• aktualisiert:

    Gastkommentar: Opfer ohne Namen

    Fast 30 Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur in der DDR ist immer noch nicht bekannt, wie viele Menschen ihr zum Opfer fielen. Von Hubertus Knabe

    Fast 30 Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur in der DDR ist immer noch nicht bekannt, wie viele Menschen ihr zum Opfer fielen. Wer starb in Lagern und Gefängnissen, wer kam aus politischen Gründen in Haft? Was in anderen ehemaligen Ostblockstaaten schon vor Jahren erforscht wurde, ist in Deutschland nach wie vor ungeklärt. Selbst in Russland oder Albanien weiß man mehr über die Opfer des Kommunismus. Die Gedenkstätte im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen will das jetzt ändern. Alle, die im kommunistischen Teil Deutschlands getötet, verhaftet oder deportiert wurden, sollen identifiziert und in einer Datenbank erfasst werden. Nach jahrelangen Bemühungen, Geld für diese Herkulesaufgabe zu bekommen, stellt nun das Bundesforschungsministerium mehr als fünf Millionen Euro zur Verfügung. Dass es so lange gedauert hat, bis sich Deutschland dieses Themas annimmt, sagt viel über die Erinnerungskultur aus. Zwar gibt es in vielen ehemaligen DDR-Gefängnissen kleinere Gedenkstätten. Doch unter Geschichtswissenschaftlern ist das Interesse an den Opfern des Kommunismus gering. Über 25 Jahre hat es gedauert, bis Forscher der Freien Universität Berlin wenigstens die Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze bestimmt haben. Auch in der Öffentlichkeit spielt die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit kaum noch eine Rolle. Zu den Folgen der Einwanderungspolitik seit 2015 gehört auch, dass das Schicksal der SED-Verfolgten in der Öffentlichkeit praktisch von der Tagesordnung verschwunden ist. Entsprechend groß ist die Verbitterung vieler. Der Aufbau eines Verfolgtenregisters wird an diesem Zustand wenig ändern – auch wenn geplant ist, die Daten nach dem Vorbild der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem ins Internet zu stellen. Die Datenbank wird den Opfern aber erstmals ihren Namen zurückgeben. Vielleicht kommt der Tag, dass sich die nachwachsenden Generationen auch im Kontext der DDR fragen werden, wie es dazu kommen konnte.

    Der Autor ist Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

    von Hubertus Knabe

    Weitere Artikel