• aktualisiert:

    „Franziskus, rette uns“

    Der Petersplatz war am Sonntag, den die Kirche als Tag der geistlichen Berufe begeht, besonders voll: Römer und Italiener, größere Pilgergruppen aus Madrid, Polen und Brasilien, Besucher aus aller Welt. Nach dem Gebet des „Regina coeli“ kam Papst Franziskus direkt auf seinen Besuch auf der Ägäis-Insel Lesbos am Vortag zu sprechen. Es war der Handschlag. Etwa dreihundert Personen in dem Flüchtlingslager Moria persönlich die Hand gereicht zu haben, das war der einfache, aber sichtbarste Ausdruck der Geste, mit der, so Franziskus, er und die zwei orthodoxen Kirchenführer den Leidenden die Solidarität der Kirche bringen wollten.

    Nach einem Gebet werfen der Papst und die zwei orthodoxen Kirchenoberhäupter drei Blumenkränze ins Wasser. Foto: Osservatore Romano

    Der Petersplatz war am Sonntag, den die Kirche als Tag der geistlichen Berufe begeht, besonders voll: Römer und Italiener, größere Pilgergruppen aus Madrid, Polen und Brasilien, Besucher aus aller Welt. Nach dem Gebet des „Regina coeli“ kam Papst Franziskus direkt auf seinen Besuch auf der Ägäis-Insel Lesbos am Vortag zu sprechen. Es war der Handschlag. Etwa dreihundert Personen in dem Flüchtlingslager Moria persönlich die Hand gereicht zu haben, das war der einfache, aber sichtbarste Ausdruck der Geste, mit der, so Franziskus, er und die zwei orthodoxen Kirchenführer den Leidenden die Solidarität der Kirche bringen wollten.

    Noch am Sonntagmittag sollten die italienischen Fernsehsender die ersten Reportagen über die drei muslimischen Familien bringen, die der Papst am Vortag im Flugzeug von Lesbos nach Rom mitgenommen hatte und die bei der Gemeinschaft Sant'Egidio Aufnahme fanden. Das war die spektakulärste Geste zum Abschluss des Blitzbesuchs vom Samstag, den manche Medien einer dritten Kategorie von Papstreisen zugeordnet haben. Das Oberhaupt der katholischen Kirche macht Staatsbesuche, unternimmt pastorale Reisen und – das ist neu – stattet „humanitäre Visiten“ ab. Das war Lesbos, nach Lampedusa kurz nach dem Amtsantritt von Franziskus die zweite humanitäre Mission des argentinischen Papstes.

    Doch sie war auch eminent politisch. Franziskus hat das vielleicht nicht gewollt. Aber er konnte nicht verhindern, dass die morgendlichen Diskussionsrunden im sonntäglichen Frühstücksfernsehen in Italien zwei Themen zusammenbanden: den Besuch auf Lesbos und die Lage am Brenner. Österreich macht dicht. Hatte es der Papst den mitreisenden Journalisten beim Rückflug nach Rom nicht selber klipp und klar gesagt: „Ich habe immer gesagt, dass Mauern zu errichten keine Lösung darstellt: Wir haben eine von ihnen im letzten Jahrhundert fallen sehen. Das löst nichts. Wir müssen Brücken bauen. Doch Brücken werden auf kluge Weise gebaut, durch Dialog, durch Integration. Und daher verstehe ich eine gewisse Furcht. Doch die Grenzen zu schließen führt zu keiner Lösung, weil es langfristig der eigenen Bevölkerung zum Schaden gereicht.“

    Anders als sein Vorgänger gibt Franziskus seine „fliegende Pressekonferenz“ nicht zu Beginn, sondern am Ende einer Reise, um mit den Worten, die er vor den Journalisten sagt, nicht die Berichterstattung über den Besuch zu prägen. „Africa docet“ – Afrika lehrt es.

    Die Bemerkungen, die Benedikt XVI. auf seiner Reise nach Afrika im März 2009 zu den Kondomen gemacht hatte, lösten eine Medien-Debatte aus, die den anschließenden Besuch auf dem Schwarzen Kontinent völlig in den Hintergrund drängte. Aber am Samstag hatte Franziskus auf dem Hinflug nach Lesbos nicht nur die Mitreisenden begrüßt, sondern wenige Sätze hinzugefügt, die den fünfstündigen Aufenthalt auf der Flüchtlingsinsel Lesbos wie eine Stimmgabel intonieren sollten: „Dies ist eine Reise, die von der Traurigkeit gezeichnet ist, das ist wichtig. Es ist eine traurige Reise. Wir gehen, um der größten humanitären Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg zu begegnen. Wir gehen – und wir werden es sehen – zu ganz vielen leidenden Menschen, die nicht wissen, wohin; zu Menschen, die fliehen mussten. Und wir gehen auch zu einem Friedhof: dem Meer. Ganz viele Menschen sind dort ertrunken. Ich sage das nicht, um Bitterkeit zu verbreiten, nicht aus Verbitterung, sondern damit auch Ihre heutige Arbeit in Ihren Medien die Gemütsverfassung übermitteln kann, in der ich diese Reise unternehme.“ Trauer angesichts der größten humanitären Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg. Das wollte Papst Franziskus als Überschrift über seinem Lesbos-Besuch sehen. Und so kam es dann auch.

    Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras sah angespannt aus, als er Franziskus auf dem Flughafen von Mitilene begrüßte. Tagelang hatten die Verantwortlichen und Freiwilligen gearbeitet, um aus dem elenden Lager Moria eine Flüchtlingsunterkunft zu machen, die man der Weltöffentlichkeit präsentieren konnte. Fast stürmisch die Begrüßung des Papstes durch den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios aus Istanbul und den orthodoxen Erzbischof von Athen, Hieronymos. Alle bekommen einen Bruderkuss, auch die übrigen Bischöfe Griechenlands. Die drei Protagonisten des Tages sind nun versammelt: Der Papst, der in diesem Jahr 80 wird, Bartolomaios mit seinen 75 Jahren und Hieronymos II., auch schon 78. Mit ihren weißen Bärten, dem Stab, auf den sie sich immer wieder stützen, und ihrem schwarzen langen Gewand sehen die zwei Orthodoxen aus wie weise und betagte Patriarchen des Orients. Franziskus wirkt als der jüngste von den dreien. Doch nun geht es zu den eigentlichen Protagonisten des heutigen Tages, den Flüchtlingen im Lager Moria. Ein weißer Minibus steht für die drei Kirchenführer zu der kurzen Fahrt bereit.

    Moria ist kein offenes Lager, sondern eine von Stacheldraht und Zäunen umschlossene Anlage. Über 100 junge Männer haben sich am Eingang in einer langen Reihe aufgestellt, der Papst und die beiden Orthodoxen geben jedem Einzelnen von ihnen die Hand. Bis zu 4 000 Menschen kann das Lager aufnehmen. Insgesamt landeten auf Lesbos mit seinen knapp 90 000 Einwohnern im vergangenen Jahr 470 000 Flüchtlinge.

    Im Innenbereich des Lagers ist ein großes Zelt aufgebaut. Hier erwarten die drei Kirchenführer nochmals über zweihundert Menschen, jetzt nicht nur junge Männer, sondern Familien, Frauen und viele Kinder. Weiter geht der Begrüßungs-Parcour. Viele Jesiden sind dabei, man erkennt es an den Worten, die die Flüchtlinge mit der Hand auf Pappkartons und Tücher geschrieben haben, die sie jetzt hoch und in die Kameras halten. „Help, help, help“ steht auf den Plakaten, oder nur „Freiheit“, oder „Franziskus, rette uns“. Der Papst merkt schnell, dass die Jesiden-Frauen nicht die Hand schütteln, sondern die Faust auf die Brust legen und sich verbeugen. Franziskus tut es ihnen nach.

    Es ist der Augenblick der eindrücklichen Szenen. Ein Mann mit dunkler Hautfarbe geht vor dem Papst in die Knie, die Gefühle übermannen ihn, er schreit sein Leid hinaus. Franziskus versucht, den Mann zu beruhigen, er legt ihm die Hand auf den Kopf. Es ist der Flüchtling, von dem der Papst am Sonntag nach dem Gebet des „Regina coeli“ in Rom sprechen wird, als er nochmals an den jungen Mann erinnert, keine 40 Jahre sei er alt gewesen: „Ich bin ihm gestern begegnet, mit seinen beiden Kindern. Er ist Muslim und hat mir berichtet, dass er mit einer christlichen Frau verheiratet war, sie haben sich geliebt und gegenseitig respektiert. Doch leider ist diese junge Frau von Terroristen niedergemetzelt worden, weil sie Christus nicht verleugnen und ihrem Glauben nicht abschwören wollte. Sie ist eine Märtyrerin! Und dieser Mann hat so sehr geweint...“

    Kinder haben für den Papst Zeichnungen gemalt. Das bewegt Franziskus besonders. Er will sie mitnehmen. Stunden später, auf dem Flug nach Rom, wird er einige von ihnen den Journalisten zeigen. Einige Bilder zeigen Flüchtlinge und Boote – und Kinder, die im Wasser treiben. Viele der Menschen, die die drei Kirchenführer hier begrüßen, haben auf der Flucht ihre Kinder verloren, oder Kinder ein Elternteil – so wie die Kinder des weinenden Mannes aus Pakistan ihre junge Mutter.

    Nach der Begrüßung der Flüchtlinge setzen sich Franziskus und die zwei orthodoxen Kirchenführer an einen Tisch und unterzeichnen ihre Erklärung. In einem abgetrennten Raum, es ist ein Container hinter dem Podium, steht ein Mittagessen bereit. Der Papst, Bartholomaios und Hieronymos nehmen es mit einigen Flüchtlingen ein. Plastikflaschen mit Wasser stehen auf dem Tisch. Schnell ist es verzehrt, weiter geht es zum Hafen. Das Programm an diesem Tag – in diesen knapp fünf Stunden auf Lesbos – ist dicht gedrängt.

