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    Gowin bietet eine Alternative

    Warschau (DT) Die Zeiten, in denen der polnische Premier Donald Tusk unangefochten regierte, liegen lange zurück. Die Umfragewerte sind mies. Erst vor kurzem hat der Vorsitzende der Bürgerplattform (PO) fast seine komplette Ministerriege umgekrempelt. Ein Versuch, das Image von Ineffizienz und Korruption, das viele Wähler mittlerweile mit PO verbinden, abzustreifen. Wobei Tusk ausgerechnet seinem langjährigen Infrastrukturminister S³awomir Nowak, der kurz zuvor freiwillig zurücktrat, einen Abgang „mit Klasse“ nachsagte. Nowak hatte von Geschäftsleuten ein protziges Uhrgeschenk angenommen und dies monatelang dementiert. Jetzt ermittelt der Staatsanwalt.

    Mit einer eigenen Partei will Jaros³aw Gowin (l.) eine christdemokratische Politik-Alternative zum Kurs des polnischen P... Foto: dpa

    Warschau (DT) Die Zeiten, in denen der polnische Premier Donald Tusk unangefochten regierte, liegen lange zurück. Die Umfragewerte sind mies. Erst vor kurzem hat der Vorsitzende der Bürgerplattform (PO) fast seine komplette Ministerriege umgekrempelt. Ein Versuch, das Image von Ineffizienz und Korruption, das viele Wähler mittlerweile mit PO verbinden, abzustreifen. Wobei Tusk ausgerechnet seinem langjährigen Infrastrukturminister S³awomir Nowak, der kurz zuvor freiwillig zurücktrat, einen Abgang „mit Klasse“ nachsagte. Nowak hatte von Geschäftsleuten ein protziges Uhrgeschenk angenommen und dies monatelang dementiert. Jetzt ermittelt der Staatsanwalt.

    Als Tusk vor gut einem halben Jahr seinen Justizminister Jaros³aw Gowin feuerte, war von Klasse nicht die Rede. Hatte der stets elegant wirkende Krakauer Gowin, der in den 1980er Jahren bei dem Priester Józef Tischner Philosophie studierte, doch keinen Zweifel daran gelassen, dass er Tusks wirtschaftsliberalen Kurs bei der Förderung der In-Vitro-Fertilisation aus christlich-ethischen Gründen ablehnt. Bei der PO, die sich bei ihrer Gründung vor über zehn Jahren noch als eindeutig christliche Partei sah, stand er damit im Abseits.

    Jetzt ist Gowin zurück. Mit einer eigenen Partei namens „Polska Razem“ (Polen zusammen) und dem ehrgeizigen Ziel, eine christdemokratische Politik-Alternative zum Kurs von Tusk anbieten zu können. Wobei Gowin nicht nur seine eigenen Anhänger um sich geschart, sondern gleich eine Fusion mit zwei konservativen Splitterparteien hingelegt hat: Mit PJN („Polen ist am wichtigsten“), einer Gruppe von Europa-Abgeordneten, die sich schon vor Jahren von der nationalkonservativen Partei PiS des Oppositionsführers Jaros³aw Kaczyñski abgesondert haben, und den Republikanern, deren früherer Parteichef jüngst durch eine Schlägerei mit der Polizei in einer Diskothek für den eigenen Knock-Out sorgte. Eine bunte Truppe also, die nicht gerade über eine breite Wählerbasis verfügt. Doch Gowin, der beim ersten öffentlichen Parteitag am vergangenen Samstag mit einer ungewohnt leidenschaftlichen Rede auffiel, ist sicher, dass „Polska Razem“ das Zeug hat, um den großen etablierten Parteien, PO und PiS, in die Quere zu kommen.

    Laut Kaczyñski kann er sich dabei vor allem auf zwei „Stärken“ stützen – den „guten Parteinamen“ und seine „Attraktivität“. Was bei aller Polemik für polnische Verhältnisse eigentlich eine ausgesprochen freundliche Reaktion ist, die wohl signalisieren soll: Im Falle des Scheiterns von „Polska Razem“ wäre Gowin bei PiS ein gern gesehener Gast. Auch die Leitung einer anderen christlich-konservativen Splitterpartei „Solidarna Polska“ (Solidarisches Polen), ebenfalls eine PiS-Abspaltung, lobte Gowins neue Partei als „interessanten Diskurs-Beitrag“, während ausgerechnet der Sprecher des polnischen Präsidenten Bronis³aw Komorowski hämisch und unter Missachtung der Neutralität des Amtes reagierte und „Polska Razem“ wenig Überlebenschancen diagnostizierte. Was wohl hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, dass Komorowski durch die Parteineugründung sein öffentliches Image als „Vater der Nation“ und Familienförderer in Gefahr sieht. Schließlich lässt Gowin keinen Zweifel daran, auf wen er (neben der transzendenten Sphäre) seine Hoffnung für einen gesellschaftlichen Aufschwung gründet: Die Familie, die nach christlichen Wertvorstellungen vom Staat gefördert und verteidigt werden soll. Ohne faule Kompromisse. Was im Unterschied zu Komorowski und Tusk aber heißt: ohne Zusammenarbeit mit der In-Vitro-Lobby und der Gender Mainstreaming-Bewegung.

    So überrascht es denn auch nicht, dass die „Polska Razem“-Mitglieder zum Ende der Wochenendveranstaltung gemeinsam ein Lied mit christlichem Text sangen – Leonard Cohens „Halleluja“. Auf Englisch, was wohl signalisieren soll, dass man bei allem gesunden Patriotismus nicht anstrebt, als nationale Hardliner aufzutreten. Auch das Partei-Logo, der grüne Apfel, weckt globale Assoziationen. Sei es nun mit Steve Jobs' „Apple“ oder der Apfel-Plattenfirma der „Beatles“. Wie viele Polen tatsächlich in diesen Apfel reinbeißen, wird man bei den Wahlen in zwei Jahren sehen. Eine politische Schlange ist Jaros³aw Gowin jedenfalls nicht.