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    Glosse: Neid und fehlende Arenen

    Er sei, behauptete ein verstorbener Augustiner Chorherr, „chronisch unneidisch“. Vielleicht haben wir ihn auch deshalb so verehrt. An „chronischer Uneitelkeit“ litt er jedenfalls nicht. Weil er aber tatsächlich „chronisch unneidisch“ war, trug er auch an den Eitelkeiten derer, die sich in seinem Glanz sonnten und darin zu übertreffen suchten, nicht allzu schwer. Was andere ziemlich neidisch werden lassen konnte. Was daran befremdet ist nicht, dass es sich um Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen handelt, sondern dass dem Gedanken, jemand könnte einen anderen noch wegen einer Tugend beneiden, heute etwas nahezu Absurdes anhaftet. Wo „Haltung“ als „Starrsinn“ verunglimpft und der sich um „Tugendhaftigkeit“ mühende Sünder als „Gutmensch“ in den Untiefen sozialer Netzwerken verspottet oder gar beschimpft wird, fehlt es dem Dreikampf um das „Gute“, „Wahre“ und „Schöne“ schlicht an Arenen. Vielleicht ist das aber auch nicht schlimm, sondern bloß ungewohnt. Denn dem „Guten“ reicht es ja, getan zu werden, dem „Wahren“, gesagt zu werden und dem „Schönen“, dass wir uns an ihm erfreuen. „Erkannt“ werden wollen sie; das schon. Doch scheren sie sich dabei um Massentauglichkeit so wenig wie um unseren Applaus. Für moderne Menschen stellt solche Schlichtheit eine fortgesetzte Kränkung dar. Dass etwas wagt, ohne ihre Zustimmung auszukommen, entfacht den Neid der nach „Likes“ Gierenden. Es ist paradox, aber wohl fühlt sich der moderne Menschen nicht, wo er Größe begegnet, sondern nur da, wo er sie zuspricht. Stefan Rehder

    Er sei, behauptete ein verstorbener Augustiner Chorherr, „chronisch unneidisch“. Vielleicht haben wir ihn auch deshalb so verehrt. An „chronischer Uneitelkeit“ litt er jedenfalls nicht. Weil er aber tatsächlich „chronisch unneidisch“ war, trug er auch an den Eitelkeiten derer, die sich in seinem Glanz sonnten und darin zu übertreffen suchten, nicht allzu schwer. Was andere ziemlich neidisch werden lassen konnte. Was daran befremdet ist nicht, dass es sich um Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen handelt, sondern dass dem Gedanken, jemand könnte einen anderen noch wegen einer Tugend beneiden, heute etwas nahezu Absurdes anhaftet. Wo „Haltung“ als „Starrsinn“ verunglimpft und der sich um „Tugendhaftigkeit“ mühende Sünder als „Gutmensch“ in den Untiefen sozialer Netzwerken verspottet oder gar beschimpft wird, fehlt es dem Dreikampf um das „Gute“, „Wahre“ und „Schöne“ schlicht an Arenen. Vielleicht ist das aber auch nicht schlimm, sondern bloß ungewohnt. Denn dem „Guten“ reicht es ja, getan zu werden, dem „Wahren“, gesagt zu werden und dem „Schönen“, dass wir uns an ihm erfreuen. „Erkannt“ werden wollen sie; das schon. Doch scheren sie sich dabei um Massentauglichkeit so wenig wie um unseren Applaus. Für moderne Menschen stellt solche Schlichtheit eine fortgesetzte Kränkung dar. Dass etwas wagt, ohne ihre Zustimmung auszukommen, entfacht den Neid der nach „Likes“ Gierenden. Es ist paradox, aber wohl fühlt sich der moderne Menschen nicht, wo er Größe begegnet, sondern nur da, wo er sie zuspricht. Stefan Rehder