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    Für den Menschen steht viel auf dem Spiel

    Frankreichs neuer Staatspräsident Emmanuel Macron ist mit vielen Reformversprechen angetreten. Auch wenn seine Popularität gerade im Sinkflug ist – oder gerade deshalb: An den geplanten politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen will der 39-Jährige festhalten. Ein jüngstes Beispiel dafür: Lesbische Paare sollen ab dem kommenden Jahr das Recht auf künstliche Befruchtung erhalten. Schon vor seinem Wahlsieg im Mai hatte Macron dahingehend eine Reform in Aussicht gestellt.

    French president meets the representatives of religions at Elysee
    Entschiedener Gegner der geplanten Bioethik-Reformen der neuen französischen Regierung: der Pariser Erzbischof Kardinal ... Foto: dpa

    Frankreichs neuer Staatspräsident Emmanuel Macron ist mit vielen Reformversprechen angetreten. Auch wenn seine Popularität gerade im Sinkflug ist – oder gerade deshalb: An den geplanten politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen will der 39-Jährige festhalten. Ein jüngstes Beispiel dafür: Lesbische Paare sollen ab dem kommenden Jahr das Recht auf künstliche Befruchtung erhalten. Schon vor seinem Wahlsieg im Mai hatte Macron dahingehend eine Reform in Aussicht gestellt.

    Nun kündigte Marlene Schiappa, die für Gleichstellungspolitik zuständige Staatssekretärin, für das Jahr 2018 eine Reform des Bioethik-Gesetzes an. Darin sind Fragen wie die der künstlichen Befruchtung, Embryonenforschung, Organspende oder der Pränataldiagnostik geregelt. Schiappa zufolge sieht die Neuerung auch vor, den Zugang zu künstlicher Befruchtung auf alleinstehende Frauen auszuweiten. Zurzeit ist die sogenannte In-Vitro-Fertilisation in Frankreich nur heterosexuellen Paaren erlaubt, die aus medizinischen Gründen keine Kinder bekommen können. Homosexuelle oder alleinstehende Frauen reisen deswegen häufig ins Ausland, um eine künstliche Befruchtung vorzunehmen.

    Auch wenn Macron bereits im Wahlkampf bekräftigte, dass er hinter einem erweiterten Zugang zu künstlicher Befruchtung steht: Maßgeblich verantwortlich für die nun entbrannte Diskussion ist die Staatssekretärin Schiappa. Die 32-Jährige verfasste neben ihrer politischen Tätigkeit mehrere Bücher zur Gleichstellung von Mann und Frau. Zudem setzt sie sich im Internet sowie in diversen Essays für feministische Belange ein. Premierminister Edouard Philippe, der Schiappa ins Kabinett berufen hat, vertritt in der Debatte keineswegs mit der gleichen Überzeugung die Position der Staatssekretärin für Geschlechtergerechtigkeit. Noch 2013 sprach er sich öffentlich gegen die gesellschaftspolitische Reform aus. Zuletzt erklärte er jedoch bei einem Auftritt im französischen Fernsehen, seine Meinung geändert zu haben, nachdem er in Belgien und Spanien Paare getroffen habe, die jene Methode angewendet hätten. Nun sei er bereit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

    Dennoch: In der Regierung Macron herrscht keinesfalls Konsens über Schiappas Vorstoß. Kurze Zeit nach der Ankündigung, lesbischen Paaren den Zugang zu künstlicher Befruchtung zu ermöglichen, ruderten mehrere Minister zurück. Innenminister Gérard Collomb wies auf die Probleme hin, die solch eine Maßnahme zweifellos mit sich brächte. „Ich schlage vor, das Problem der Arbeitslosigkeit anzugehen, ehe man sich dieses gesellschaftliche Problem vornimmt“, so der Minister. Gesetzesänderungen zur künstlichen Befruchtung hätten überhaupt keine Priorität für die Regierung. Ins selbe Horn stieß Gérard Darmarin, Minister für den Haushalt: Es handele sich um eine „äußerst komplizierte Angelegenheit“. Wirtschaftliche und soziale Probleme stünden im Fokus. Und der Elysée-Palast ließ verlauten: „Bei einem Thema wie diesem darf man die Dinge nicht vom einen Tag auf den anderen umkippen.“

    Die Zurückhaltung begründet sich wohl aus den Erfahrungen, die die Vorgängerregierung unter dem Sozialisten Francois Hollande machte: Mit der 2013 eingeführten „Ehe für alle“ wollte er auch das Recht auf künstliche Befruchtung ausweiten. Da die Mehrheit der Gesellschaft dies jedoch nicht befürwortete, musste er seine Pläne fallenlassen. Anders als zu Hollandes Zeiten scheint Macron nun weniger Widerstand zu drohen. So gab etwa der Nationale Ethikrat bereits im Juni grünes Licht. Aus konservativen und kirchlichen Kreisen sind aber weiterhin Gegenstimmen zu vernehmen.

    Einer der populärsten Gegner ist der Pariser Erzbischof Kardinal Andre Ving-Trois. In einem ausführlichen Interview mit der Zeitung „La Croix“ beschwerte er sich über die unehrliche Darstellung der Thematik in den Medien. Es sei nicht richtig, ein Thema, bei dem für den Menschen so viel auf dem Spiel steht, so zu behandeln, als hätte es kaum Auswirkungen auf den Menschen. „Für mich ist es das wichtigste zu wissen, wie das Kind gesehen wird“, sagte der Kardinal. „Ist das Kind nur ein Objekt, um den Wunsch oder das Bedürfnis anderer zu erfüllen? Oder sieht man es als Person mit eigenen Rechten?“, fragte er. Darüber hinaus sprach er davon, dass der Eingriff einer künstlichen Befruchtung zu einer „Verdinglichung des Kindes“ führe. Es gehe nicht um die Frage, ob ein lesbisches Paar in der Lage sei, ein Kind großzuziehen. „Das Gesetz ist nicht da, um Ausnahmefälle zu regulieren, sondern es muss etwas über die Gesamtheit der Gesellschaft sagen“, so der Erzbischof von Paris. In diesem besonderen Fall würde bestätigt, dass das Kind leben könne, ohne seinen Vater zu kennen. Zudem gab Vingt-Trois zu bedenken, dass homosexuelle Männer ähnliche Forderungen stellen könnten. „Wenn man das Argument der Gleichberechtigung der Geschlechter in Betracht zieht, um den Zugang zu künstlicher Befruchtung für Lesben zu rechtfertigen, führt das logischerweise zur Möglichkeit der Leihmutterschaft.“ Die politischen Verantwortlichen, so der Kardinal, müsse man sensibilisieren. Die unterschiedlichen Positionen dürften nicht auf dem Schachbrett des Modernismus und des Konservatismus geopfert werden.

    Wie sieht das weitere Vorgehen der Regierung aus? Premierminister Edouard Philippe ließ verlauten, dass noch nichts endgültig entschieden sei, wenngleich Präsident Macron eine Ausweitung des Zugangs zu künstlicher Befruchtung befürworte. Und auch Marlene Schiappa ruderte wieder etwas zurück: Noch stehe kein detaillierter Fahrplan fest. Sie sei jedoch zuversichtlich, dass die Ausweitung bis zum Ende von Macrons fünfjähriger Amtszeit beschlossen werde.