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    Gesucht wird der Mann, der Rom aus dem Chaos rettet

    Eigentlich ist Rom eine Stadt, die sich für das kommende Heilige Jahr herausputzen sollte. Beim letzten Mal, vor dem großen Jubiläum des Jahres 2000, war das auch der Fall. Noch immer profitieren die Stadt und ihre Besucher von einigen Errungenschaften „von damals“, wie etwa dem Ausbau des Flughafens Fiumicino. Doch diesmal ist es genau umgekehrt. Um gleich bei diesem Flughafen anzufangen. Im Mai legte ein Großband den für Auslandsreisende wichtigen Terminal 3 lahm, seither funktioniert dort vieles nur provisorisch.

    Bürgermeister Ignazio Marino. Foto: dpa

    Eigentlich ist Rom eine Stadt, die sich für das kommende Heilige Jahr herausputzen sollte. Beim letzten Mal, vor dem großen Jubiläum des Jahres 2000, war das auch der Fall. Noch immer profitieren die Stadt und ihre Besucher von einigen Errungenschaften „von damals“, wie etwa dem Ausbau des Flughafens Fiumicino. Doch diesmal ist es genau umgekehrt. Um gleich bei diesem Flughafen anzufangen. Im Mai legte ein Großband den für Auslandsreisende wichtigen Terminal 3 lahm, seither funktioniert dort vieles nur provisorisch.

    Doch die Liste des Ungemachs ist viel länger und umfassend: Seit Februar dieses Jahres fegten zwei Verhaftungswellen durch die Stadt. Es ging um „Mafia Capitale“, um Verbrecherbanden, die über Korruption öffentliche Aufträge, etwa zur Flüchtlingsbetreuung, ergattert hatten und damit mehr Geld verdienten als mit Drogengeschäften. Politiker, kommunale Beamte und Ganoven landeten hinter Gittern. Dann der öffentliche Nahverkehr: Verspätungen, tumultartige Szenen in U-Bahn-Stationen, da die Fahrer der Metrobahnen einen Bummelstreik angetreten hatten. Oben auf der Erde verspätete oder gar nicht fahrende Busse. Und überall Müll. Das städtische Entsorgungsunternehmen „ama“ kommt mit der Straßenreinigung nicht nach.

    Aber der Römer ist stolz und es braucht immer einen psychologischen Knackpunkt, um zu bemerken, dass man nicht alleine auf diesem Planeten ist und die Welt einem zuschaut, vor der man sich dann auch für Skandale und Missstände bisweilen rechtfertigen muss, da man schließlich ein Magnet des Tourismus für Besucher aus allen Kontinenten ist. Der Knackpunkt kam letzte Woche von außen, als die internationale Ausgabe der „New York Times“ den „Verfall Roms“ zum Aufmacherthema für die Seite eins machte und ein Bild dazu setzte, das zeigt, wie drei Fußgänger in Trastevere vor einer mit Graffiti übersäten Wand an Müllsäcken, Kartons und Unrat vorbeilaufen. Dazu der Untertitel: „Der Bürgermeister ist ein ehrenwerter Mann, aber ist er auch in der Lage, den Untergang der Ewigen Stadt aufzuhalten?“

    Dieser Bürgermeister heißt Ignazio Marino und ist ein international anerkannter Transplantationschirurg. Diese Karriere brach er ab, er spürte eine Berufung zur Politik und wurde über die Liste der Demokratischen Partei 2006 in den italienischen Senat gewählt. Ein Versuch, die Parteiführung zu erobern, misslang kläglich. Aber 2013 winkte das Amt des Bürgermeisters von Rom und mit der Unterstützung seiner Partei gewann er die Wahl – ohne allerdings ein Gefolgsmann von Matteo Renzi zu sein. Seit zwei Jahren nun versucht Marino, die seit jeher stark regierungsresistente Stadt zu regieren. Seine erste Tat – die Straßen rund um das Kolosseum zur autofreien Zone zu erklären und die umliegenden Stadtviertel in einem Verkehrschaos zu versenken – blieb auch die einzige. Seit spätestens diesem Jahr sucht ein Skandal nach dem anderen die Stadtregierung heim. Und am vergangenen Wochenende, befeuert durch das von der „New York Times“ gemalte Untergangsszenario, erklärten dann die Medien den römischen Notstand. Am Flughafen Fiumicino hatten streikende Piloten zur Tourismus-Hochsaison den Flugverkehr lahmgelegt, die Bilder vom Müll in Rom überschwemmten die Nachrichten, bei der Metro und beim Busverkehr schien gar nichts mehr pünktlich zu laufen und bei den Ausgrabungen von Pompeji standen die Besucher stundenlang vor geschlossenen Kartenhäuschen in der sengenden Sonne, weil die Angestellten sich zu einer Gewerkschaftssitzung zurückgezogen hatten. Jeder weiß, dass Pompeji bei Neapel und nicht bei Rom liegt. Aber der Fall war so typisch, dass ihn Politik und Medien kurzerhand dem römischen Desaster zuschlugen.

    Noch am Freitag ging Bürgermeister Marino in die Offensive und entließ den gesamten Aufsichtsrat des römischen Transportunternehmens ATAC. Von dem für Verkehrswesen zuständigen Assessor in der Stadtverwaltung hatte er sich schon vorher getrennt. Auch die Assessorin für Finanzen und Bilanzen gab am Wochenende auf. Beide sind Parteigenossen des Bürgermeisters, aber eben auch Vertrauensleute von Matteo Renzi, was Marino nicht ist. Heute will dieser der Stadtversammlung eine neue Regierungsmannschaft präsentieren. Wenn er das Vertrauen der Mehrheit behält, kann er weiterregieren. Doch hat er dazu die persönliche Kompetenz?

    Die Stadt Rom bräuchte eine Rosskur. Vom Nahverkehr über den Müll bis zum Zustand der Straßen und Plätze liegt vieles im Argen. Ein Beispiel ist die ATAC. In nur vier Jahren hat sie neunhundert Millionen Euro Verlust eingefahren und ist völlig überschuldet. Ineffizientes Management und ein hoher Personalstand treiben die Kosten hoch. Im öffentlichen Nahverkehr werden nach internationalem Standard die Gesamtkosten eines Transportunternehmens pro gefahrenem Kilometer der Busse oder Bahnen kalkuliert. In England kostet ein gefahrener Buskilometer 2,40 Euro, in Rom 7,30 Euro. Marino spricht von einer Teilprivatisierung der ATAC und von einer Kapitalaufstockung – mit der Hoffnung auf einen Investor aus China, den arabischen Staaten oder Deutschland. Er muss sehr schnell zeigen, dass er durchgreifen kann. Nicht nur das Heilige Jahr steht ihm bald ins Haus. Auch Matteo Renzi kann nicht länger warten. Rom ist eins der Aushängeschilder seines Landes – und seiner Regierung, die den Geruch der italienischen Krankheit abstreifen will. Da kann er Titelgeschichten wie die in der „New York Times“ nicht gebrauchen.