    Auf der Mole am Hafenbecken hält nur der Papst eine Ansprache. Es ist vielleicht seine politischste. „Die Sorgen der Institutionen und der Menschen hier in Griechenland wie auch in anderen Ländern Europas sind verständlich und berechtigt. Und doch darf man nie vergessen, dass die Migranten an erster Stelle nicht Nummern, sondern Personen sind, Gesichter, Namen und Geschichten. Europa ist die Heimat der Menschenrechte, und wer auch immer seinen Fuß auf europäischen Boden setzt, müsste das spüren können.“ Der Papst und die zwei Orthodoxen sprechen ein Gebet, dann werfen sie drei Blumenkränze ins Wasser, drei Kinder haben sie ihnen gereicht. Es sind Kränze für die vielen Flüchtlinge, die auf dem Meer den Tod gefunden haben.

    Das offizielle Programm ist beendet, es geht im Minibus zurück zum Flughafen, wo der Papst nochmals privat mit Bartholomaios, Hieronymos und Ministerpräsident Tsipras spricht. Und dann die Überraschung des Tages: Drei Familien steigen mit in das Flugzeug des Papstes ein. Den Journalisten wird Franziskus gleich erklären, warum alle Muslime sind – eine christliche Familie ist nicht dabei. Es seien insgesamt zwölf Personen, meint der Papst, davon sechs Minderjährige. Es handele sich um Menschen, die schon vor der Übereinkunft zwischen der Europäischen Union und der Türkei in den Lagern von Lesbos waren. Die entsprechenden Verhandlungen habe das vatikanische Staatssekretariat mit den zuständigen griechischen und italienischen Behörden geführt. Zwei Familien würden aus Damaskus stammen, und eine aus Deir ez-Zor, das in dem von Daesh besetzten Gebiet liegt. Ihre Häuser seien bombardiert worden. Und der Papst erklärt auch, warum es nur Muslime seien: „Ich habe nicht zwischen Christen und Muslimen gewählt. Diese drei Familien hatten ihre Papiere in Ordnung, ihre Dokumente waren in Ordnung, und es war möglich. Auf der ersten Liste gab es zum Beispiel zwei christliche Familien, deren Papiere nicht in Ordnung waren. Es handelt sich nicht um ein Privileg. Alle zwölf sind Kinder Gottes.“

    Und noch zwei weitere Erklärungen gibt Papst Franziskus vor den Journalisten im Flugzeug ab, die für Aufmerksamkeit sorgen, weit über diesen Tag aus Lesbos hinaus. Die erste betrifft den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders, den er am frühen Morgen beim Verlassen des Gästehauses Santa Marta begrüßt hatte. Auf die Frage einer Journalistin, ob das seine Art und Weise sei, sich in die amerikanische Politik einzumischen, antwortet der Papst: „Heute morgen, als ich aus meinem Zimmer kam, war Senator Sanders dort, der an einem Kongress der Stiftung Centesimus Annus teilnimmt. Er wusste, dass ich zu dieser Zeit herauskommen würde, und war so freundlich, mich zu grüßen. Ich habe ihn begrüßt, ihm die Hand geschüttelt, sowie seiner Frau und einem anderen Paar, das bei ihm war und die auch in Santa Marta wohnen, denn alle Teilnehmer wohnen in Santa Marta, außer den beiden teilnehmenden Präsidenten, die – so glaube ich – in ihren Botschaften wohnen. Und als ich herunterkam, hat er sich vorgestellt, gegrüßt, ein Handschlag und nichts weiter. Eine Geste des Anstands; so etwas heißt Anstand und bedeutet nicht, sich in die Politik einzumischen. Und wenn jemand meint, ein Gruß bedeute, man mische sich in die Politik ein, dann“, fügt Franziskus lächelnd hinzu, „empfehle ich ihm, sich einen Psychiater zu suchen.“

    Aber auch eine zweite Erklärung soll einen Nachhall haben, die des Papstes zu seinem jüngsten nachsynodalen Schreiben und der Kommunionzulassung der wiederverheirateten Geschiedenen. Hat sich in dieser Frage mit „Amoris laetitia“ etwas geändert, möchte ein Journalist wissen, und die Antwort des Papstes ist kurz: „Ich könnte sagen ,Ja‘ und Punkt. Aber das wäre eine zu kurze Antwort. Ich empfehle Ihnen allen, die Vorstellung des Schreibens von Kardinal Schönborn zu lesen, der ein großer Theologe ist. Er ist Mitglied der Kongregation für die Glaubenslehre und kennt die Lehre der Kirche gut. In dieser Vorstellung wird Ihre Frage die Antwort finden. Danke!“ Ein denkwürdiger Tag geht zu Ende, „sehr stark, sehr stark“ seien die Eindrücke gewesen, hatte Franziskus den Journalisten im Flugzeug bei der Begrüßung auf dem Heimflug gesagt. Zwölf Flüchtlinge hat er mitgebracht, Tausende auf Lesbos zurückgelassen. Ihr Schicksal ist ungewiss.