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    Gefahr der Explosion

    Nach dem verheerenden Erdrutsch Mitte August mit hunderten Toten wurde Sierra Leones Hauptstadt Freetown Anfang vergangener Woche erneut von einer schweren Katastrophe betroffen. Sintflutartige Regenfälle beschädigten hunderte Häuser. Autofahrer mussten sich in Sicherheit bringen, als die Wassermassen ihre Fahrzeuge wegschwemmten, meldete die örtliche Zeitung „The Telegraph“. Anwohner im größten Elendsviertel des Landes – Kroo Bay – riefen bei Rundfunksendern an und berichteten, das gesamte Gebiet stehe unter Wasser. Viele Bewohner hätten sich auf die Dächer ihrer Behausungen gerettet. Die Regierung rief die Bevölkerung angesichts anhaltender Niederschläge dazu auf, zu Hause zu bleiben.

    Erdrutsch in Sierra Leone
    Immer mehr Tote müssen geborgen werden, teils unter schwierigen Bedingungen. Foto: dpa

    Nach dem verheerenden Erdrutsch Mitte August mit hunderten Toten wurde Sierra Leones Hauptstadt Freetown Anfang vergangener Woche erneut von einer schweren Katastrophe betroffen. Sintflutartige Regenfälle beschädigten hunderte Häuser. Autofahrer mussten sich in Sicherheit bringen, als die Wassermassen ihre Fahrzeuge wegschwemmten, meldete die örtliche Zeitung „The Telegraph“. Anwohner im größten Elendsviertel des Landes – Kroo Bay – riefen bei Rundfunksendern an und berichteten, das gesamte Gebiet stehe unter Wasser. Viele Bewohner hätten sich auf die Dächer ihrer Behausungen gerettet. Die Regierung rief die Bevölkerung angesichts anhaltender Niederschläge dazu auf, zu Hause zu bleiben.

    Noch immer regnet es heftig in Sierra Leone. Weitere Hangrutschungen und der Ausbruch von Seuchen drohen. Dabei hat sich Freetown kaum von den Folgen der Schlammlawine vor drei Wochen erholt. So steht die Zahl der Toten wegen der vielen Vermissten nach wie vor nicht eindeutig fest. Die Regierung geht von mehr als 1 000 Todesopfern aus. In der Nacht zum 14. August ereignete sich die Katastrophe in der Umgebung Freetowns. Dreitägige schwere Regenfälle verursachten Überschwemmungen und einen gigantischen Erdrutsch. Die Zahl der geborgenen Toten stieg in den vergangenen Tagen immer weiter an. Zurzeit liegt sie bei rund 500. Es ist von 800 Vermissten die Rede. Unter den geborgenen Toten sind mehr als 150 Kinder. Das bestätigt im Gespräch mit dem Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ Pater Michael Selenga Bassie aus Freetown: „Das war eine sehr schlimme Situation, denn der Regen fiel, als die Menschen noch schliefen. Und es kam zu sehr schrecklichen Schlammlawinen.“

    Rund 350 Häuser und Hütten wurden weggeschwemmt. Die Bergung der Opfer gestaltet sich ausgesprochen schwierig, weil schweres Gerät fehlt. Häufig haben die Retter nur Schaufeln, um sich durch den Schlamm zu arbeiten. Die Überschwemmungen in Sierra Leone zählen jetzt schon zu den folgenschwersten Katastrophen dieser Art in Afrika. Ohnehin gehört Sierra Leone, das gerade erst die Ebola-Seuche und davor einen langjährigen Bürgerkrieg überstanden hat, zu den ärmsten Staaten der Welt.

    Auch über das Ausmaß der neuerlichen Katastrophe herrscht Ungewissheit. Klar ist dagegen, worin die zentralen Ursachen der Überschwemmungskatastrophen liegen. Sie dürften vor allem menschlichen Ursprungs sein, denn starke Regenfälle sind im tropischen Sierra Leone mit seinen gut sieben Millionen Einwohnern keine Besonderheit. Doch erst neuerdings sind die Folgen so gravierend.

    So könnten Abholzungen und illegales Bauen zum Zusammenbruch des Berges geführt haben, wie Pater Gerardo Caglioni vermutet, der dort jahrelang als Missionar tätig war. Der katholischen Nachrichtenagentur Fides sagte Caglioni, durch eine bessere Stadtplanung und Verwaltung hätte man das Unglück möglicherweise verhindern oder zumindest die Folgen eindämmen können. Ihm dränge sich der Vergleich zwischen dem Anblick der Landschaft bei seinem ersten Besuch vor 40 Jahren und seinem letzten Besuch 2016 auf. „Ganze Berghänge wurden komplett kahlgeschoren und von allem Grün befreit.“ Mit dem Holz würde hauptsächlich Kohle zum Kochen produziert, berichtet Caglione. „In diesen Jahren wurde fast der gesamte Regenwald verschluckt, der die Erde dort festhielt. Und dann seien auf diesem kahlen Bergrücken Häuser gebaut worden, ohne jegliche Kanalisation oder Entwässerung und ohne, dass es ein Gesetz gäbe, um solche Konstruktionen zu verbieten.“

