• aktualisiert:

    Basel

    „Gottvertrauen im Zeitalter der Angst“

    Für den Schweizer Psychiater und Psychotherapeuten Samuel Pfeifer ist der Glaube ein Resilienzfaktor, der Kraft gibt und Solidarität bewirkt.

    Herr Professor Pfeifer, die Nachrichten sind seit Wochen monothematisch: Es geht nur mehr um ein Virus, das Menschen krank macht, ja tötet, und gegen das bisher kein Mittel existiert. Was macht das mit Menschen, die an einer Angststörung leiden?

    Es gibt Menschen, die sehr sensibel sind und sich jetzt vor der Nachrichtenflut schützen müssen, weil sie sonst in einen Kreislauf ständig neuer unerfreulicher Zahlen geraten. Hier haben wir eine deutliche Zunahme von Ängsten. Es gibt aber auch Leute mit neurotischen, diffusen Ängsten, etwa vor anderen Menschen oder vor Machtmissbrauch: Bei denen nimmt in dieser existenziellen Krise die Angst teilweise ab. Hier werden Ängste jetzt angesichts der Corona-Krise relativiert. Anders als bei neurotischen Ängsten kann ich nämlich gegen eine konkrete Angst etwas machen, etwa indem ich zuhause bleibe.

    Die Corona-Pandemie scheint die ganze Welt zu treffen, und es gibt noch keinen Impfstoff. Löst diese Hilflosigkeit auch bei bisher psychisch gesunden Menschen Angststörungen aus?

    Das ist richtig. Viele Menschen, die vorher keine Angststörungen hatten, kommen jetzt in eine Angstspirale. Man sieht, dass Krankenhäuser belegt sind, und hört eine unablässige Flut negativer Nachrichten. Das löst natürlich Ängste aus.

    "Die Regierungen haben eine Verantwortung
    und müssen Methoden ergreifen, die die Bevölkerung schützen.
    Auch wenn das individuell hart ist"

    Was macht mehr Angst: unsere Hilflosigkeit gegenüber dem Virus oder die Maßnahmen der Regierungen, die unsere persönlichen Freiheitsräume einengen?

    Da sind wir zwischen Pest und Cholera: Die Bedrohung durch die Krankheit ist objektiv stark, und die Einschränkungen sind für viele Leute höchst belastend. Beides dürfen wir aber nicht gegeneinander ausspielen. Die Regierungen haben eine Verantwortung und müssen Methoden ergreifen, die die Bevölkerung schützen. Auch wenn das individuell hart ist. Ich höre von meinen Patienten viele Geschichten von Angst, Sinnlosigkeit, Einsamkeit und Trauer. Eine der tragischsten Auswirkungen der Corona-Krise ist, dass Menschen allein in Krankenhäusern leiden und sterben. Das ist ein Schreckensszenario.

    Viele Menschen haben jetzt so viel Familienleben wie noch nie. Rechnen Sie mit einem Babyboom in neun Monaten – oder mit gestiegenen Scheidungsraten?

    Möglicherweise mit beidem. Ein Babyboom würde mich nicht wundern! Paartherapeuten machen sich aber schon Sorgen, dass jetzt Spannungen auftreten und Ressentiments wachsen, was auch zum Zerbrechen von Beziehungen führt. Es braucht Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen, und eine gemeinsame Mahlzeit am Tag, aber auch Inseln im Alltag, auf die man sich zurückziehen kann, um einander aus dem Weg zu gehen. Das schafft manchmal Entlastung. Man muss eine neue Balance von Nähe und Distanz finden.

    "Ganz sicher wird es mehr häusliche Gewalt geben.
    Das lässt sich heute schon sagen"

    Setzen Versammlungsverbote und Ausgangssperren nicht auch Aggressionen frei? Müssen wir folglich mit mehr häuslicher Gewalt, Suiziden und Beziehungsmorden rechnen?

    Ganz sicher wird es mehr häusliche Gewalt geben. Das lässt sich heute schon sagen. Ob das auch in Morden endet, würde ich eher nicht vermuten. Ich bin auch nicht sicher, ob die Suizide ansteigen werden. Manchmal ist in einer äußeren Bedrohungssituation der Suizid nicht die erste Option.

    Die Akzeptanz der Regierungsmaßnahmen war zunächst sehr hoch, obwohl diese tief ins Alltagsleben eingreifen. Wie erklären Sie das?

    Die Bedrohung ist derart real, und die Bilder aus Italien und Spanien sind so bedrückend, dass eine große Bewegung des Mitdenkens entstanden ist. Da wird viel verschüttete Mitmenschlichkeit aktiviert. Das ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Es gibt aber Stimmen, die meinen, dass das kippen könnte.

    Wir wurden lange auf Selbstverwirklichung und Lustmaximierung programmiert. Hält so eine Gesellschaft einen längeren Ausnahmezustand aus?

