbil

    Hoffnung auf einen anderen Staat

    Seit Oktober finden Woche um Woche im Irak große Demonstrationen statt. Die Menschen gehen gegen Korruption und die schlechten Lebensstandards auf die Straße. Der Patriarch von Babylon, Louis Raphael Kardinal Sako, hofft auf einen demokratischen Neuanfang mit einem säkularen und multireligiösen Staat

    Der Patriarch von Babylon, Louis Raphael I. Kardinal Sako, hat eine klare Meinung dazu, wie sich sein Land, der Irak, künftig entwickeln soll: „Der Irak besteht aus einer Vielzahl von Gruppierungen, die ein Mosaik von Gesellschaften, Kulturen, Nationalitäten, Sprachen und Religionen bilden, das vielfältig und bunt ist.“ So leitete das Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche seine in der letzten Woche veröffentlichte Stellungnahme ein, in der er die Errichtung eines säkularen Staates als Lösung für die Krise im Irak definiert: „Ein solcher Bürgerstaat respektiert die spirituellen und moralischen Werte und die freie Ausübung der Religionen – ohne dass sie sich in die Politik einmischen – im Gegensatz zum westlichen Säkularismus, der religiöse Werte oft verleugnet.“

    Bereits zuvor hatte sich der Erzbischof von Erbil, Bashar Warda,  deutlich zu den anhaltenden Demonstrationen positioniert, bei denen seit Oktober 543 Menschen getötet und über 30 000 Menschen verletzt wurden. Sie seien als Ruf nach einem „echten, multireligiösen Irak“ zu verstehen. Und er fordert, dass Christen eine aktive Rolle in der Zukunft des Landes übernehmen müssen, wenn sie einen vereinigten, multireligiösen Irak wollen. Zwei Drittel der Christen haben das Land bereits verlassen – heute leben noch circa 500.000 Christen, größtenteils mit Rom unierte Chaldäer im Land. Sie stellen 1,3 Prozent der Gesamtbevölkerung.

    Papst verschiebt Reise auf unbestimmte Zeit

    Sie wollte Papst Franziskus in diesem Jahr noch besuchen, doch musste er nun aufgrund der politischen Lage seine Reise auf unbestimmte Zeit verschieben.
    Der Irak ist seit dem Einmarsch der USA im Jahre 2003 und dem folgenden Aufstieg und Niedergang des sogenannten „Islamischen Staates“ geprägt von einem scheiternden politischen Regime, gegen das Jugendliche und junge Erwachsene nun seit über vier Monaten größtenteils friedlich auf die Straßen Bagdads und andernorts demonstrieren gehen.

    Sie protestieren gegen die schlechten Lebensstandards, die hohe Arbeitslosigkeit, die Korruption und das Sektierertum. Sie blockieren Hauptverkehrsstraßen, drohen die Ölraffinerien zu besetzen und fordern ein neues, transparentes und demokratischeres, politisches System. Anfang des Monats, kurz nach seiner Ernennung, hat der neue Ministerpräsident Mohammed Taufik Allawi den Demonstranten versprochen, die Korruption im Land zu bekämpfen und vorgezogene Neuwahlen zu organisieren. Damit stellte er sich deutlich an ihre Seite: „Ohne Ihre Entbehrungen und Ihren Mut würde es in diesem Land keinen Wandel gegeben“, erklärte er und fügte hinzu: „Ich setze mein Vertrauen in Sie und bitte Sie, die Proteste fortzusetzen.“

    Doch aus der Sicht der Demonstranten gehört er, der zuvor Kommunikationsminister war und im Parlament von den schiitischen Gruppen unterstützt wird, zur alten politischen Elite, die sie absetzen wollen. Auf den Straßen sind nun Schilder mit seinem durchgestrichenen Gesicht zu sehen und er wird als „iranischer Kandidat“ gebrandmarkt – während schiitische Geistliche die Demonstranten als US-amerikanische Marionetten bezeichnen.

    Schwierige außenpolitische Situation

    Der Irak befindet sich auch in einer schwierigen außenpolitischen Situation im Kampf zwischen den USA und dem Iran. Schiitische, vom Iran unterstützte Milizen hatten entscheidend dazu beigetragen, den sogenannten „Islamischen Staat“ im Irak zu besiegen und haben sich zugleich im Land eine Machtbasis aufgebaut. Im vergangenen Monat, nach der gezielten Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani in Bagdad, stimmte das irakische Parlament für den sofortigen Abzug der US-amerikanischen Truppen aus dem Land.

    Zugleich ist der Irak jedoch auf das Wohlwollen des US-amerikanischen Präsidenten Donald J. Trump angewiesen, der für das Land bisher eine Ausnahme der Sanktionen gegen den Iran gestattet hat. Bisher ist es dem Irak erlaubt, iranisches Erdgas zu importieren, um den landesweiten Strombedarf zu decken. Es ist für die Demonstranten auch ein erklärtes Ziel, für den Irak sowohl von dem Iran als auch den USA Unabhängigkeit zu erlangen.

    Eine entscheidende Person in dieser Situation ist der schiitische Geistliche, Milizenführer und Politiker Muqtada as-Sadr, der in jedem irakischen Parlament seit 2003 eine bedeutende Rolle spielte. Er versteht es geschickt, sowohl ein Teil der herrschenden Klasse zu sein und grundlegende Entscheidungen nach seinem Willen zu beeinflussen, als auch zugleich als Teil der Opposition gesehen zu werden, die politische Reformen anstrebt. Anfänglich unterstützte er die seit Oktober andauernden Demonstrationen, indem er die Protestierenden durch seine Anhänger gegen pro-iranische Milizen schützen ließ.

    Blutige Massaker in mehreren irakischen Städten

    Von der Protestbewegung wurde dies jedoch kritisch gesehen, da er zu der bekämpften politischen Elite gehört. Nach der gezielten Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani und mit ihm auch des Anführers der Dachorganisation aller schiitischen Milizen im Irak Abu Mahdi al-Muhandis entzog Muqtada as-Sadr den Demonstranten jedoch seine Unterstützung und engagierte sich zunehmend in den aufflammenden anti-US-amerikanischen Protesten. Daran wird deutlich, dass er die Zukunft des Irak nicht in den andauernden Demonstrationen sieht, sondern an der Seite des Iran, mit dessen Hilfe er der neue Anführer aller schiitischen Milizen im Irak zu werden versucht. Für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die für einen vereinigten, multireligiösen Irak eintreten, hatte seine Entscheidung bereits blutige Folgen. Ohne Schutz gegen pro-iranischen Milizen kam es in mehreren irakischen Städten zu blutigen Massakern.

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