    Der Missionar weist darauf hin, dass dies nur eines von vielen Problemen der Hauptstadt Freetown sei. Er kritisiert, dass illegale Siedlungen wie die auf dem Berg keinen Zugang zu Wasser oder einer funktionierenden Infrastruktur hätten. Es gebe auch keinen Notfallplan für Katastrophen wie in diesem August. Außerdem sei die ganze Stadt voller Müll, der in der Trockenzeit offen verwese und in der Regenzeit durch die Straßen bis ins Meer flösse. „Die Autoritäten müssen endlich Verantwortung für diese Stadt und ihre eineinhalb Millionen Einwohner übernehmen“, fordert Caglioni. Ansonsten sei die Stadt wie „eine Bombe, die sich darauf vorbereitet, zu explodieren“.

    Während die Weltgemeinschaft kaum Notiz nimmt vom Leid der Opfer in Sierra Leone und die internationale Hilfe nur zögerlich verläuft, hat der Papst das Thema demonstrativ aufgegriffen. In einem Telegramm an den Erzbischof von Freetown, Charles Edward Tamba, versicherte er den Überlebenden seine Nähe „in diesen schwierigen Zeiten“. Er bete für die Toten und erbitte göttlichen Segen, Stärke und Trost für deren trauernde Freunde und Familienangehörige. Das zeigt: Afrika, vor allem die ärmsten Länder des Kontinents, liegen Franziskus besonders am Herzen. Wie unter einem Brennglas bündeln sich hier die großen sozialen, ökologischen und politischen Problemlagen, die er in seiner wegweisenden Umwelt- und Sozial-Enzyklika „Laudato si“ hinterfragt. Probleme, die Afrika mit seinen vielen Potenzialen, man denke an die reichen Bodenschätze (in Sierra Leone vor allem Diamanten und Gold), zum blockierten Riesen machen.

    Wirksamer Einsatz im Kampf gegen Hunger und Armut – der Heilige Vater mahnt an vielen Stellen der Enzyklika, dass gemeinsamer Wille, gemeinsames Handeln Grundvoraussetzungen seien, den großen Bedrohungen unserer Zeit zu begegnen. Das gilt besonders für den Schutz der Umwelt. Wie anfällig die Schöpfung ist, zeigt das Beispiel Sierra Leone besonders deutlich: Die Folgen des Raubbaus an der Natur für das Leben insgesamt sind hier besonders spürbar. Nachhaltiger Schutz der Schöpfung erfordere einen Haltungswechsel, so der Papst, ein Überdenken der eigenen Ansprüche, des Konsums, der Produktionsweisen. Eine Botschaft, die sich an den oft verschwenderischen Norden richtet, aber auch an die in Afrika immer stärker werdenden superreichen Eliten, darunter nicht nur die Regierenden, sondern oft auch Milizen oder kriminelle Organisationen, die nicht selten durch hoch korrupte Netzwerke an der Macht gehalten werden, in denen einige Entscheider die Einnahmen aus dem Geschäft mit Bodenschätzen, Waffen und Schmuggel unter sich verteilen – während das Volk darbt. Auch hierfür ist Sierra Leone mit ein Musterbeispiel, selbst wenn der illegale Handel mit Bodenschätzen seit Ende des Bürgerkriegs 2002 zurückgegangen ist und die Korruptionsbekämpfung Fortschritte macht.

    Mensch, Gesellschaft, Umwelt – die großen Zusammenhänge hat Franziskus mit „Laudato si“ im Blick. Er fordert einen harmonischen Dreiklang. Wer die Enzyklika auf Umwelt und Ökologie einschränke, verpasse den Ansatz des Papstes, denn er sage klar, dass es eine nachhaltige Ökologie nicht ohne Fragen der Gerechtigkeit, Armut, Verteilung, Solidarität und Geschwisterlichkeit geben könne, betont der Jesuit Bernd Hagenkord, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Nachhaltige Ökologie solle zu einem „Paradigma der Gerechtigkeit“ werden. Alle sozialen Themen kämen vor, weil sie zusammengehörten. Damit bereichere Franziskus die katholische Soziallehre um ein weiteres Element: zu den Beziehungen zu sich selbst, zum Nächsten und zu Gott trete eine vierte hinzu, die zu Schöpfung und Umwelt. Die aktuellen Ereignisse in Sierra Leone zeigen, wie richtig der Papst liegt.