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    Frust allein ist noch kein Motiv

    Obwohl Givi bereits in jungen Jahren, noch in seinem Herkunftsland, Korankurse besuchte und lernte, den Qur?an zu rezitieren, fing seine bewusste religiöse Suche in Österreich an – enden sollte sie in einer salafistischen Moschee.“ Diese Biografie steht für viele, meint eine Studie, die am Dienstag veröffentlicht wurde, und die zeigen will, dass Frustration und Mangel an beruflichen Perspektiven alleine nicht ausreichend sind, um die Radikalisierung junger Muslime in Europa zu erklären. Der Kaukasier Givi, der Arabisch spricht, weil die Sprache des Koran „auch am Tag der Auferstehung gesprochen“ werde, wandelte sich erst in Wien vom traditionsbewussten Tschetschenen zum salafistischen Muslim. Seinen aktuellen Gefängnisaufenthalt sieht er als Chance, sich religiös weiter zu vertiefen.

    Koranverteilaktion
    Die „Lies!“-Bewegung gilt als führend unter den salafistischen Gruppen im deutschsprachigen Raum. Foto: dpa

    Obwohl Givi bereits in jungen Jahren, noch in seinem Herkunftsland, Korankurse besuchte und lernte, den Qur?an zu rezitieren, fing seine bewusste religiöse Suche in Österreich an – enden sollte sie in einer salafistischen Moschee.“ Diese Biografie steht für viele, meint eine Studie, die am Dienstag veröffentlicht wurde, und die zeigen will, dass Frustration und Mangel an beruflichen Perspektiven alleine nicht ausreichend sind, um die Radikalisierung junger Muslime in Europa zu erklären. Der Kaukasier Givi, der Arabisch spricht, weil die Sprache des Koran „auch am Tag der Auferstehung gesprochen“ werde, wandelte sich erst in Wien vom traditionsbewussten Tschetschenen zum salafistischen Muslim. Seinen aktuellen Gefängnisaufenthalt sieht er als Chance, sich religiös weiter zu vertiefen.

    Welche Rolle spielt die Religion in islamistischen Radikalisierungsprozessen? Dieser Frage hat der an der Universität Wien wirkende islamische Theologe Ednan Aslan in 29 biografischen Interviews mit straffälligen Muslimen (26 von ihnen in Gefängnissen, drei in Jugendeinrichtungen) in Österreich nachgespürt. Zwei Drittel der befragten Männer haben die russische Staatsbürgerschaft und sind ethnische Tschetschenen. Das wichtigste Ergebnis der Studie ist wohl, dass die aktive Auseinandersetzung „mit Inhalten, Normen und Wertvorstellungen der islamischen Lehre“ bei der Radikalisierung eine maßgebliche Rolle spielt. „Diese intensive Auseinandersetzung mit theologischen Themen stellt bei vielen Befragten einen Wendepunkt in ihrem Leben dar, der mehrheitlich positiv bewertet wird.“

    Aufschlussreich ist, dass der Großteil der Befragten aus einem gläubigen muslimischen Elternhaus stammt und die Grundlagen des Islam bereits vor der Radikalisierung kannte. Die weit verbreitete Ansicht, radikale Muslime hätten meist nur eine geringe Kenntnis ihrer Religion, habe sich in dieser Untersuchung nicht bestätigt, heißt es in dem 310 Seiten starken Werk. Der Autor räumt allerdings ein, dass international jene Studien, die Religion als hauptursächlich für islamistische Radikalisierung sehen, in der Minderheit sind. Sein Fazit: „Unabhängig von ihrem religiösen Wissensstand sieht eine radikalisierte Person in der Theologie ein Angebot, das ihrem Leben Sinn und Struktur verleiht.“

    Der Salafismus werde von den Betroffenen als „ganzheitliches, religiöses und gesellschaftspolitisches Konzept verstanden, das alle Bereiche des Lebens“ regle, so das Ergebnis der 18-monatigen empirischen Studie, die vom österreichischen Außenministerium, in dem das Integrationsministerium beheimatet ist, gefördert und am Dienstag publiziert wurde.

    Theologisches Naheverhältnis zu Dschihadisten

    Wer sich dem salafistischen Milieu anschließe, richte nicht nur seine tägliche religiöse Praxis neu aus, sondern auch seinen Umgang mit der sozialen Umwelt. Die radikalen Milieus würden symbolische und logistische Unterstützung bieten und dabei helfen, islamistische und dschihadistische Diskurse zu verbreiten. Eine zentrale Rolle spielen dabei bestimmte Moscheen und religiöse Autoritäten: „Personen, die über ein höheres theologisches Wissen verfügen, fungieren als Autoritäten und spielen bei der Verbreitung der Ideologie eine zentrale Rolle.“

