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    Glosse: Liebe und andere Kleinigkeiten

    „Liebe“, wusste schon Berthold Brecht, „ist der Wunsch, etwas zu geben, nicht zu erhalten“. So gesehen wundert es denn auch nicht, dass die drei Worte „ich“, „liebe“ und „dich“ aneinandergereiht über Jahrtausende hinweg als die schönste Mitteilung galt, die Menschen einander machen konnten. Wer sie hören durfte, fühlte sich auf das Reichste beschenkt. Wer den Mut fand, sie hervorzubringen – flüssig flüsternd oder stotternd, jedes Wort, wie unter einer großen Anstrengung, einzeln hervorstoßend – wurde von heiligem Ernst ergriffen und begriff intuitiv, dass über diese drei Worte hinaus nichts Größeres gesagt werden konnte. So dachte man jedenfalls lange Zeit überall auf der Welt. Nun ändern sich aber bekanntlich die Zeiten und mit ihnen auch viele Menschen. Der Satz „ich liebe dich“ hat heute für viele von ihnen den einstigen Zauber verloren. Notiert in Büchern, gilt er manchen gar als unzweifelhafter Beleg für allenfalls drittklassige Literatur. Manche Zeitgenossen meinen sogar, dass über diese drei Worte hinaus nichts Dümmeres gesagt werden könne. Denn auch wer vorgebe, den Wunsch zu hegen, etwas geben zu wollen, der wolle dies nur, um im Gegenzug etwas anderes, noch Wertvolleres zu erhalten. Auch in der „Liebe“, die bei genauerer Betrachtung nichts anderes als Chemie sei, sei der „homo oeconomicus“ letztlich ein unverbesserlicher Egoist. Da überrascht es nicht, dass für viele Jugendliche die drei wichtigsten Worte heute lauten: „Ich geh' shoppen“ und Zuneigung mit einer Frage bekundet wird: „Kommst Du mit?“ Stefan Rehder

    „Liebe“, wusste schon Berthold Brecht, „ist der Wunsch, etwas zu geben, nicht zu erhalten“. So gesehen wundert es denn auch nicht, dass die drei Worte „ich“, „liebe“ und „dich“ aneinandergereiht über Jahrtausende hinweg als die schönste Mitteilung galt, die Menschen einander machen konnten. Wer sie hören durfte, fühlte sich auf das Reichste beschenkt. Wer den Mut fand, sie hervorzubringen – flüssig flüsternd oder stotternd, jedes Wort, wie unter einer großen Anstrengung, einzeln hervorstoßend – wurde von heiligem Ernst ergriffen und begriff intuitiv, dass über diese drei Worte hinaus nichts Größeres gesagt werden konnte. So dachte man jedenfalls lange Zeit überall auf der Welt. Nun ändern sich aber bekanntlich die Zeiten und mit ihnen auch viele Menschen. Der Satz „ich liebe dich“ hat heute für viele von ihnen den einstigen Zauber verloren. Notiert in Büchern, gilt er manchen gar als unzweifelhafter Beleg für allenfalls drittklassige Literatur. Manche Zeitgenossen meinen sogar, dass über diese drei Worte hinaus nichts Dümmeres gesagt werden könne. Denn auch wer vorgebe, den Wunsch zu hegen, etwas geben zu wollen, der wolle dies nur, um im Gegenzug etwas anderes, noch Wertvolleres zu erhalten. Auch in der „Liebe“, die bei genauerer Betrachtung nichts anderes als Chemie sei, sei der „homo oeconomicus“ letztlich ein unverbesserlicher Egoist. Da überrascht es nicht, dass für viele Jugendliche die drei wichtigsten Worte heute lauten: „Ich geh' shoppen“ und Zuneigung mit einer Frage bekundet wird: „Kommst Du mit?“