• aktualisiert:

    Europa von Reykjavik bis Wladiwostok?

    Ob die Türkei nach einer Reihe von Reformen einmal Vollmitglied des vereinten Europa werden soll oder nicht, ist seit Jahren das am heftigsten umkämpfte und emotionalisierende Thema in der Europäischen Union. Dem Europarat, in der Öffentlichkeit oft mit dem Ministerrat der EU oder dem Europäischen Rat (dem „EU-Gipfel“) verwechselt, gehört die Türkei seit dem Jahr seiner Gründung 1949 an. Anders als die Europäische Union, die aus der nur sechs karolingische Staaten umfassenden „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (Montan-Union) erwuchs, war der Europarat von Anfang an großeuropäisch angelegt: Von zehn west- und nordeuropäischen Staaten gegründet, nahm er noch 1949 Griechenland und die Türkei auf – zwei Jahre vor Deutschland, sieben Jahre vor Österreich! Spätestens seit der Aufnahme Russlands 1996, Georgiens 1999, Armeniens und Aserbaidschans 2001 ist der Europarat keine rein europäische, sondern eine eurasische Institution.

    Ob die Türkei nach einer Reihe von Reformen einmal Vollmitglied des vereinten Europa werden soll oder nicht, ist seit Jahren das am heftigsten umkämpfte und emotionalisierende Thema in der Europäischen Union. Dem Europarat, in der Öffentlichkeit oft mit dem Ministerrat der EU oder dem Europäischen Rat (dem „EU-Gipfel“) verwechselt, gehört die Türkei seit dem Jahr seiner Gründung 1949 an. Anders als die Europäische Union, die aus der nur sechs karolingische Staaten umfassenden „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (Montan-Union) erwuchs, war der Europarat von Anfang an großeuropäisch angelegt: Von zehn west- und nordeuropäischen Staaten gegründet, nahm er noch 1949 Griechenland und die Türkei auf – zwei Jahre vor Deutschland, sieben Jahre vor Österreich! Spätestens seit der Aufnahme Russlands 1996, Georgiens 1999, Armeniens und Aserbaidschans 2001 ist der Europarat keine rein europäische, sondern eine eurasische Institution.

    Am Montag wurde nun erstmals ein türkischer Politiker zum Präsidenten der in Straßburg – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Europäischen Parlament – tagenden Parlamentarischen Versammlung des Europarats gewählt: Mevlüt Cavusoglu, der 1968 in Alanya geboren wurde und Volkswirtschaft und internationale Beziehungen in London, New York und Ankara studierte. Cavusoglu gehört zu den Gründungsmitgliedern der türkischen Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Erdogan und hat als Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarats und Vorsitzender ihrer türkischen Delegation sowie als Vorsitzender der Interparlamentarischen Freundschaftsgruppe Türkei-USA eine profunde internationale und parlamentarische Erfahrung.

    Der Gründer der Derwischorden als Ideengeber für Europa?

    In seiner Eröffnungsansprache machte er aber auch deutlich, dass er seine Wurzeln nicht vergessen hat. Als kleiner Junge auf dem Bauernhof seines Vaters in Alanya habe er sich nicht vorstellen können, „dass ich eines Tages der Präsident einer Versammlung werden würde, die 47 Staaten und 800 Millionen Europäer vertritt“. Dann zitierte er aus der Rede des türkischen Europarats-Vizepräsidenten von 1949, Kasim Gülek: „Eines Tages werden alle Länder und Völker Europas in dieser Versammlung vertreten sein.“ Dieser Traum sei heute, da man nur noch auf Weißrussland warte, Wirklichkeit geworden: „Ich komme aus einem Land, das seit 2 000 Jahren stolz darauf ist, eine Brücke zwischen den Kontinenten zu sein. Ich möchte dieses politische Verständnis auf eine neue Ebene heben, dass es eine Brücke für die Völker Europas bildet, unabhängig davon, ob sie in der kalten Arktis leben oder an den warmen Stränden Antalyas. Und mit Europa meine ich das ganze Europa – von Reykjavik im Westen bis Wladiwostok im Osten, von Hammerfest im Norden bis La Valetta im Süden.“ Die 800 Millionen Europäer dieses Raumes sollen sich durch den Europarat vertreten und geschützt fühlen, hofft der neue Präsident der Parlamentarischen Versammlung.

