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    Fukushima ist nicht Tschernobyl

    Die Strahlung aus dem beschädigten Kernkraftwerk Fukushima erreicht bald auch Deutschland. Erinnerungen an Tschernobyl werden wach.

    Professor Andreas Buck ist Nuklearmediziner an der Universität Würzburg. Foto: Archiv

    Die Strahlung aus dem beschädigten Kernkraftwerk Fukushima erreicht bald auch Deutschland. Erinnerungen an Tschernobyl werden wach. Hat die Strahlung Auswirkungen auf Mensch und Umwelt?

    Wir gehen davon aus, dass diese Strahlung so gering sein wird, dass man keine echte Gefährdung annehmen kann. Die erwarteten Messwerte sind viel geringer als die, welche wir als natürliche Strahlung messen. Es handelt sich in Japan derzeit noch um einen ganz anderen Strahlenunfall als es in Tschernobyl der Fall gewesen ist. Dort hat es ja eine Explosion und einen Brand gegeben, durch den die Radioaktivität in die Atmosphäre gebracht wurde. In Japan handelt es sich aber nur – so wie ich das bisher verstehe – um ein relativ kleines Leck in einem Reaktor.

    Gesetzt den Fall, es kommt zu einem Super-GAU. Bestünde dann Gefahr?

    Selbst bei einem großen Zwischenfall sind wir doch so weit weg – 10 000 Kilometer –, dass sich keine relevante Belastung für die Bevölkerung oder die Umwelt ergeben sollte. In Deutschland kann nichts passieren, für die Bevölkerung in Japan hätte ein Super-GAU natürlich dramatische Folgen.

    Sie sehen keine Gefahr für Deutschland. Zugleich häufen sich Meldungen, dass in ganz Europa Jod-Tabletten in den Apotheken aufgekauft werden. Ist das eine Übertreibung?

    Absolut. Man kann nur davon abraten, Jod jetzt einzunehmen, weil es in hohen Dosen auch Nebenwirkungen haben kann. Aktuell gibt es dazu überhaupt keine Veranlassung. Es wird dringend empfohlen, sich an die aktuellen Empfehlungen des Bundesministeriums für Umwelt zu halten.

    Was sind das für Nebenwirkungen?

    Es gibt Menschen, die eine Schilddrüsenerkrankung haben, das aber gar nicht wissen, und die dann mit einer deutlichen Überfunktion der Schilddrüse reagieren können. Dies kann mitunter auch gefährlich werden.

    Drei Arbeiter im Kernkraftwerk sollen einer Strahlung von 170–180 Millisievert ausgesetzt gewesen sein. Welche gesundheitlichen Auswirkungen hat das?

    Wir wissen, dass bei dieser Dosis keine akute Reaktion auf die Bestrahlung eintritt. Der Mensch merkt davon nichts, er hat keine Beschwerden. Wenn man genau untersucht, könnten allerdings Blutbildveränderungen in geringem Maße messbar sein. Aber das führt zu keinen klinischen Symptomen.

    Wann würde es denn lebensbedrohlich?

    Erste Symptome gibt es ab 500 Millisievert. Ab 1 000 Millisievert spricht man von der Strahlenkrankheit, es treten zusätzlich Symptome im Magen-Darm-Bereich auf mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfällen. Ab einer Strahlenexposition von 5 000 Millisievert muss man bereits davon ausgehen, dass 50% der betroffenen Personen an der Strahlenkrankheit sterben werden. Das passiert nicht sofort, aber dann kann die Strahlenerkrankung bereits so weit fortgeschritten sein, dass sich das Gewebe nicht mehr erholen kann.

    Wie viele Menschen sind denn in Tschernobyl direkt an der Strahlung verstorben?

    Es gab bis zu 200 Personen, die eine Strahlenerkrankung bekommen haben. Es handelt dabei um die Menschen, die mit Aufräumarbeiten beschäftigt waren. Wie viele davon noch leben, weiß ich nicht. Es sind aber zahlreiche Todesfälle bekannt, die sicher auf die Strahlenwirkung zurückzuführen sind. Es sind auch vermehrt bösartige Tumoren aufgetreten, die dann indirekt zum Tode geführt haben. Nach einem Bericht des Tschernobyl-Forums, an dem auch die WHO und die IAEA beteiligt waren, werden etwa 50 Todesfälle direkt auf die Strahlenwirkungen zurückgeführt. Es gibt damit keinen Beleg für viele Tausende oder Millionen von Todesfällen, die durch Tschernobyl verursacht worden sein sollen, wie das in diesen Tagen zu lesen ist.