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    Europas Reproduktionsmedizin boomt

    Es ist schon etwas Besonderes, wenn ein Dienstleister beklagt, eine der von ihm angebotenen Leistungen werde viel zu oft in Anspruch genommen. Genau das ist jetzt geschehen. Auf der 24. Jahrestagung der „European Society for Human Reproduction and Embryology“ (ESHRE), zu der sich Reproduktionsmediziner aus der ganzen Welt vergangene Woche in Barcelona einfanden, beklagte der Leiter des ESHRE-Patientenregisters, Nyboe Andersen, einen explosionsartigen Anstieg der sogenannten Intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI). Anders als bei der In-Vitro-Fertilisation (IVF), bei der Eizellen im Labor mit Spermien überschüttet werden, spritzen die Reproduktionsmediziner bei der ICSI ein einzelnes Spermium mittels einer Injektionsnadel direkt in die weibliche Eizelle. Die Methode, die erstmals 1992 wissenschaftlich beschrieben wurde, war entwickelt worden, um Paaren auch bei einer diagnostizierten Unfruchtbarkeit des Mannes zu einem Kind verhelfen zu können.

    Es ist schon etwas Besonderes, wenn ein Dienstleister beklagt, eine der von ihm angebotenen Leistungen werde viel zu oft in Anspruch genommen. Genau das ist jetzt geschehen. Auf der 24. Jahrestagung der „European Society for Human Reproduction and Embryology“ (ESHRE), zu der sich Reproduktionsmediziner aus der ganzen Welt vergangene Woche in Barcelona einfanden, beklagte der Leiter des ESHRE-Patientenregisters, Nyboe Andersen, einen explosionsartigen Anstieg der sogenannten Intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI). Anders als bei der In-Vitro-Fertilisation (IVF), bei der Eizellen im Labor mit Spermien überschüttet werden, spritzen die Reproduktionsmediziner bei der ICSI ein einzelnes Spermium mittels einer Injektionsnadel direkt in die weibliche Eizelle. Die Methode, die erstmals 1992 wissenschaftlich beschrieben wurde, war entwickelt worden, um Paaren auch bei einer diagnostizierten Unfruchtbarkeit des Mannes zu einem Kind verhelfen zu können.

    Komplizierter und daher teurer

    Wie Andersen darlegte, stieg 2005 – dem letzten Jahr, aus dem europaweit Daten vorliegen – die Gesamtzahl der gemeldeten reproduktionsmedizinischen Eingriffe, die von Reproduktionsmedizinern unter dem Begriff „Assisted Reproductive Technology“ (ART) subsumiert werden, in Europa gegenüber dem Vorjahr um ganze 14 Prozent auf 419 037. Während die Reproduktionsmediziner dabei auf die als Standard-Verfahren geltende IVF „nur“ 118 074 Mal zurückgriffen, kam die ICSI-Methode beinah doppelt so häufig, nämlich genau 203 329 Mal zum Einsatz. Und das obwohl die Zahl der Männer, die an Unfruchtbarkeit litten, gegenüber dem Vorjahr konstant geblieben sei. Bei mehr als der Hälfte der Paare, die sich einer künstlichen Befruchtung mit ICSI unterzogen hätten, war laut Andersen zuvor keine Unfruchtbarkeit des Mannes diagnostiziert worden.

    Wie der Mediziner vom Rigshospitalet in Kopenhagen darlegte, sei die Durchführung von ICSI zwar komplizierter und daher auch teurer als eine Standard-IVF-Behandlung – die Mehrkosten bezifferte Andersen je nach Land auf zwischen zehn und dreißig Prozent – jedoch keinesfalls erfolgreicher. Während der Transfer eines mittels IVF erzeugten Embryos in die Gebärmutter der Frau im Jahr 2005 in 30,4 Prozent der Fälle zu einer klinischen Schwangerschaft geführt habe, sei die Erfolgsrate bei ICSI im gleichen Zeitraum mit 30,3 Prozent nahezu identisch geblieben. Besonders hoch sei der Anteil der ICSI-Behandlungen in Südeuropa. In Spanien, Italien und Griechenland läge er zwischen 66 und 81 Prozent. In den nordischen Ländern, den Niederlanden und Großbritannien betrage die ICSI-Quote 40 bis 44 Prozent. Deutschland, Österreich und Belgien bildeten mit einem Anteil von 68,5 bis 73 Prozent das Mittelfeld.

    Anders als der katholischen Kirche, welche die künstliche Befruchtung für moralisch unvertretbar hält, müsste es den Reproduktionsmedizinern eigentlich egal sein, mit welcher der von ihnen angebotenen Methoden Kinder in die Welt gesetzt werden. Dies gilt umso mehr, als weder IVF noch ICSI Unfruchtbarkeit heilen können. Auch dass die reproduktionsmedizinischen Labors und Kliniken mit dem teureren ICSI-Verfahren inzwischen mehr Umsatz generieren als mit der preiswerteren Standard-IVF, wird die Babymacher ebenfalls kaum um den gesunden Nachtschlaf bringen.

    Was sie jedoch stören könnte, ist etwas, das von Reproduktionsmedizinern nach wie vor bestritten wird und auch von Andersen in Barcelona nicht erwähnt wurde. Wissenschaftlichen Studien zufolge ist nämlich das Fehlbildungsrisiko bei Kindern, die mit ICSI erzeugt wurden, besonders hoch. 2002 veröffentlichte das „New England Journal of Medicine“ eine australische Studie, die sich auf große Fallzahlen stützen konnte. Für sie werteten die Mediziner um Michele Hansen von der University of Western Australia in Perth Daten der Jahre 1993 bis 1997 aus und verglichen den Gesundheitszustand von 1 000 mittels IVF und ICSI erzeugten Kindern mit dem von 4 000 natürlich gezeugten Kindern.

