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    Glosse: Engelein zum Brot

    Gereimte Weisheiten genießen oft nur „um des Reimes willen“ (Christian Morgenstern) höchste Wertschätzung. Erich Kästners Verslein, nach dem es Gutes nur gibt, sofern man es tut, ist deshalb über jeden Widerspruch erhaben. Es ist das Motto des verpönten Gutmenschen. Aber auch auf das Gegenteil lässt sich ein Reim machen. Wilhelm Busch propagiert das ethische Nichtstun. Für ihn ist das Gute das Böse, das man unterlässt. Dieser Widerstreit in Versform bedarf dringend der Auflösung, die uns der berühmteste Rotschopf aller Zeiten liefert. Pumuckl konstatiert zur Genugtuung aller Poeten: „Alles, was sich reimt, ist gut.“ Womit wir Dichtung und Wahrheit auf das Schönste zu Friede, Freude, Eierkuchen verreimt hätten. Wie romantisch, wie unmodern.

    Gereimte Weisheiten genießen oft nur „um des Reimes willen“ (Christian Morgenstern) höchste Wertschätzung. Erich Kästners Verslein, nach dem es Gutes nur gibt, sofern man es tut, ist deshalb über jeden Widerspruch erhaben. Es ist das Motto des verpönten Gutmenschen. Aber auch auf das Gegenteil lässt sich ein Reim machen. Wilhelm Busch propagiert das ethische Nichtstun. Für ihn ist das Gute das Böse, das man unterlässt. Dieser Widerstreit in Versform bedarf dringend der Auflösung, die uns der berühmteste Rotschopf aller Zeiten liefert. Pumuckl konstatiert zur Genugtuung aller Poeten: „Alles, was sich reimt, ist gut.“ Womit wir Dichtung und Wahrheit auf das Schönste zu Friede, Freude, Eierkuchen verreimt hätten. Wie romantisch, wie unmodern.

    Die heutige Realität orientiert sich lieber an Fakten statt an ethisch relevanten Reimen. Wo immer wir hinkommen, überall lauern uns die Fakten auf. Sogar die Bildung, die wir via Krippe, Kindergarten, Schule, Universität produzieren, untersteht ihrem Regiment. Ja, die Bildung selber gilt als weltumspannendes Faktum, das die Aussicht auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz erhöht – eine Aussicht, die in unserem Weltbild bereits zum Faktum geronnen ist, obwohl das ein gutes Stück schulterklopfende Einbildung enthält. Ein realistischer Blick auf die Arbeitslosenstatistik genügt. Ist unser Leben aber wirklich nichts als Faktenhuberei? Was für eine langweilige Vorstellung! Ein Leben ohne den Reim, den wir uns auf die Fakten machen, wäre nur noch ödeste Prosa. Da halten wir uns lieber an den schlesischen Schwan Friederike Kempner, die „einer Zeit der Unliebe“ eine „ideellere“ gegenüberstellte, getragen von ihren versonnen dahingedichteten Versen: „Poesie ist Leben,/ Prosa ist der Tod,/ Engelein umschweben/ Unser täglich Brot.“ Bernhard Huber