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    Gambia: Unruhen in Afrikas neuer „Islamischer Republik“

    Blickt man auf das kleine Land Gambia, scheint es, als sei es wie so oft in Afrika: Präsidentschaftswahlen haben stattgefunden, der Staatschef ist abgewählt, will aber nicht gehen, die Opposition reagiert hilflos. Tatsächlich muss man nicht lange suchen, um ähnliches zu finden. Simbabwe etwa, die Demokratische Republik Kongo oder Äthiopien. In Gambia ist es jetzt Staatspräsident Yahya Jammeh, der nach 22-jähriger Amtszeit nicht bereit ist, seine Niederlage bei den Wahlen Anfang Dezember anzuerkennen und den Weg frei zu machen für eine neue Regierung unter Herausforderer Adama Barrow.

    Gambias Präsident Yahya Jammeh mit seiner Frau Zeinal Suma Jammeh im August vor dem Weißen Haus in Washington. Foto: dpa

    Blickt man auf das kleine Land Gambia, scheint es, als sei es wie so oft in Afrika: Präsidentschaftswahlen haben stattgefunden, der Staatschef ist abgewählt, will aber nicht gehen, die Opposition reagiert hilflos. Tatsächlich muss man nicht lange suchen, um ähnliches zu finden. Simbabwe etwa, die Demokratische Republik Kongo oder Äthiopien. In Gambia ist es jetzt Staatspräsident Yahya Jammeh, der nach 22-jähriger Amtszeit nicht bereit ist, seine Niederlage bei den Wahlen Anfang Dezember anzuerkennen und den Weg frei zu machen für eine neue Regierung unter Herausforderer Adama Barrow.

    In mancherlei Hinsicht unterscheidet sich die aktuelle Lage in Gambia aber von den Geschichten, die in Afrika sonst geschrieben werden. Geschichten von Wahlmanipulation, Vetternwirtschaft, Bestechung bis hin zu offener Gewalt. Ungewöhnlich im Fall Gambia ist eines: Afrika zeigt geschlossen Flagge. So hat die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas dem abgewählten Präsidenten Jammeh am Freitag vor Weihnachten mit einer Militärintervention gedroht, sollte er nicht abtreten. Ecowas-Präsident Marcel de Sousa sagte, Ecowas habe Senegal die Federführung für ein militärisches Eingreifen übertragen, sollte Jammeh nicht seinem gewählten Nachfolger die Macht übergeben. Am 19. Januar endet Jammehs Amtszeit. „Wenn er nicht geht, haben wir eine Truppe, die bereits in Alarmbereitschaft ist, und diese Truppe wird intervenieren, um den Willen des Volkes wiederherzustellen“, sagte de Souza. Senegal nimmt eine Schlüsselrolle in der Lösung der Krise ein, da es Gamibia geografisch fast vollständig einschließt.

    Zwar droht Westafrika neben der Krise in Mali nun eine weitere militärische Konfrontation, doch das konsequente Vorgehen der afrikanischen Staatschefs gegen einen Mann aus den eigenen Reihen ist ungewöhnlich und Erfolg versprechend. Offenbar hat die starke Zunahme der Konflikte in der Region in den vergangenen Jahren – es kriselt nicht nur in Gambia und Mali, sondern auch im Niger, in Nigeria und im Tschad – zur Erkenntnis geführt, dass ein weiterer Konflikt vermieden werden muss. Zwar gehört Gambia mit seinen rund zwei Millionen Einwohnern zu den kleinsten Staaten Westafrikas, doch es leidet wie kaum ein anderes Land in der Region unter der Migration junger Menschen nach Europa. Jeder zehnte Gambier lebt inzwischen im Ausland. Hinzu kommt, dass die gambische Wirtschaft unter den Spannungen massiv leidet. 60 Prozent der Wirtschaftsleistung werden im Tourismus erarbeitet. Gerade jetzt, im europäischen Winter, müssten die an der landschaftlich reizvollen Mündung des Flusses Gambia gelegenen Hotels ausgebucht sein. Früher zog es viele Reisende ins tropische Gambia, das nur wenige Flugstunden von Europa entfernt liegt. Inzwischen warten viele Anlagen vergeblich auf Besucher. Wer verbringt seinen Urlaub gern in einem Land mit fragiler Sicherheitslage?

