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    Glosse: Ich bin, also denke ich nicht

    Die Frage, ob das Denken tatsächlich jemanden voraussetzt, der denkt, scheint heute kaum noch jemanden umzutreiben. Das war nicht immer so. Schon Augustinus hatte sich in seinem Werk „De civitate Dei“ („Vom Gottesstaat“) auch mit dieser Frage beschäftigt und dabei auch – Anfang des 5. Jahrhunderts war das noch selbstverständlich – die Möglichkeit des Irrtums erwogen. Das Ergebnis, zu dem der spätere Kirchenvater kam, mag heutige Leser vielleicht verwirren, ist aber logisch: „Selbst wenn ich mich täusche, bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen (...). Weil ich also bin, wenn ich mich täusche, wie sollte ich mich über mein Sein täuschen, da es doch gewiss ist, dass ich bin, gerade wenn ich mich täusche.“ Sehr viel später – genauer im 17. Jahrhundert – griff René Descartes, geplagt von radikalen Zweifeln an der eigenen Erkenntnisfähigkeit, das Problem erneut auf. „Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder fantasiert, selber nicht mehr zweifeln“, schrieb er in seinen „Meditationes de prima philosophia“. In den „Prinzipien der Philosophie“ bringt er diese Erkenntnis später auf die Formel: „ego cogito, ergo sum“ („ich denke, also bin ich“). Aus dem hieraus Zusammengezogen und uns viel Geläufigerem „Cogito ergo sum“, folgt selbstverständlich keineswegs, dass derjenige, der nicht dächte, auch nicht sei, obwohl dies Vieles bedeutend einfacher machen würde. Nein, offensichtlich ist auch derjenige, der nicht denkt. Und Manche macht das noch viel gefährlicher. Stefan Rehder

    Die Frage, ob das Denken tatsächlich jemanden voraussetzt, der denkt, scheint heute kaum noch jemanden umzutreiben. Das war nicht immer so. Schon Augustinus hatte sich in seinem Werk „De civitate Dei“ („Vom Gottesstaat“) auch mit dieser Frage beschäftigt und dabei auch – Anfang des 5. Jahrhunderts war das noch selbstverständlich – die Möglichkeit des Irrtums erwogen. Das Ergebnis, zu dem der spätere Kirchenvater kam, mag heutige Leser vielleicht verwirren, ist aber logisch: „Selbst wenn ich mich täusche, bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen (...). Weil ich also bin, wenn ich mich täusche, wie sollte ich mich über mein Sein täuschen, da es doch gewiss ist, dass ich bin, gerade wenn ich mich täusche.“ Sehr viel später – genauer im 17. Jahrhundert – griff René Descartes, geplagt von radikalen Zweifeln an der eigenen Erkenntnisfähigkeit, das Problem erneut auf. „Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder fantasiert, selber nicht mehr zweifeln“, schrieb er in seinen „Meditationes de prima philosophia“. In den „Prinzipien der Philosophie“ bringt er diese Erkenntnis später auf die Formel: „ego cogito, ergo sum“ („ich denke, also bin ich“). Aus dem hieraus Zusammengezogen und uns viel Geläufigerem „Cogito ergo sum“, folgt selbstverständlich keineswegs, dass derjenige, der nicht dächte, auch nicht sei, obwohl dies Vieles bedeutend einfacher machen würde. Nein, offensichtlich ist auch derjenige, der nicht denkt. Und Manche macht das noch viel gefährlicher. Stefan Rehder