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    Fräulein Frohgemut von der Nahe

    Julia Klöckner wirft den blonden Kopf nach hinten. „Ach Leute, was soll' das, komm', wir gehen jetzt hier raus.“ Ein junger Mann hantiert hektisch im Wahlkampfbus mit seinem Mobiltelefon. Zum Seiteneingang der Mittelrheinhalle in Andernach will er ihn dirigieren. Denn genau dort, wo die rheinland-pfälzische Spitzenkandidatin der CDU für die Landtagswahl aussteigen soll, warten Jungsozialisten mit Transparenten: „Hände weg vom Atom-Ausstieg.“ Der Mitarbeiter resigniert. Die Bustür schwingt auf. Klöckner stürmt als erste heraus, baut sich keinen halben Meter vor den Protestierern auf. Süffisant legt sie los: „Ihr seid aber viele.“ Die vier etwa 30-Jährigen bringen keinen Ton heraus. „Und ziemlich alt für Jusos.“ Die Chuzpe und das rauchige Timbre von Klöckners Stimme zeigen Wirkung. Endspurt im Wahlkampf an diesem vergangenen Montagabend. Morgen wird gewählt.

    Als Gewinnerin des Fernsehduells mit Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) fühlt sich seine rheinland-pfälzische Herausforde... Foto: dpa

    Julia Klöckner wirft den blonden Kopf nach hinten. „Ach Leute, was soll' das, komm', wir gehen jetzt hier raus.“ Ein junger Mann hantiert hektisch im Wahlkampfbus mit seinem Mobiltelefon. Zum Seiteneingang der Mittelrheinhalle in Andernach will er ihn dirigieren. Denn genau dort, wo die rheinland-pfälzische Spitzenkandidatin der CDU für die Landtagswahl aussteigen soll, warten Jungsozialisten mit Transparenten: „Hände weg vom Atom-Ausstieg.“ Der Mitarbeiter resigniert. Die Bustür schwingt auf. Klöckner stürmt als erste heraus, baut sich keinen halben Meter vor den Protestierern auf. Süffisant legt sie los: „Ihr seid aber viele.“ Die vier etwa 30-Jährigen bringen keinen Ton heraus. „Und ziemlich alt für Jusos.“ Die Chuzpe und das rauchige Timbre von Klöckners Stimme zeigen Wirkung. Endspurt im Wahlkampf an diesem vergangenen Montagabend. Morgen wird gewählt.

    Klöckner verschwindet in der proppenvollen Halle. Etwas später bahnt sie sich zu Technobeats den Weg zur Bühne. Neben ihr Angela Merkel, CDU-Bundesvorsitzende. Die Kanzlerin macht Wahlkampf für die Deutsche Weinkönigin von 1995. Natürlich erklärt Merkel erst ihren neuen Energiekurs. Sie hält sich nicht mit Umfaller-Vorwürfen auf. Schnell ist sie in der Offensive – gegen die Grünen. Die dürften jetzt nicht den Ausbau der Infrastruktur für erneuerbare Energie verzögern. Das täten sie aber. Schließlich unterstützten sie vor Ort Initiativen, die keine Stromtrassen, Windräder oder Biogasanlagen vor der Haustür haben wollten. Klöckner hat da längst Merkels Tagesbefehl ausgeführt. In Interviews setzt sich die beim Südwest-Rundfunk (SWR) gelernte Journalistin an die Spitze der Bewegung. Die spätere Chefredakteurin einer Weinzeitung will die sieben ältesten deutschen Meiler abschalten. Und schärft jedem im Wahlkampfbus seit 8 Uhr früh ein: Die Grünen dürften in den Kommunen nicht länger den Ausbau der Infrastruktur für erneuerbare Energien verhindern.

    Genau. Merkel würdigt in Andernach diese rasche strategische Auffassungsgabe. „Die Frau will das nicht nur, sie kann es auch“, unterstreicht sie die Ambitionen ihres „Mädchens“ auf den Einzug in die Mainzer Staatskanzlei. Großer Applaus. Die Kanzlerin greift ihrerseits Klöckners Tageslosungen auf. Für Merkel gehört „Rheinland-Filz“ abgeschafft, eine Wortkreation Klöckners. Am Wahltag müsse Schluss sein, dass Baden-Württemberg das Geld erwirtschafte, welches dann via Länderfinanzausgleich Beck als eigene Wohltaten verteile. Merkel variiert einen ständigen Vorwurf Klöckners. Die 38-Jährige – Kohl war 39, als er Ministerpräsident wurde – spießt seit Wochen „Vetternwirtschaft“, Selbstbedienungsmentalität und Rekordschuldenstand der SPD-Alleinregierung auf.

    Der sonst so robuste Beck ist dünnhäutig geworden

    In der Tat: Der 62-jährige Regierungschef erwirbt sich mit ausgeklügelter kommunalpolitischer Zuschusspolitik Dankbar- und Abhängigkeiten – selbst unter CDU-Landräten und Bürgermeistern. Vom „System Beck“ ist die Rede. Die Berichterstattung darüber schwappt in überregionale Medien. Weshalb der robuste Pfälzer angreifbarer und dünnhäutig geworden ist.