    Dabei befindet sich Gambia nicht erst seit den Unruhen im Umfeld der jüngsten Präsidentschaftswahlen in Turbulenzen. Jammeh, der vor 22 Jahren durch einen Putsch an die Macht kam, wird seit langem vorgeworfen, politische Gegner mit großer Brutalität zu verfolgen. Auch auf religiöse Minderheiten wuchs der Druck in dem mehrheitlich muslimischen Land. Bislang war Gambia ein säkularer Staat, doch kurz vor Weihnachten 2015 rief Jammeh die „Islamische Republik Gambia“ aus. Damit ist das Land neben Mauretanien die zweite islamische Republik in Afrika. Viele sehen darin ein Signal der Ausgrenzung aller Nicht-Muslime, berichtet das Hilfswerk „Kirche in Not“. Seit Jahren schon stehe Gambia im Fokus von Menschenrechtsorganisationen, die Jammeh eklatante Verstöße gegen die Meinungs- und Pressefreiheit vorwerfen. Regimekritiker würden inhaftiert. Es gebe Berichte, dass auch gefoltert werde. „Das Schicksal Gambias liegt in den Händen Allahs, des Allmächtigen“, sagte Jammeh am 10. Dezember 2015 bei einer Rundreise durch das Land. Angesichts der muslimischen Mehrheit, so Jammeh, könne Gambia es sich nicht leisten, das Erbe der kolonialen Vergangenheit aufrechtzuerhalten. „Von heute an ist Gambia ein islamischer Staat. Wir werden ein islamischer Staat sein, der die Rechte der Bürger respektiert.“ Zugleich betonte Jammeh, dass Christen und Anhänger anderer Religionen ihren Glauben in Gambia weiter ausleben dürften. Zudem soll es Frauen erlaubt bleiben, sich so zu kleiden, wie sie möchten. Offizielle Erläuterungen, was die Änderung für Auswirkungen haben soll, gab Jammeh nicht. Er gilt als gläubiger Muslim. Bei öffentlichen Auftritten nimmt er häufig eine Ausgabe des Koran mit.

    Der Islam ist die prägende religiöse und kulturelle Kraft in Gambia. Rund 90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, etwa neun Prozent bekennen sich zu christlichen Kirchen, etwa ein Prozent gehört traditionellen afrikanischen Glaubensgemeinschaften an. Unter den Christen sind die Katholiken in der Mehrheit. Überdies gibt es anglikanische, protestantische und pfingstkirchliche Gemeinden.

    Zwischen den islamischen Einrichtungen und der katholischen Kirche bestehen bislang gute Beziehungen, die oft auch an der Bevölkerungsbasis gelebt werden. So sind Ehen zwischen Muslimen und Christen keine Seltenheit. Schwere Last bleibt die massenhafte Flucht junger Menschen nach Europa, die in jüngster Zeit noch zugenommen hat. Mehr als 11 500 Menschen flohen im vergangenen Jahr aus Gambia, das den Vereinten Nationen zufolge zu den ärmsten Staaten der Erde gehört. Meist ist es eine Flucht vor Armut, Perspektivlosigkeit und mangelnden Entfaltungsmöglichkeiten. Die Flüchtlinge hinterlassen große Lücken, nicht nur in den Familien, sondern auch in den Gemeinden und örtlichen Glaubensgemeinschaften. Die Rücküberweisungen der Exilanten sind in vielen Familien wichtig als Einkommensquelle, doch sie können den Abschied eines jüngeren Angehörigen kaum ausgleichen.

    Die westafrikanische Gemeinschaft versucht derzeit auf diplomatischem Weg, Jammeh zur Anerkennung seiner Wahlniederlage zu bewegen. Auch der UN-Sicherheitsrat hat Jammeh vor Weihnachten aufgefordert, seine Niederlage zu akzeptieren. Doch der Präsident denkt nicht daran und mobilisierte Truppen. UNO-Menschenrechtskommissar Said Raad al-Hussein bezeichnete die Militarisierung des Konflikts als „besorgniserregend angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Gambia“. Ob das Militär Jammeh aber dauerhaft stützt, ist fraglich. Wer zahlt den Sold?