    Studie über Fehlbildungsrate

    Dabei stellten Hansen und ihre Kollegen fest, dass die Fehlbildungsrate von Kindern, die mittels IVF und ICSI erzeugt worden waren, mit 8,6 beziehungsweise mit 9 Prozent mehr als doppelt so hoch war wie bei Kindern, die auf herkömmliche Art gezeugt wurden. Hier betrug der Anteil der dokumentierten Fehlbildungen nur 4,2 Prozent.

    Festgestellt worden waren unter anderem schwere Herzfehler, schwere Fehlbildungen des Urogenitalsystems, Chromosomenanomalien sowie Schädigungen von Knochen und Muskeln.

    Dass es nur wenige andere Studien gibt, die über Ähnliches berichten, hat einen einfachen Grund. Laut Hansen ist Western Australia der einzige Bundesstaat in Australien und „einer der wenigen Plätze in der Welt“ überhaupt, der ein gesetzliches Melderegister für Reproduktionstechniken eingerichtet hat.

    Gleichwohl ist Hansens Studie nicht die einzige, die auf verlässlichen Daten basiert. Ebenfalls 2002 sorgte in Deutschland die Auswertung des Mainzer Geburtenregisters für Aufregung. Bei dem Projekt, das von der Kinderärztin Annette Queißer-Luft geleitet und vom Land Rheinland-Pfalz geförderte wurde, untersuchten Ärzte nach einem standardisierten Verfahren alle neugeborenen, totgeborenen und abgetriebenen Kinder und dokumentierten etwaige Fehlbildungen.

    Wie die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ damals schrieb, handelte es sich bei diesem Projekt um eines, „das hinsichtlich Qualität und Vollständigkeit der Daten in Deutschland seinesgleichen sucht“. Die Auswertung von rund 20 000 Fällen erhärtete den Verdacht, dass Kinder, die mittels IVF und ICSI erzeugt werden, häufiger Fehlbildungen aufwiesen als natürlich gezeugte Kinder. Während sich Missbildungen bei letzteren in 7,1 Prozent der Fälle dokumentiert fanden, betrug die Fehlbildungsrate bei IVF-erzeugten Kindern 9,5 Prozent. Bei den ICSI-erzeugten Kindern war die Fehlbildungsrate mit 22,8 Prozent sogar dreimal so hoch wie bei einer herkömmlichen Zeugung, und damit nur noch vergleichbar mit dem Risiko, das bei einer Zeugung durch nahe Verwandte gegeben ist. Beobachtet wurden unter anderem schwere Herzfehler, Doppelnieren, ein offener Wirbelkanal oder ein komplett verschlossener After sowie ein erhöhter Anteil von Chromosomenänderungen. Selbst eine von Reproduktionsmedizinern selbst koordinierte Studie stellte bei ICSI-Kindern mehr Fehlbildungen fest als bei Kindern, die auf natürliche Weise gezeugt wurden. Obwohl die Fehlbildungsrate hier mit 8,63 Prozent immerhin um 1,86 Prozent höher war als bei der Kontrollgruppe, wollten die Reproduktionsmediziner in der ICSI-Methode jedoch keinen Risikofaktor erblicken. Stattdessen führten sie das Mehr an Fehlbildungen auf das hohe Alter der Patientinnen zurück, die an der Studie teilgenommen haben.

    Grundsätzlichere Probleme

    Unabhängige Experten halten die mit ICSI verbundenen Probleme für grundsätzlicher: „Damit die Befruchtung erfolgreich abläuft, muss das Spermium die Cumuluszellen, welche der Eizelle noch anhaften, durchdringen. Die Interaktion des Spermiums mit der zona pellucida (Eizellhülle) führt zur Freisetzung von Substanzen aus der Spitze des Spermienkopfes, welche die zona pellucida für das Spermium durchlässig macht, so dass es sich an die Zellmembran der Eizelle anlagern kann“, erläutert etwa Josef Wisser, Oberarzt für Geburtshilfe an der Universitätsklinik Zürich. Erst nach diesem Vorgang, der auch Imprägnation genannt wird, erfolge die Fusion von Spermium und Eizelle.

    Auch andere Experten wollen nicht ausschließen, dass das gewaltsame Übergehen der Imprägnation beim ICSI-Verfahren negative Auswirkungen auf die Gesundheit des so erzeugten Kindes haben kann. Das „President's Council on Bioethics“ ein hochkarätig besetztes Expertengremium, das US-Präsident Bush in bioethischen Fragen berät, weist in seinem umfassenden Bericht zur Reproduktionsmedizin noch auf einen weiteren, mindestens ebenso bedenkenswerten Aspekt hin: „ICSI umgeht die natürliche Barriere der Eizelle, die diese gegen Spermien errichtet hat, die nicht zur Befruchtung fähig sind.“ Mit anderen Worten: Bei ICSI kommen Spermien zum Zug, die bei einer natürlichen Zeugung chancenlos geblieben wären. Gut möglich, dass genau dies auch den ESHRE-Funktionär Andersen mit Besorgnis erfüllt.

    Von Stefan Rehder