    Hochfliegende Pläne für den Nürburgring scheitern. Undurchsichtige Geschäfte machen der SPD zu schaffen. Das Land schreibt in der Eifel Millionenverluste. Beck spielt den von unseriösen Investoren Betrogenen. Die CDU-Landtagsfraktion recherchiert hartnäckig. Damit bringt sie Beck in Erklärungsnöte. Im pfälzischen Kurstädtchen Bad Bergzabern, ganz in der Nähe seines Heimatdorfes Steinfeld, wird ein Hotel großzügig saniert. Die CDU-Fraktion glaubt: Der Ministerpräsident ermöglichte einem guten Bekannten den Kauf für einen viel zu geringen Preis auf Kosten der Steuerzahler. Sogar Aufsichtsbehörden klagten, dass ihnen von oberster Stelle die Hände gebunden worden seien – will die CDU recherchiert haben. Die „ermittelnde“ Fraktionsmitarbeiterin macht eine ernüchternde Erfahrung: „Irgendwie entflutscht einem dieser Beck doch immer wieder.“

    Dann scheitert Justizminister Heinz-Georg Bamberger mit der Ernennung eines Präsidenten am Oberlandesgericht. Das Bundesverwaltungsgericht hebt die Ernennung auf. Ausdrücklich stellt es fest, der Minister habe sich verfassungswidrig verhalten. Er drückt so seinen persönlichen Favoriten vor einem Mitbewerber durch. Rücktrittsforderungen wischt Beck beiseite. Er stuft das Urteil lediglich als eine Art Rechtsmeinung ein. Was der Politikwissenschaftlerin, Pädagogin und Theologin Klöckner eine Steilvorlage gibt. Im Falle von zu Guttenberg habe Beck getönt, er wisse anders als Merkel, was zu tun sein, wenn in seinem Kabinett ein Minister sich verfehle. „Pure Heuchelei“, empört sich Klöckner, denn Becks Justizminister, der verfassungswidrig handele, bleibe einfach im Amt.

    Die Winzertochter aus Bad Kreuznach an der Nahe wähnt den seit 1994 regierenden Genuss- und Machtmenschen Beck angeschlagen. Die frühere Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium ruft sich zur Punktsiegerin im einzigen Fernsehduell mit dem Amtsinhaber aus. Neutrale Beobachter sprechen eher von Remis. Am 16. März kreuzten die Kontrahenten im SWR die Klingen. „Haben Sie das Duell gesehen“, fragt sie jeden Journalisten. Nach Umfragen noch drei, vier Prozentpunkte trennen CDU und SPD. Deren absolute Mehrheit schmilzt weg. Eine rot-grüne Koalition scheint indes wahrscheinlich. Die Linkspartei kann's in den Landtag schaffen. Klöckners Mannschaft streut, Beck wolle dann nicht mehr die gesamte Regierungsperiode machen. Ob's hilft? Der CDU fehlt einfach zu sehr die sichere Machtoption. Die FDP wackelt. Die Grünen distanzieren sich. Das alles weiß Klöckner. Koalitionsfragen weicht sie aus. Sollte aber die CDU nur 0,1, 0,2 oder 0,5 Prozent vor der SPD liegen, was nicht ausgeschlossen ist, beginnt der Poker. Dann beansprucht Klöckner das Recht, mit der Regierungsbildung beauftragt zu werden, erklärt sie im Bus. „Deshalb ist es das erste Ziel, stärkste Fraktion zu werden, egal wie.“

    Julia Klöckner gibt der lange gebeutelten CDU in Rheinland-Pfalz Hoffnung. Sie und nicht wenige in ihrer Wahlkampfmannschaft sind jung. Sie haben den Putsch gegen und Sturz 1988 von Bernhard Vogel nicht als Akteure erlebt. In die Folgekabalen sind sie kaum verstrickt.

    Klöckner geht auch als Oppositionsführerin nach Mainz. Sie gibt ihr Bundestagsmandat auf. Wenn nicht jetzt, dann soll es bei der nächsten Wahl klappen. Manche im Wahlkampfbus motiviert das. Andere seufzen: „Bitte nicht noch einmal fünf Jahre Opposition“. Den Glauben an einen Machtwechsel früher oder später besitzt Klöckner. Manchmal in einer Weise, die den Reporter einer überregionalen linksliberalen Zeitung verblüfft. Frohgemut erklärt sie ihm ihren aktuellen Verzicht auf Alkohol und die heißgeliebten Gummibärchen. „Es ist Fastenzeit, das nehme ich ernst. Mir ist die Auferstehung des Herrn wichtig, ob sie's glauben oder nicht.“

    Das hat für sie weitere Konsequenzen. PID will sie verbieten. In der Stammzellforschung positioniert sie sich gegen Bundesforschungsministerin Schavan. Klöckner, die Religionsunterricht geben darf, warnt vor falschen Heilsversprechen. Wie der frühere Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert. Er ist einer ihrer Förderer. Als junge Frau absolvierte sie bei ihm ihr erstes politisches Praktikum. An diesem Montag sitzen beide auf einem Jagdpodium. Sie zerpflücken das neue Landesjagdgesetz. Er erinnert sich: „Als sie das erste Mal zu mir ins Büro kam, sah sie sich um und sagte sofort, Herr Borchert, hier hängt kein Kreuz, beim nächsten Mal bringe ich ihnen eines mit.“

    Ob die CDU morgen in Rheinland-Pfalz weiter ihr Kreuz trägt oder aufersteht?