    Radikalisierung sei nicht nur ein Sicherheitsproblem, sondern „ein komplexes, vielfältiges Phänomen – insbesondere dann, wenn es Jugendliche betrifft, die in westlichen Ländern sozialisiert wurden“. Inszenierte Akte terroristischer Gewalt seien dann „oft nur die Spitze des Eisbergs“ und „Kulminationspunkt eines langwierigen Entwicklungsprozesses“. Der Zuspruch, den etwa der sogenannte „Islamische Staat“ bei jungen Muslimen im Westen findet, sei die Konsequenz einer Theologie, die auch in europäischen Gesellschaften Fuß fassen konnte. Es gebe „ein theologisches Naheverhältnis“ zwischen salafistischen Organisationen und dschihadistischen Gruppen: „Angehörigen salafistischer Gruppen wird eine Theologie vermittelt, die erklärtermaßen darauf abzielt, der Herrschaft des Wortes Gottes auf Erden zum Durchbruch zu verhelfen.“ Laut der vorliegenden Studie genügt es jedenfalls nicht, die Gewalttaten mit der Frustration perspektivloser und ungebildeter Jugendlicher zu erklären.

    Der Studienautor, selbst Muslim, kritisiert die islamistische Szene seit vielen Jahren: Ednan Aslan promovierte einst nach Studien in Esslingen, Tübingen und Stuttgart über die „Religiöse Erziehung der muslimischen Kinder in Österreich und Deutschland“ und ist heute Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien. Aufsehen erregte er ab 2015 mit einer Studie über islamische Kindergärten in Wien. Nun hat er die Biografien von im salafistischen Milieu radikalisierten Muslimen untersucht. Es handle sich hierbei um ein Milieu, „das gut vernetzt ist und über einen gewissen Grad an Infrastruktur verfügt und damit tatsächlich ein Angebot machen kann“, heißt es in seiner Studie.

    Diskriminierung wird religiös uminterpretiert

    Wichtig ist im Radikalisierungsprozess offenbar nicht nur die Abgrenzung von der säkularen westlichen Gesellschaft, sondern auch von der Mehrheit der Muslime: „Die radikalen Gruppen und Individuen sehen sich als die einzig wahren Muslime.“ Das soziale Umfeld werde als verkommen wahrgenommen, die Demokratie abgelehnt, der Westen zum Feind der muslimischen Welt erklärt und für die „unterdrückten Muslime“ eine kollektive Opferidentität konstruiert. Viele der Befragten sahen sich als Angehörige sozial schwacher Schichten diskriminiert, doch werde diese Erfahrung „nach der Hinwendung zum Salafismus verstärkt ideologisch-religiös interpretiert“.

    Und worin besteht das Ziel der Radikalisierten? „Die Lösung des Problems wird in der Säuberung des Glaubens von allen unerlaubten Neuerungen und in einer Rückkehr zum Idealbild der muslimischen Gesellschaft, zu Beginn der islamischen Geschichte, gesehen.“ Also in etwa das, was die Wahhabiten in Saudi-Arabien versuchten: die Rückkehr in das vermeintlich goldene Zeitalter Mohammeds. Grundlagen für das in dieser Sicht ideale System seien das Kalifat und die Scharia.

    Weil Radikalisierung nach seinen Erkenntnissen mit Religion zu tun hat, kritisiert Aslan die politische Fokussierung auf die Schaffung von Beschäftigungsperspektiven. Das verkenne die Ideologie wie die Überzeugungspraktiken der Salafisten. Die nach jeder Bluttat an die Muslime gerichteten Appelle, sich gegen Gewalt und Terror zu positionieren, hält der Studienautor für eher kontraproduktiv: „Ständiger Rechtfertigungszwang“ führe häufig zu einer Abwehrhaltung und mache es friedliebenden Muslimen schwer, „sich mit den eigenen Glaubensinhalten objektiv auseinanderzusetzen“.

    Die Studie beschränkt sich aber nicht nur auf Radikalisierungsprozesse junger Muslime im Westen. Der Autor referiert etwa, dass aus Kernländern des Islam wie Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien „kaum Forschungen zu Gewalt und wachsender Radikalisierung“ vorliegen, oder dass in Ländern wie Nigeria, Malaysia, Senegal und Türkei der IS auf eine Unterstützung von zehn Prozent oder mehr der Gesamtbevölkerung zählen könne.

    In Österreich, wo Aslan lebt und lehrt, biete die Anerkennung des Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechts „eine günstige Ausgangslage für die Etablierung von Infrastrukturen, wie religiösen Vereinen, und die Herausbildung von nationalen und internationalen Netzwerken“, heißt es in der Studie. Davon würden neben gemäßigten auch radikale Strömungen profitieren. Zuletzt hätten sich lokale salafistische Bewegungen in Österreich herausgebildet, die finanziell von Riad und den Golfstaaten unterstützt würden. „Federführend im deutschsprachigen Raum ist hier vor allem die ,Lies!‘-Bewegung, die von der Initiative Die wahre Religion (DWR) aus dem Raum Köln/Bonn betrieben wird.“ Ihr Netzwerk spanne sich über elf Länder Europas. In Österreich sei das radikale salafistische Milieu durch das nunmehr schärfere Vorgehen der Behörden zuletzt geschwächt worden, wobei ein „Teil der exponiertesten Vertreter zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt“ wurde, so Aslan.