    Das ist ein großes soziales Experiment, das da gerade abläuft. Es würde mich nicht wundern, wenn Menschen jetzt neue Formen der Resilienz entdecken würden, die sie vorher nicht gekannt haben. Das scheint mir die große Chance der heutigen Situation zu sein: Es gibt etwa eine neue Tonalität in Beziehungen, wenn die junge Generation Verantwortung für die ältere übernimmt und solidarisch schaut, dass die Älteren sich nicht anstecken.

    Sie sehen in der Krise eine Chance, Werte wiederzuentdecken, die wir vergessen haben?

    Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, dass Menschen aus der Not heraus neu darüber nachdenken: Wieviel ist mir der andere wert? Was nehme ich für mich in Kauf, um ihn zu schützen?

    "Die Sorgen sind berechtigt!
    Vieles wird nicht mehr sein wie es war"

    Nach der medizinischen kommt eine ökonomische Krise: Vielen Menschen droht die Insolvenz ihres Unternehmens, anderen Arbeitslosigkeit und Verarmung.

    Ja, das ist eine echte Sorge, die auch die Regierungen sehr beschäftigt. Ich habe immer noch Vertrauen in die deutsche, österreichische und schweizerische Wirtschaft, dass nach dem Abklingen der Krise wieder Arbeitsplätze geschaffen werden. Bis dahin braucht es spürbare Sozialprogramme. Die Sorgen sind berechtigt! Vieles wird nicht mehr sein wie es war. Ob wir wollen oder nicht, wir kommen zur Frage: Was trägt in dieser Zeit? Gibt es nur eine materielle Sicherheit oder auch eine andere, höhere? Werden die Menschen Ressourcen erkennen, die ihnen Trost geben, und das Vertrauen, von guten Mächten wunderbar getragen zu sein? Hier können Menschen ihre Werte neu überprüfen und neue Kraft schöpfen.

    Sie empfehlen also Religiosität als Resilienzfaktor?

    In einem ganz pragmatischen Sinn: Gottvertrauen auch in einem neuen Zeitalter der Angst! Das hat unsere Vorfahren getragen, wenn sie durch schwere Krisen gegangen sind. Es ist aus der Resilienzforschung bekannt, dass der Glaube für Menschen in Krisen eine tragende Rolle spielen kann und ihnen eine besondere Kraft gibt. Aus dieser Kraft heraus können sie Solidarität erfahren und anderen Solidarität geben. Das wäre meine Hoffnung.

    Sie warnen seit vielen Jahren vor einer krank machenden Beschleunigung des Lebens, vor permanentem Multitasking und einem „Leben auf Speed“. Bringt diese Krise eine neue Entschleunigung des Lebens?

    Eine solche Vollbremsung hätte ich unserer Gesellschaft nicht gewünscht. Auch wenn ich vor der ständigen Hektik, dem permanenten Unterwegssein und dem Buhlen um Aufmerksamkeit warnte. Die Überhitzung unserer Aktivitäten wird nun durch die Corona-Krise abrupt beendet. Das birgt aber auch Chancen, sich neu zu besinnen. Vielleicht wächst bei Firmen die Einsicht, dass sie ihre Mitarbeiter nicht ständig auf internationale Konferenzen schicken müssen. Wir lernen nicht nur individuell, sondern auch systemisch. Daraus könnte eine neue, auch ökologisch maßvollere Gesellschaft wachsen.

    "Ich hoffe, dass es den Menschen gelingt,
    eine neue Demut und Bescheidenheit zu gewinnen"

    Verändert die Krise unser Verhältnis zum Materiellen?

    Wir haben in den letzten Jahren ein Börsenfeuerwerk gesehen, das jeden Anleger freute. Das hat sich jetzt relativiert. Ich hoffe, dass es den Menschen gelingt, eine neue Demut und Bescheidenheit zu gewinnen. Das Leben ist wichtiger als meine Börsenkurse. Wir haben Optionen, unseren Lebensstil so anzupassen, dass wir auch mit geringeren materiellen Mitteln ein lebenswertes Leben haben.

    Was kann der Einzelne tun, um im aktuellen Krisenmodus psychisch gesund zu bleiben?

    Auf der pragmatischen Ebene: Halten Sie eine Tagesstruktur aufrecht, schlafen Sie nicht zu lang, halten Sie Essenszeiten ein, bereiten Sie gute Speisen zu, halten Sie Ihren Medienkonsum in Grenzen, nehmen Sie sich Zeit für Musik und ein interessantes Buch. Auf der besinnlichen Ebene: Reflektieren wir unsere Werte. Wir können nicht alles machen, nicht alles beeinflussen. Das „höher, schneller, weiter“ trägt nicht. Im Gottvertrauen kann ich als Mensch wachsen.

    Was sollte die Gesellschaft tun, um trotz Corona psychisch nicht zu kippen?

    Mich ermutigen die vielen Initiativen der Nachbarschaftshilfe. Das war lange nicht spürbar. Menschen rufen jetzt vergessene Freunde an und schauen auf ihre Nachbarn. Vielleicht wächst da eine gesellschaftliche Solidarität, die über die Krise hinaus trägt.

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .

    Weitere Artikel