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    Europas Seele wiederentdecken

    Nie war das Projekt der europäischen Integration so stark gefährdet, nie waren die Fliehkräfte so stark wie in dieser Krise. Im vergangenen Jahr brachte die COMECE, die Kommission der Bischofskonferenzen der EU, in Brüssel ein Dokument mit dem Titel ,,Eine europäische Solidaritäts- und Verantwortungsgemeinschaft“ heraus. An beidem, an Solidarität und Verantwortung, mangelt es heute. Aber was kann Europa zusammenhalten, wenn die wirtschaftlichen Klammern nachgeben? Immer noch, aller Erosion zum Trotz, der christliche Glaube. „Die Kirche steht nicht neben der Gesellschaft, sondern sie ist ein sehr wichtiger, impulsgebender Teil von ihr“, gab Professor Peter Schallenberg, Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach am Freitag der Tagung „Was hält Europa zusammen?“ die Richtung vor. Zu sozialethischen Gesprächen lädt die gemeinsame Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken jedes Jahr Theologen, Sozialethiker, Geisteswissenschaftler und interessierte Laien ein.

    Der Philosoph Rémi Brague ist davon überzeugt, dass das Christentum erst die Gemeinschaft der Völker in Europa ermöglich... Foto: KSZ

    Nie war das Projekt der europäischen Integration so stark gefährdet, nie waren die Fliehkräfte so stark wie in dieser Krise. Im vergangenen Jahr brachte die COMECE, die Kommission der Bischofskonferenzen der EU, in Brüssel ein Dokument mit dem Titel ,,Eine europäische Solidaritäts- und Verantwortungsgemeinschaft“ heraus. An beidem, an Solidarität und Verantwortung, mangelt es heute. Aber was kann Europa zusammenhalten, wenn die wirtschaftlichen Klammern nachgeben? Immer noch, aller Erosion zum Trotz, der christliche Glaube. „Die Kirche steht nicht neben der Gesellschaft, sondern sie ist ein sehr wichtiger, impulsgebender Teil von ihr“, gab Professor Peter Schallenberg, Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach am Freitag der Tagung „Was hält Europa zusammen?“ die Richtung vor. Zu sozialethischen Gesprächen lädt die gemeinsame Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken jedes Jahr Theologen, Sozialethiker, Geisteswissenschaftler und interessierte Laien ein.

    Zum Auftakt sprachen der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Périsset, und der Philosoph Rémi Brague, Professor an der Pariser Sorbonne. „Wenn wir die Gründungsverträge der europäischen Einrichtungen betrachten, stellen wir fest, wie viel sie aus den christlichen Wurzeln Europas geschöpft haben“, sagte der Nuntius. Es gehe darum, „diesen christlichen Geist der Grundverträge Europas zu erkennen, zu verbreiten und zu verwirklichen“, Nächstenliebe als Triebfeder zur Erneuerung der Gesellschaft zu nutzen – auch auf der Ebene der Ökumene. „Die Schwierigkeit hier ist aber, dass wegen unterschiedlicher ethischer Positionen – zum Beispiel in bioethischen und ökologischen Grundfragen – nicht alle Christen mit einer Stimme sprechen.“ „Warum sollten wir als Christen nicht auch unsere Lobby innerhalb der Europäischen Gemeinschaft haben und entsprechend aktiv werden?“, fragte Erzbischof Périsset. „Es gibt wirklich genug Bereiche, in denen wir als bezeugende Christen handeln können und auch wahrgenommen werden.“

    Brague wies dagegen auf die andere Seite europapolitischen Denkens hin, die sich im Zeichen des Laizismus gegen das Engagement der Christen wende und Staat und Kirche scharf voneinander trenne. Möglicherweise liege die Ursache darin, „dass es immer noch Menschen gibt, die einfach eine Heidenangst vor dem Christentum haben“. Dabei habe gerade dieses Christentum erst Europa zu sich selbst verholfen, bekräftigte Brague. „In unserem Kulturkreis hat die christliche Religion überhaupt erst die Gemeinschaft der Völker ermöglicht.“ Das Christentum erkenne und schütze das Menschliche, wo andere nur Biologie oder Wirtschaft erkennen wollten. „Was tut das Christentum für Europa?“, fragte Brague. „Es öffnet die Augen für die Wahrheit. Es steht für den Glauben, dass jeder Mensch und jedes Volk die gleiche Würde vor Gott besitzt.“ In diesem Sinne machten Christen die menschlichen Kategorien in der Gesellschaft überhaupt erst sichtbar. Im Namen der Gottebenbildlichkeit des Menschen verstehen sich Christen in der Gesellschaft als dienend, „aber nicht bei jeder Grille der Gegenwart als anbiedernd“.

