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    Es wächst Verständnis auf höchster Ebene

    Herr Professor, in zwei Wochen trifft der Papst im Libanon mit islamischen Führern zusammen. Wie würden Sie den Stand des katholisch-muslimischen Dialogs im gegenwärtigen Pontifikat einschätzen? Papst Benedikt steht für einen neuen Schritt im Dialog.

    Herr Professor, in zwei Wochen trifft der Papst im Libanon mit islamischen Führern zusammen. Wie würden Sie den Stand des katholisch-muslimischen Dialogs im gegenwärtigen Pontifikat einschätzen?

    Papst Benedikt steht für einen neuen Schritt im Dialog. Nach einem Dialog der Wahrnehmung unter Paul VI. und einem Dialog des Wohlwollens mit Johannes Paul II. können wir, so vorbereitet, nun einen Dialog der Wissenschaftlichkeit führen. Das heißt, wir können jetzt in Freiheit und in einer Atmosphäre gemeinsamen Nachdenkens benennen, was uns schmerzt und welche Lösungen wir sehen.

    Sind die Gesprächspartner denn repräsentativ für die islamische Welt?

    Gerade der groß angelegte Gesprächsprozess des „Katholisch-Muslimischen Forums“, der 2008 begonnen hat, legt Wert darauf, dass in beiden Delegationen stets „experts“ und „leaders“ sind, das heißt sowohl akademische Fachleute als auch Menschen, die eine Gemeinschaft vertreten – Bischöfe und Muftis – sowie einflussreiche Stimmen, etwa ein Fernsehprediger. Dabei ist oft wichtiger als das Gesprächsthema die Tatsache, dass wir uns zusammensetzen. Das ist kein Zaubermittel, aber so wächst Verständnis auf höchster Ebene, manchmal sogar Freundschaft. Und die wirkt für die ganze Gemeinschaft als Vorbild und Ermutigung.

    Viele Christen im Orient fürchten, dass aus dem Arabischen Frühling ein islamischer Winter wird. Teilen Sie diese Befürchtungen?

    Natürlich begleiten wir die Aufbrüche auch mit Sorge, gerade für die nichtmuslimischen Minderheiten. Aber ich konnte etwa kürzlich mit einem griechisch-orthodoxen Geschäftsmann aus Damaskus sprechen. Er sagte: Nach Jahrzehnten der Unterdrückung wird die erste freie Wahl fast sicher eine islamistische Schlagseite haben. Nur wird sich dann zeigen, dass auch eine Regierung, die mit dem Koran auf den Lippen arbeitet, aus Normalverbrauchern besteht, nicht aus Wundertätern. Und das wird die Erwartungen entspannen und das Zusammenleben.

    Dennoch tut sich der Islam schwer mit der Religionsfreiheit.

    Der Islam? Jahrhundertelang konnte man in Gesellschaften unter islamischer Vorherrschaft fliehen, wenn man Sicherheit vor Verfolgung in Europa suchte. Man kann nicht sagen, dass unsere eigene Geschichte durchweg von Religionsfreiheit geprägt war. In der arabischen Welt machten Abgrenzungsangst, Einheitlichkeitswahn und eine nationalistische Selbsterfindung – alles Motive der Moderne – den Juden und Christen das Leben plötzlich viel schwerer als in den Jahrhunderten des klassischen Islam. Und dass man religiöse Minderheiten gar loswerden zu müssen meint, ist islamischerseits auch eine Reaktion auf westliche Nahostpolitik.

    Nun weisen arabische Christen, etwa im Libanon, auf ihren kulturellen Beitrag in ihren Gesellschaften hin. Glauben Sie, dass sie das in den Augen ihrer islamischen Mitbürger unersetzlich macht und ihre Präsenz garantiert?

    Garantieren kann man das nicht. Aber man kann genau hinschauen. Wer auf einer katholischen Schule oder Universität war, hat im Nahen Osten meist eine regelrechte Verehrung für die Schulträger und ihren Dienst an der Jugend. Wer solche Einrichtungen nicht von innen kennt, ist dagegen oft überzogen kritisch: Die Schulen – heißt es da etwa polemisch – seien die Brutstätten einer säkularen Elite, die mit dem Islam nichts mehr anzufangen wisse und gewaltsam modernisiere. Das ist ein schmerzliches Fehlurteil, denn gerade in dem religiös aufgeschlossenen Klima der christlichen Schulen und Universitäten entdecken junge Muslime, dass man auch gläubig und zugleich nachdenklich, weltoffen, gesprächsbereit sein kann. Hier wächst oft eine jugendliche Religiosität ohne Ghetto-Mentalität und verkrampft-ideologische Identitätsversprechen: ein respektvoller christlicher und islamischer Glaube.