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    Glosse: Es geht auch ohne die NSA

    „Sag' mir, was Du liest – und ich sag' Dir, wer Du bist“. So selbstsicher präsentierten sich viele Jugendliche, als man in bürgerlichen Kreisen noch annahm, dass es das Bewusstsein sei, welches das Sein bestimme, wenn sie zum ersten Mal einen ihrer Klassenkameraden besuchten und vor dessen Bücherwand standen. Heute sind nicht nur die Bücher weitgehend aus den Zimmern verbannt und von Laptops, Fernsehern und DVD-Sammlungen ersetzt worden. Auch Urteile darüber, wer jemand sei, gehen Jugendlichen nicht mehr so leicht über die Lippen. Was weniger daran liegt, dass der „jugendliche Leichtsinn“ heute Heranwachsenden abhanden gekommen wäre, sondern vielmehr daran, dass die Verwaltung der vielen „Vize-Egos“, die manche heute zu unterhalten pflegen, zu einer geradezu herkulischen Aufgabe geraten ist, die einen auch selbst verunsichern kann. Denn in den westlichen Konsumgesellschaften, in denen von der Schuhsohle bis zum Shampoo so gut wie alles zu einem „Statement“ gerät, sagt man zwar viel über sich, aber kaum noch etwa von sich aus. Das gilt mitunter auch für die Kommunikation in sozialen Netzwerken. Hier kann man Freundschaften pflegen und selbst über große Distanzen hinweg am Leben der anderen teilnehmen, hier kann man sich aber – im Kampf um Aufmerksamkeit – aber auch verlieren. Da kann es durchaus entlasten, sich daran zu erinnern, dass es zumindest Einen gibt, der sich immer für mich interessiert. Und dass ohne dass ich mich als interessant darstellen müsste. Und ja richtig: Mit der NSA hat er nichts zu tun. Stefan Rehder

    „Sag' mir, was Du liest – und ich sag' Dir, wer Du bist“. So selbstsicher präsentierten sich viele Jugendliche, als man in bürgerlichen Kreisen noch annahm, dass es das Bewusstsein sei, welches das Sein bestimme, wenn sie zum ersten Mal einen ihrer Klassenkameraden besuchten und vor dessen Bücherwand standen. Heute sind nicht nur die Bücher weitgehend aus den Zimmern verbannt und von Laptops, Fernsehern und DVD-Sammlungen ersetzt worden. Auch Urteile darüber, wer jemand sei, gehen Jugendlichen nicht mehr so leicht über die Lippen. Was weniger daran liegt, dass der „jugendliche Leichtsinn“ heute Heranwachsenden abhanden gekommen wäre, sondern vielmehr daran, dass die Verwaltung der vielen „Vize-Egos“, die manche heute zu unterhalten pflegen, zu einer geradezu herkulischen Aufgabe geraten ist, die einen auch selbst verunsichern kann. Denn in den westlichen Konsumgesellschaften, in denen von der Schuhsohle bis zum Shampoo so gut wie alles zu einem „Statement“ gerät, sagt man zwar viel über sich, aber kaum noch etwa von sich aus. Das gilt mitunter auch für die Kommunikation in sozialen Netzwerken. Hier kann man Freundschaften pflegen und selbst über große Distanzen hinweg am Leben der anderen teilnehmen, hier kann man sich aber – im Kampf um Aufmerksamkeit – aber auch verlieren. Da kann es durchaus entlasten, sich daran zu erinnern, dass es zumindest Einen gibt, der sich immer für mich interessiert. Und dass ohne dass ich mich als interessant darstellen müsste. Und ja richtig: Mit der NSA hat er nichts zu tun.