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    Evangelischer Abschied vom christlichen Ehe- und Familienbild

    Berlin (DT/Re/Idea/KNA) Die evangelische Kirche in Deutschland verabschiedet sich vom bisherigen Familienverständnis. Auf die Frage, was Familie ist, soll eine neue Orientierungshilfe des Rates der EKD Antwort geben. Sie trägt den Titel „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ und wurde am Mittwoch in Berlin vorgestellt.

    Die EKD – im Bild Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider – läutet das Totenglöcklein für ein biblisch fundiertes Ehe-Verstä... Foto: dpa

    Berlin (DT/Re/Idea/KNA) Die evangelische Kirche in Deutschland verabschiedet sich vom bisherigen Familienverständnis. Auf die Frage, was Familie ist, soll eine neue Orientierungshilfe des Rates der EKD Antwort geben. Sie trägt den Titel „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ und wurde am Mittwoch in Berlin vorgestellt.

    Erklärtes Ziel ist, „eine evangelische Verständigung über Ehe, Familie und Partnerschaft im beginnenden 21. Jahrhundert anzuregen“. Nach Ansicht der Verfasser besteht Familie nicht mehr nur aus Vater, Mutter und Kindern: „Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung füreinander übernehmen, sollten sie Unterstützung in Kirche, Gesellschaft und Staat erfahren.“ Und weiter: „Dabei darf die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, nicht ausschlaggebend sein. Alle familiären Beziehungen, in denen sich Menschen in Freiheit und verlässlich aneinander binden, füreinander Verantwortung übernehmen und fürsorglich und respektvoll miteinander umgehen, müssen auf die Unterstützung der evangelischen Kirche bauen können.“ Angesichts des sozialen und kulturellen Wandels sei auch die Kirche aufgefordert, „Familie neu zu denken und die neue Vielfalt von privaten Lebensformen unvoreingenommen anzuerkennen und zu unterstützen“. Drei Jahre haben die 14 Mitglieder einer Kommission an dem Papier gearbeitet, bevor der Rat der EKD die Orientierungshilfe verabschiedete. Den Vorsitz hatte Ex-Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD).

    Das Familienbild, so wird ausgeführt, sei in den vergangenen Jahren erweitert worden: „Familie – das sind nach wie vor Eltern (ein Elternteil oder zwei) mit ihren leiblichen, Adoptiv- oder Pflegekindern, vielleicht erweitert um die Großelterngeneration. Familie, das sind aber auch die sogenannten Patchwork-Familien, die durch Scheidung und Wiederverheiratung entstehen, das kinderlose Paar mit der hochaltrigen, pflegebedürftigen Mutter und das gleichgeschlechtliche Paar mit den Kindern aus einer ersten Beziehung.“ Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider erklärte im Vorwort der „Orientierungshilfe“, Familienpolitik müsse als „Querschnittsthema“ betrachtet werden.

    Abschied nimmt die Kommission vom traditionellen Verständnis der Ehe als göttlicher Stiftung: „Ein normatives Verständnis der Ehe als 'göttliche Stiftung' und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus der Schöpfungsordnung entspricht nicht der Breite des biblischen Zeugnisses.“ Zu lange sei übersehen worden, dass Altes und Neues Testament das familiale Zusammenleben in einer großen Vielfalt beschrieben. Lange habe die Kirche die Ehe als Schöpfungsordnung dargestellt, die der Natur des Menschen eingeschrieben sei. „Heute wissen wir: Ein Verständnis der bürgerlichen Ehe als 'göttliche Stiftung’ und der vorfindlichen Geschlechter-Hierarchie als Schöpfungsordnung entspricht weder der Breite biblischer Traditionen noch dem befreienden Handeln Jesu, wie es die Evangelien zeigen.“

    Zur Frage nach der Segnung homosexueller Partner und der Gleichstellung ihrer Lebensgemeinschaften heißt es, es gebe biblische Texte, „die von zärtlichen Beziehungen zwischen Männern sprechen“. Durch das biblische Zeugnis klinge als „Grundton“ vor allem der Ruf nach einem verlässlichen, liebevollen und verantwortlichen Miteinander. „Liest man die Bibel von dieser Grundüberzeugung her, dann sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften, in denen sich Menschen zu einem verbindlichen und verantwortlichen Miteinander verpflichten, auch in theologischer Sicht als gleichwertig anzuerkennen.“ So solle die Kirche homosexuellen Paaren, die ihre Partnerschaft „unter den Segen Gottes stellen“ wollen, diesen „nicht verweigern“. Die Ehe sei eine „gute Gabe Gottes“, die aber nicht als die einzige Lebensform gelten könne.

    Die Orientierungshilfe stößt auf Kritik der evangelikalen Bewegung. Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, Michael Diener (Kassel), kritisiert, dass der Orientierungshilfe die „biblische Fundamentierung“ fehle. Deshalb werde sie dem Anspruch nicht gerecht, „evangelische Orientierung“ zu bieten. Vielmehr werde eine „Anpassung an gesellschaftliche Entwicklungen“ deutlich. Das EKD-Papier enthalte eine auffällige Abwertung sogenannter „bürgerlicher Ehe- und Familienverständnisse“ und eine Absage an jedes „normative Verständnis der Ehe als göttliche Stiftung“ oder „natürliche Schöpfungsordnung“. Ehe habe danach keinen Leitbildcharakter mehr. „Offensichtlich soll jeder Schein einer Diskriminierung der vielfältigen familiären Lebensformen vermieden werden.“

    Nach Ansicht Dieners weist die Orientierungshilfe im Blick auf die biblisch-theologischen Grundlagen „gravierende Mängel“ auf, „trotz der vollmundigen Behauptung, dass hier eine normative Orientierung am Evangelium geleistet werde“. So werde aus der schöpfungsgemäßen Polarität von Mann und Frau die „Angewiesenheit auf ein Gegenüber“. Biblische Stellen, die von „zärtlichen Beziehungen zwischen Männern“ sprächen, dienten „zur Relativierung der biblischen Aussagen über praktizierte Homosexualität als Sünde“. Präses Diener: „Wieviel hermeneutischer und theologischer Einseitigkeit bedarf es eigentlich, um wegzudeuten, dass in der gesamten biblischen Überlieferung die Polarität der Beziehung von Mann und Frau als schöpfungsgemäß und konstitutiv betrachtet wird?“ Man müsse fragen, ob die EKD „mit dieser durchgehend spürbaren Abwertung der Ehe“ in den gesellschaftlichen Diskussionen politisch verantwortlich handele. „Im ökumenischen Kontext ist der schon beträchtliche Schaden noch größer geworden.“ Für viele evangelische Christen würden damit die Zweifel und die Kritik am Kurs der EKD noch stärker werden.