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    GLOSSE: Der Dissident in uns

    Die Dissidenten-Verehrung, die in der katholischen Kirche irgendwann an die Stelle der guten alten Heiligen-Verehrung getreten ist, hat mit den Krokodilstränen über den Rücktritt des Journalisten-Pfarrers Michael Broch wieder einmal einen kleinen Höhepunkt erreicht. Selbst zum hundertsten Geburtstag von Mutter Teresa will in der Kirche keine rechte Freude über diese große Heilige aufkommen. Wahre Freude herrscht immer nur dann, wenn man vor einem Dissidenten in die Knie gehen kann. Woher kommt das? Wir haben einmal bei Sigmund Freud nachgeschaut. Also bei Freud finden wir auf Seite 356: Mit der Verehrung der Dissidenten verehren wir den Dissidenten in uns! Na da schau doch mal einer an! Es ist der unausgegorene, trotzige Widerspruchsgeist, den wir mit dem Ende der Pubertät tief im Inneren unserer Seele vergraben haben, der nach Liebe und Zuwendung schreit, nach Aufmerksamkeit und ein wenig Beifall.

    Die Dissidenten-Verehrung, die in der katholischen Kirche irgendwann an die Stelle der guten alten Heiligen-Verehrung getreten ist, hat mit den Krokodilstränen über den Rücktritt des Journalisten-Pfarrers Michael Broch wieder einmal einen kleinen Höhepunkt erreicht. Selbst zum hundertsten Geburtstag von Mutter Teresa will in der Kirche keine rechte Freude über diese große Heilige aufkommen. Wahre Freude herrscht immer nur dann, wenn man vor einem Dissidenten in die Knie gehen kann. Woher kommt das? Wir haben einmal bei Sigmund Freud nachgeschaut. Also bei Freud finden wir auf Seite 356: Mit der Verehrung der Dissidenten verehren wir den Dissidenten in uns! Na da schau doch mal einer an! Es ist der unausgegorene, trotzige Widerspruchsgeist, den wir mit dem Ende der Pubertät tief im Inneren unserer Seele vergraben haben, der nach Liebe und Zuwendung schreit, nach Aufmerksamkeit und ein wenig Beifall.

    Natürlich ist das nicht genuin katholisch. Es ist eine Macke der Medienwelt, wo in jeder Talk-Show, auf jedem Podium, in jeder Expertenrunde natürlich auch der Stänkerer sitzen muss, der Quoten-Dissident, der in den Diskussionen für Krawall und Schmackes sorgt. Diktatur des Relativismus eben. Nichts ist klar, nichts ist eindeutig, nichts ist wahr. Es muss immer jemand anwesend sein, der das genaue Gegenteil behauptet. Und das Publikum jubelt. Aber da die Kirche auf dem Konzil bekanntlich die Fenster weit aufgerissen und den Geist der säkularen Welt mit beiden Lungen eingesogen hat, ist auch der Dissidenten-Kult in sie hineingeschwappt. Relativieren bis der Arzt kommt! Kann doch nicht sein, dass da einer unfehlbar ist, die Wahrheit sagt und sogar noch Recht haben könnte. Die pubertäre Auflehnung gegen die Gestalt des Vaters lebt in der Verehrung der Dissidenten wieder auf. Mein Gott, hat der Freud das klar erkannt. Wie gesagt, Seite 356. Nur wo ist jetzt der, der Freud widerspricht? Guido Horst