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    GASTKOMMENTAR: Leid wird nur verschoben

    Am 6.Juli 2010 traf der Bundesgerichtshof die Entscheidung, die Präimplantationsdiagnostik (PID) im Grundsatz als nicht strafbar zu erklären. Das Urteil wird die Praxis der Reproduktionsmedizin in Deutschland verändern und dazu beitragen, dass sich neue Normen etablieren. Werdenden Eltern wird es nicht weniger Leid bereiten. Dem Bestreben, die PID nun auch in Deutschland zu etablieren, liegt nicht nur das ärztliche Anliegen, verzweifelten Eltern zu helfen zugrunde, sondern auch handfeste wirtschaftliche und Forschungsinteressen. Äußerst fraglich ist zudem, ob hier Regelungen und Begrenzungen der Anwendung greifen können. Welche Verantwortung werden ReproduktionsmedizinerInnen dafür übernehmen, dass die Methode den immer wieder genannten extremen Einzelfällen vorbehalten bleibt? Wer wird die versprochene Einhaltung strenger Kriterien garantieren und überwachen? Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass dies nicht geschieht – wie auch auf anderen medizinethischen Grenzgebieten. Auch für den späten Abbruch nach Pränataler Diagnostik (PND) existieren ärztliche Empfehlungen zu einer Begrenzung bis zur 24. Schwangerschaftswoche. Hebammen erleben trotzdem täglich, dass diese nicht eingehalten werden und welche ungeheure körperliche und psychische Belastung dies für die Frauen mit sich bringt. Die Einführung der PID wird die PND nicht ersetzen und damit auch die Praxis der Spätabbrüche nicht eindämmen, auch wenn die beiden Methoden in der ethischen Argumentation oft gegeneinander abgewogen werden.

    Am 6.Juli 2010 traf der Bundesgerichtshof die Entscheidung, die Präimplantationsdiagnostik (PID) im Grundsatz als nicht strafbar zu erklären. Das Urteil wird die Praxis der Reproduktionsmedizin in Deutschland verändern und dazu beitragen, dass sich neue Normen etablieren. Werdenden Eltern wird es nicht weniger Leid bereiten. Dem Bestreben, die PID nun auch in Deutschland zu etablieren, liegt nicht nur das ärztliche Anliegen, verzweifelten Eltern zu helfen zugrunde, sondern auch handfeste wirtschaftliche und Forschungsinteressen. Äußerst fraglich ist zudem, ob hier Regelungen und Begrenzungen der Anwendung greifen können. Welche Verantwortung werden ReproduktionsmedizinerInnen dafür übernehmen, dass die Methode den immer wieder genannten extremen Einzelfällen vorbehalten bleibt? Wer wird die versprochene Einhaltung strenger Kriterien garantieren und überwachen? Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass dies nicht geschieht – wie auch auf anderen medizinethischen Grenzgebieten. Auch für den späten Abbruch nach Pränataler Diagnostik (PND) existieren ärztliche Empfehlungen zu einer Begrenzung bis zur 24. Schwangerschaftswoche. Hebammen erleben trotzdem täglich, dass diese nicht eingehalten werden und welche ungeheure körperliche und psychische Belastung dies für die Frauen mit sich bringt. Die Einführung der PID wird die PND nicht ersetzen und damit auch die Praxis der Spätabbrüche nicht eindämmen, auch wenn die beiden Methoden in der ethischen Argumentation oft gegeneinander abgewogen werden.

    Die Freigabe der PID wird auch nicht Leid verhindern, sondern Ebenen des Leids verschieben. Die PID ist gekoppelt an die IVF, die extrakorporale Befruchtung im Reagenzglas – eine Methode, die für die betroffenen Frauen mit erheblichen gesundheitlichen Risiken und großem körperlichem und seelischem Stress verbunden ist. Die Chance, dass auf diese Weise ein Kind geboren wird, liegt bei 25-30 Prozent. Die Zulassung der PID wird die Praxis der IVF ausweiten. Zunehmend werden Frauen, die eigentlich schwanger werden könnten, eine IVF in Anspruch nehmen. Um ein genetisch gesundes Kind zu bekommen, werden sie sich auf den langen und auch leidvollen reproduktionsmedizinischen Weg begeben. Wo Selektion zum Normalfall wird, etablieren sich neue Pflichten. Unter diesen Umständen könnte die Akzeptanz für Eltern, die sich für ihr behindertes Kind entschieden haben, weiter sinken und sich die Pflicht zur Geburt genetisch gesunder Kinder – durch die Inanspruchnahme von PID und PND – verstärken. Neben dem Recht auf ein Kind, wird sich das Recht auf ein gesundes Kind weiter etablieren. Was aber ist mit dem Recht eines Kindes, von seinen Eltern bedingungslos akzeptiert und geliebt zu werden? Mit der Freigabe der PID vollzieht sich – von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – ein Wertewandel, dessen Folgen kaum kontrollierbar sein werden. Vom allerersten Anfang bis zum Ende der Schwangerschaft ist der werdende Mensch zur Selektion freigegeben. Der Deutsche Hebammenverband sieht dies mit großer Besorgnis.

    Dr. Angelica Ensel ist Hebamme, Ethnologin und Journalistin.

    VON ANGELICA ENSEL