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    Glosse: Rückkehr zur Normalität

    Berlin bleibt Berlin. In diesem Punkt waren sich Kulturschaffende, Politiker, Gewerbetreibende und die Berliner Boulevardzeitungen nach dem Anschlag einig. Eine Woche und ein trotzig begangenes Weihnachtsfest danach mache ich die Probe, ob Berlin wirklich Berlin geblieben ist. Ob die Autos beim Rechtsabbiegen wie zuvor nicht auf Radfahrer achten und diese dann – als gäbe es keinen IS – wutentbrannt auf die Motorhaube trommeln. Ob die Stadt Schulden macht und sinnlose Bauprojekte vorantreibt wie eh und je. Ob an der Flughafenbaustelle alles schläft, alles ruht. Bis auf einen einsamen Wachschützer. Ob mein Gruß erwartungsgemäß unerwidert bleibt, dem Terror fröhlich ins Gesicht spuckend. Ich bin es von meiner niederrheinischen Heimat her so gewohnt, auf der Straße die Menschen zu grüßen. Ist gar kein böser Wille. Der grimmige Blick der Nachbarn als Reaktion auf mein „Guten Morgen!“ zeigt mir: Berlin ist Berlin geblieben.

    Berlin bleibt Berlin. In diesem Punkt waren sich Kulturschaffende, Politiker, Gewerbetreibende und die Berliner Boulevardzeitungen nach dem Anschlag einig. Eine Woche und ein trotzig begangenes Weihnachtsfest danach mache ich die Probe, ob Berlin wirklich Berlin geblieben ist. Ob die Autos beim Rechtsabbiegen wie zuvor nicht auf Radfahrer achten und diese dann – als gäbe es keinen IS – wutentbrannt auf die Motorhaube trommeln. Ob die Stadt Schulden macht und sinnlose Bauprojekte vorantreibt wie eh und je. Ob an der Flughafenbaustelle alles schläft, alles ruht. Bis auf einen einsamen Wachschützer. Ob mein Gruß erwartungsgemäß unerwidert bleibt, dem Terror fröhlich ins Gesicht spuckend. Ich bin es von meiner niederrheinischen Heimat her so gewohnt, auf der Straße die Menschen zu grüßen. Ist gar kein böser Wille. Der grimmige Blick der Nachbarn als Reaktion auf mein „Guten Morgen!“ zeigt mir: Berlin ist Berlin geblieben.

    Wir werden es an der nächsten Kriminalstatistik sehen, ob es wirklich gelungen ist, zur Normalität zurückzukehren. Ist die Zahl der Drogentoten auf Vorjahresniveau? Na, bitte: Berlin bleibt Berlin. Wird der „Marsch für das Leben“ um der Toleranz willen niedergebrüllt wie vor 12/19? Jetzt erst recht. In der S-Bahn tritt jemand eine halbvolle Bierflasche durch den Mittelgang. Ein junger weiblicher Fahrgast blickt kurz vom Smartphone auf. Ganz kurz. Mich erreichen soeben ein Schreiben vom Finanzamt Zehlendorf, ein Regenwald Werbeprospekte und eine Weihnachtskarte des Kardiologen. Check up ist fällig. In der Nachbarschaft wirft ein Junge einen Böller auf einen Hund. Der Hund bellt jaulend auf. Der Junge und seine Freunde klatschen sich ab. „Malte-Alexander! Essen!“ – „Mann, die Alte nervt!“ Rückkehr zur Normalität.

    Josef Bordat