    In der darauf folgenden Podiumsdiskussion „Kirche und Christen in Europa“ warnte Ursula Nothelle-Wildfeuer, Professorin für Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Freiburg, vor der Fixierung auf eine Vergangenheit, in der die Verbreitung des Christentums identisch war mit der Ausdehnung Europas. „Keiner weiß besser als die katholische Kirche, Einheit und Vielfalt zueinander in Beziehung zu bringen“, meinte die Sozialethikerin. Die Kirche sei also Vorbild für die Integration des Kontinents, aber: „Katholische Kirche ist nicht europäische Kirche, sondern Weltkirche und nötigt den Blick über den Tellerrand Europas hinaus.“ Und Professor Martin Schlag von der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom sagte: „Ich kann Herr Delors nicht zustimmen, der vor zehn Jahren sagte: ,Wir müssen Europa seine Seele zurückgegeben.‘ Europa hat eine Seele. Wir müssen sie einfach bloß wiederentdecken.“

    Aber wird das Gemeinsame Europas mit dem Begriff „Wertegemeinschaft“ richtig wiedergegeben? Vor dem inflationären Gebrauch des Begriffs „Werte“ und dessen Tücken warnte Brague: „Komisch, dass man einen Begriff zum Tragen bringt, der einen alten Begriff ersetzt, nämlich gut. Der Wertbegriff bringt die radikale Subjektivität mit sich. Wenn ich ,Wert‘ sage, sage ich, was Wert hat, hat Wert für mich: Das bedeutet, dass ich einer Sache Wert geben oder wieder nehmen kann. Für Philosophen meiner Richtung geht das nicht!“ Hier drohe Rechtspositivismus. „Es wäre ratsam, die Idee des Naturrechts nicht zu schnell zu verwerfen. Sie können es noch brauchen.“

    Trotz getrübter Aussichten gilt Europa nach wie vor als Chance für seine Mitgliedsstaaten wie seine Menschen, wurde am nächsten Tag bekräftigt. Die Republik Polen will sich zum Anwalt der neuen Mitglieder und der Beitrittskandidaten in Osteuropa machen – auch von Moldawien, Georgien und der Ukraine. sagte Marek Prawda, der Botschafter Polens in Deutschland. „Wir kämpfen dafür, dass man diesen Ländern nicht etwas verspricht, was man nicht halten kann, aber auch dafür, dass man ihre Träume nicht zerstört“, sagte er. Wenn Deutschland in der EU auf einen Kurs des Sparens und der Stabilisierung der Staatshaushalte setze, habe es Polen an seiner Seite. Polen habe gute Erfahrung mit der Schuldenbremse gemacht und deshalb sein Defizit im Griff. Denn Wachstum hätten jene Länder, „die gute Politik machen und sparen, nicht diejenigen, die über Verschuldung versuchen, Arbeitsplätze zu kaufen“.

    Und Henning vom Stein, Projekt-Manager des Programmes Europas Zukunft der Bertelsmann-Stiftung, wies auf das Nebeneinander nationaler und europäischer Identitäten hin. Immer mehr Menschen nutzten die Chancen Europas. Junge Leute studierten ganz selbstverständlich an Universitäten in den Nachbarländern, Unternehmen beschäftigten international – europäisch – gemischte Belegschaften. Deshalb müssten sich auch die Parteien viel stärker europäisch organisieren – sonst, warnte er, „werden wir ein politisch atomisiertes Europäisches Parlament haben, weil die Leute immer noch innenpolitisch und national wählen“.

    Europa braucht mehr Verklammerung. Das Christentum will und kann dies leisten, weil Europa überall Spuren des Christentums trägt. Patrick Daly, der Generalsekretär der COMECE, beschrieb in seinem Schlusswort die Erinnerung als eines der Motive des Christlichen. Damit spannte er den Bogen zu Nuntius Périsset, der in seinem Eingangsreferat ein Wort von Papst Johannes Paul II zitiert hatte: „Man schneidet nicht die Wurzeln ab, aus denen man gewachsen ist.“