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    Glosse: Wenn das Ego mit Eiswasser duscht

    „Der Herr Bundeskanzler badet gerne lau“, soll Herbert Wehner während eines Besuchs in Moskau 1973 gegenüber Journalisten über den wegen zahlreicher Affären angeschlagenen Willy Brandt gesagt haben. In Deutschland schlug dieser Satz damals wie eine Bombe ein. Der Unterstützung Wehners beraubt, nahm Brandt wenig später die Enttarnung Günter Guillaumes als DDR-Spion, der zu seinen engsten Mitarbeitern zählte, zum Anlass, zurückzutreten. Nachfolger Brandts wurde Helmut Schmidt, den schon damals niemand für einen Warmduscher hielt. Wer sich heute für einen ganz harten Mann oder auch eine ganze harte Frau hält, duscht seit kurzem öffentlich mit Eiswasser. Seit vor rund zwei Wochen US-Promis die sogenannte „Ice Bucket Challenge“ gestartet haben, fluten Hinz und Kunz überall auf der Welt die sozialen Netzwerke mit Videoclips, die sie dabei zeigen, wie sie sich einen Eimer Eiswasser über ihre offenbar von der Sommerhitze in Mitleidenschaft gezogenen Hirnbehälter gießen. Nicht, dass wir gar keinen Spaß verstünden, aber all die unerträglichen „Schaut-alle-her-bin-ich-nicht-toll-Clips“ werden nun einmal nicht dadurch erträglicher, dass man das ausstellungssüchtige Ego zur Abwechslung mal mit Eiswasser duscht. Eigentlich wollten Promis wie Mark Zuckerberg, Bill Gates und Justin Timberlake mit der „Ice Bucket Challenge“ ja auch auf die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam machen und zu Spenden für deren Bekämpfung animieren. Doch statt mehr die über tödliche Krankheit, erfahren wir jetzt nur mehr über die kranke Spaßgesellschaft. Wer da keine Gänsehaut kriegt, dem hilft auch kein Eiswasser mehr. Stefan Rehder

    „Der Herr Bundeskanzler badet gerne lau“, soll Herbert Wehner während eines Besuchs in Moskau 1973 gegenüber Journalisten über den wegen zahlreicher Affären angeschlagenen Willy Brandt gesagt haben. In Deutschland schlug dieser Satz damals wie eine Bombe ein. Der Unterstützung Wehners beraubt, nahm Brandt wenig später die Enttarnung Günter Guillaumes als DDR-Spion, der zu seinen engsten Mitarbeitern zählte, zum Anlass, zurückzutreten. Nachfolger Brandts wurde Helmut Schmidt, den schon damals niemand für einen Warmduscher hielt. Wer sich heute für einen ganz harten Mann oder auch eine ganze harte Frau hält, duscht seit kurzem öffentlich mit Eiswasser. Seit vor rund zwei Wochen US-Promis die sogenannte „Ice Bucket Challenge“ gestartet haben, fluten Hinz und Kunz überall auf der Welt die sozialen Netzwerke mit Videoclips, die sie dabei zeigen, wie sie sich einen Eimer Eiswasser über ihre offenbar von der Sommerhitze in Mitleidenschaft gezogenen Hirnbehälter gießen. Nicht, dass wir gar keinen Spaß verstünden, aber all die unerträglichen „Schaut-alle-her-bin-ich-nicht-toll-Clips“ werden nun einmal nicht dadurch erträglicher, dass man das ausstellungssüchtige Ego zur Abwechslung mal mit Eiswasser duscht. Eigentlich wollten Promis wie Mark Zuckerberg, Bill Gates und Justin Timberlake mit der „Ice Bucket Challenge“ ja auch auf die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam machen und zu Spenden für deren Bekämpfung animieren. Doch statt mehr die über tödliche Krankheit, erfahren wir jetzt nur mehr über die kranke Spaßgesellschaft. Wer da keine Gänsehaut kriegt, dem hilft auch kein Eiswasser mehr. Stefan Rehder