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    Gastkommentar: Zwischen Exodus und Hoffnung

    Das Jahr 2017 war kein gutes Jahr für die Christen des Nahen Ostens und anderer muslimischer Staaten. Ihre Zahl ist fast überall nochmals dramatisch zurückgegangen. Von Ulrich Delius

    Das Jahr 2017 war kein gutes Jahr für die Christen des Nahen Ostens und anderer muslimischer Staaten. Ihre Zahl ist fast überall nochmals dramatisch zurückgegangen. Dabei gilt der Nahe Osten traditionell als Wiege der Christenheit. Besonders katastrophal ist die Situation in den Gebieten des Irak, die unter der Herrschaft der Zentralregierung in Bagdad stehen. Dort gibt es heute nur noch rund 150 000 Christen.

    Im Jahr 2015 waren es noch 275 000. Zwar ist die Terrorbewegung „Islamischer Staat“ militärisch inzwischen weitgehend zerschlagen. Doch ihre menschenverachtende Ideologie lebt auch jetzt in den Köpfen vieler Menschen weiter fort. So werden religiöse Minderheiten wie die Christen im Alltag oft diskriminiert oder als vermeintlich „Ungläubige“ durch die Mehrheit diffamiert.

    Interreligiöser Dialog ist sicherlich hilfreich, um das gegenseitige Verständnis von Menschen unterschiedlichen Glaubens zu vertiefen. Die meisten Muslime in diesen Ländern haben persönlich auch keine Probleme im Zusammenleben mit christlichen Nachbarn oder Arbeitskollegen. Ein Ende der Gewalt und der Ausgrenzung religiöser Minderheiten wird im Nahen Osten auf diese Weise jedoch nicht erreicht. Denn die radikalisierten Islamisten agitieren gegen Christen, Sufis oder Bahai?í, werben für ihren „gerechten Kampf gegen Ungläubige“. Um sich selbst zu profilieren, zielen sie darauf ab, die Angehörigen dieser religiösen Minderheiten aus der Mehrheitsgesellschaft auszugrenzen.

    Diese muslimische Mehrheitsgesellschaft hat in der Regel weder die Kraft noch die Entschlossenheit, diese irreführenden Anfeindungen zurückzuweisen. Ihr gelingt es nicht, sich dem wachsenden Druck der Islamisten zu entziehen. Dadurch entsteht der fatale Eindruck, alle Muslime seien Christen gegenüber intolerant, und die Wahrheit bleibt dabei auf der Strecke. Indonesien etwa hat da einen ganz gefährlichen Weg eingeschlagen. Statt sich gegen die Pöbeleien radikaler Islamisten zu wehren, fügt man sich in dem Land einfach dem Druck der muslimischen Extremisten.

    Die muslimische Welt muss deswegen stärker daran arbeiten, wie sie sich dem zerstörerischen Einfluss radikaler Islamisten entziehen kann. Ein Zeichen der Hoffnung kommt hingegen aus Marokko. Dort fordern mittlerweile Konvertiten, dass der Staat die Religionsfreiheit respektiert und Christen sich öffentlich zu ihrem Glauben bekennen können.

    Der Autor ist Afrika-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker.

    Von Ulrich Delius

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