    Anders als das Europäische Parlament, das sich längst als eine gemeinschaftliche parlamentarische Vertretung der EU und nicht als verlängerter Arm ihrer 27 Mitgliedstaaten sieht, herrscht im Europarat ein nationalstaatliches Delegationsprinzip. Und so scheint sich auch Präsident Cavusoglu zunächst als Vertreter der Türkei in dieser multinationalen europäisch-asiatischen Institution zu verstehen. Also dankte er der türkischen Regierung und der Großen Nationalversammlung der Türkei „auch für die vielen Reformen, die sie in der Türkei vor kurzem durchgeführt haben – Reformen, die dazu geführt haben, dass die Beobachtung meines Landes durch die Parlamentarische Versammlung zu einem Ende gekommen ist und zur weiteren Stärkung von Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Türkei“. Da sprach wohl auch der AK-Parteifunktionär, der Erdogan-Anhänger und der türkische Patriot.

    Der traditionsbewusste türkische Muslim schimmerte auch durch, als er in seiner Eröffnungsansprache in Straßburg „den überaus berühmten Philosophen Mevlana Rumi“ zitierte: „Komm, komm herüber, näher heran. Wie lange noch dauert ein solches Schisma? Wie lange noch dauert ein solcher Lärm und Kampf? Denn du bist ich und ich bin du. Wie lange noch dauert diese Trennung zwischen dir und mir?“ Ob die anwesenden Parlamentarier aus 47 Staaten wohl wussten, wer dieser „überaus berühmte Philosoph Mevlana Rumi“ war? Ob sie wohl verstanden, dass es bei der Sehnsucht nach Überwindung der „Trennung zwischen dir und mir“ nicht um die Einigung Europas oder die Freundschaft zwischen den Völkern ging? Celaleddin Rumi, von seinen Schülern „Mevlana“ (Unser Meister) genannt, war der Gründer der Derwisch-Orden und Vater des Sufismus. Ihm ging es nicht um die Einheit von Nationen und Völkern, sondern um die mystische Vereinigung des Frommen mit einem alles umfassenden Gott. Mit der Zitierung Rumis hat der neue Präsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarates einer frommen, mystischen, unpolitischen Richtung des sunnitischen Islam die Referenz erwiesen, die zwar in der Türkei – vor allem im konservativen, zentralanatolischen Konya – noch gepflegt wird, aber mit dem kemalistischen Laizismus der türkischen Republik nichts zu tun hat. Atatürk hatte in seinem Wüten gegen den gesellschaftsprägenden Islam die Derwischorden 1925 schlicht verboten.

    Doch was wollte Cavusoglu mit dieser Verneigung vor dem Sufismus sagen? War seine Botschaft tatsächlich an Europa gerichtet, wo Rumi weitgehend unbekannt ist, oder an die türkische Heimat? Und warum zitierte er Rumis fromme Einheitsmystik im Zusammenhang mit der These, dass das gemeinsame Haus Europa auf einer offenen Gesellschaft gebaut werden müsse, „die ihre Grundlage auf der Achtung der Vielfalt besitzt, nicht auf Ausschluss, nicht auf Diskriminierung, nicht auf Angst und nicht auf Hass“. Migration müsse als Chance begriffen werden, nicht als Bedrohung, meinte Cavusoglu. „Wir müssen den interkulturellen und interreligiösen Dialog verstärken. Wir müssen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und alle Arten ähnlicher Phobien ausmerzen, die zu Diskriminierung und Intoleranz führen.“ Soll der zur Konturlosigkeit erweiterte Europarat vielleicht gar im Sufismus die Seele Europas wiederentdecken?

    Von Stephan Baier