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    Glosse: Vom Exil aus

    Von Milchpulver, Sonnenschutz und Napoleon Bonaparte. Von Josef Bordat

    Wie muss man sich das eigentlich vorstellen? Ich meine, es gibt ja diese Frage, was man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Drei Dinge. Die meisten vergessen dabei Milchpulver und Sonnenschutz. Aber: Wie ist das, wenn es ernst wird? Einsame Insel. Jemand, der das ganz sicher wüsste, uns aber nicht mehr sagen kann, ist Napoleon Bonaparte. Schließlich hält er mit zwei Einsame-Insel-Aufenthalten den Europarekord. Bis jetzt. Denn er bekommt in Sachen Exil gehörig Konkurrenz aus Katalonien. Der abgesetzte Regionalpräsident Carles Puigdemont sitzt derzeit in seinem ganz persönlichen Elba–Sankt Helena–Brüssel fest, durfte aber mehr als drei Dinge mitnehmen. Bier ohne Kirschgeschmack war ganz oben auf der Liste.

    Ohnehin haben es zeitgenössische Exilanten leichter. Napoleon konnte nicht stündlich twittern, wie es ihm so geht. Puigdemont kann. Und tut es. Dabei heizt er aus der belgischen und irgendwie ja auch europäischen Hauptstadt die Stimmung in der Heimat nach besten Kräften weiter an, indem er die katalanische Opferrolle kultiviert. Das Feindbild des Verbannten verlagert sich dabei immer mehr von Spanien auf die gesamte EU. Diese EU zerstöre mit ihrer Passivität in ihrer Causa ihre Grundwerte, so dass es kaum wunder nehme, dass jenes Spanien in aller Ruhe auch etwas zerstören kann: die katalanischen Unabhängigkeitsträume. Puigdemont sieht sich als Märtyrer in der Sache. Und leidet. Nicht still vor sich hin, sondern mit Fans vor dem Hotel und dem Smartphone in der Hand. Hätte Napoleon sicher auch gerne gehabt. Der hat sein Waterloo ja schon hinter sich. Das liegt übrigens gerade mal 15 Kilometer von Brüssel entfernt. Und falls man Puigdemont selbst das Auto noch genommen hat: Die belgische Bahn fährt hin. Ein Regionalzug. Josef Bordat

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