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    „Flüchtlingshilfe ist unser Gründungscharisma“

    Herr von Heereman, „Kirche in Not“ hilft christlichen Flüchtlingen aus Nahost seit Jahren, damit sie in ihrer Heimat bleiben können.

    Johannes Freiherr Heereman. Foto: KiN

    Herr von Heereman, „Kirche in Not“ hilft christlichen Flüchtlingen aus Nahost seit Jahren, damit sie in ihrer Heimat bleiben können. Läuft der aktuelle Flüchtlingsandrang auf Europa – darunter auch viele orientalische Christen – Ihrem Engagement nicht zuwider?

    Es ist erschütternd, die Not zu sehen, aufgrund derer die Menschen fliehen. Und ich kann jeden Familienvater verstehen, der angesichts von Krieg und Not mit seiner Familie flieht und eine bessere Zukunft in Europa sucht. Ich würde in seiner Lage wahrscheinlich selbst so handeln. Natürlich tut es mir auch weh, wenn Christen den Nahen Osten verlassen. Wir tun unsererseits was wir können, um den Menschen das Bleiben zu ermöglichen. Andererseits muss man sagen, dass die Menschen es sich auch nicht leicht mit der Entscheidung machen, die Heimat zu verlassen. Ich war zweimal im Irak und habe mit vielen Flüchtlingen gesprochen. Die meisten Älteren wollen bleiben und auf die Befreiung ihrer vom „Islamischen Staat“ besetzten Orte warten. Viele der Jüngeren träumen von einem Leben in Freiheit und Frieden im Westen. Niemand verlässt gern seine Heimat, aber das Leben in Unsicherheit und Angst gibt ihnen keine Perspektive.

    Glauben Sie, dass sich angesichts der Bilder aus Europa noch mehr Christen aus Nahost entschließen, zu gehen?

    Durch die modernen Medien verbreitet sich auch im Nahen Osten die Nachricht in Windeseile, dass es jetzt einfacher ist, nach Europa, besonders nach Deutschland zu gelangen, als vielleicht noch im letzten Jahr. Das löst natürlich eine Sogwirkung aus und Verunsicherung bei denen, die noch im Irak oder in Syrien sind. Das ist bitter angesichts der wirklich heroischen Anstrengungen der Priester und Bischöfe vor Ort, den Menschen eine Zukunft etwa im Irak oder in Syrien zu ermöglichen und die urchristlichen Gemeinden am Leben zu erhalten. Und wir helfen ihnen dabei. Allein in Syrien haben wir seit Beginn der Krise acht Millionen Euro für humanitäre und pastorale Projekte zur Verfügung gestellt. Es ist eine Kirche in großer Not und daher unsere Pflicht zu helfen. Würden diese Gemeinschaften in ihren Herkunftsländern verschwinden, wäre das ein Verlust nicht nur für die Christenheit, sondern für die ganze Menschheit. Allerdings kommt der Winter. Das macht einerseits die Flucht über das Meer oder durch die Berge schwieriger, andererseits erschwert es auch das Ausharren im Land. Man darf nicht vergessen, dass es trotz der großen Flüchtlingswelle nach Europa immer noch fast acht Millionen Binnenflüchtlinge und zwölf Millionen Hilfsbedürftige in Syrien selbst gibt.

    „Kirche in Not“ hilft christlichen Flüchtlingen aus dem Irak und Syrien, die in den Nachbarländern wie dem Libanon Zuflucht gefunden haben. Bevorzugen Sie regionale Lösungen statt der Auswanderung nach Europa?

    Wir helfen der Kirche vor allem im Libanon, wo allein aus Syrien mehr als eine Million Flüchtlinge registriert sind, dazu kommen zahlreiche irakische Christen. Auch in einem kleinen Land wie Jordanien gibt es so viele syrische Flüchtlinge wie in ganz Europa zusammen. Wir bemühen uns, dass sie dort menschenwürdig leben und bleiben können. Es ist immer einfacher, sich in eine ähnliche Kultur und einen ähnlichen Lebensraum zu integrieren. In Europa haben diese Menschen keine Wurzel. Aber man muss ganz klar sehen, dass diese Länder am Rande ihrer Kapazitäten sind, was die Aufnahme von Flüchtlingen anbelangt. Christen aus Mossul beispielsweise, die im letzten Jahr zweimal flüchten mussten und von ihren islamischen Nachbarn verraten wurden, sagten mir, dass sie keine Zukunft mehr für sich und ihre Kinder im Nahen Osten sehen. Das müssen wir akzeptieren.

    Der chaldäische Patriarch Louis Rafael Sako hat jetzt den Westen aufgefordert, an die Wurzeln der Flüchtlingskrise zu gehen und eine politische Lösung zu suchen. Sieht „Kirche in Not“ das auch so?

    Es ist natürlich richtig, dass man an die Wurzel der Flüchtlingskrise gehen muss. Sonst kümmert man sich nur um die Symptome, aber nicht um die Krankheit. Wir unterstützen die Kirche auch in anderen Ländern, wie beispielsweise im Südsudan, in Nigeria, Kamerun oder Burundi in ihrer Sorge für Flüchtlinge und für Opfer von Gewalt. Dabei machen wir immer die gleiche Erfahrung: Es wäre wünschenswert, dass diejenigen, die Einfluss auf eine Lösung der vielen Konflikte haben, endlich ihrer Verantwortung gerecht werden. Auch im Nahen Osten kann nur eine diplomatische Lösung und eine Rückkehr zur Vernunft dauerhaft Frieden bringen. Leider lehrt uns die Geschichte, dass mit Fanatikern solche Lösungen nicht möglich sind. Wir Christen bauen aber nicht zuletzt auf das Gebet. Gott hat schließlich immer eine Lösung.

    Der Heilige Vater hat die katholischen Gemeinschaften Europas jetzt aufgerufen, großzügig Flüchtlinge aufzunehmen. Wie geht „Kirche in Not“ damit um?

    Als Christen stehen wir unter dem Anspruch des Wortes Jesu: Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. Darauf hat der Heilige Vater jetzt Europas Katholiken hingewiesen. Gott sei Dank gibt es in Europa staatlichen Stellen und andere Organisationen, die die humanitäre Hilfe für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten koordinieren und gewährleisten. Wir von „Kirche in Not“ wollen aber unseren Beitrag in Europa dort leisten, wo die seelsorgliche Betreuung und Beheimatung unserer Brüder und Schwestern Unterstützung braucht: In Schweden etwa, wo die katholische Kirche über sehr wenig Mittel verfügt und viele christliche Flüchtlinge aus dem Nahen Osten leben, haben wir jetzt 100 000 Euro bereitgestellt, um einen Gottesdienstraum für 20 000 chaldäische Christen (Katholiken) aus dem Irak zu schaffen. Mit dieser Art von Hilfe kehren wir an unsere Ursprünge zurück. Das Gründungscharisma von „Kirche in Not“ war die humanitäre, dann aber auch geistliche Betreuung der vielen Flüchtlinge Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Diesem Charisma wollen wir treu bleiben.