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    Es kann jeden treffen

    Die Welle der Gewalt in Nigeria reißt nicht ab. Nach dem Autobomben-Anschlag in der Hauptstadt Abuja am vergangenen Montag, bei dem mindestens 70 Menschen getötet und 160 Personen verletzt wurden, sind bei einem Angriff von Islamisten auf eine Mädchenschule im Nordosten Nigerias mehr als 100 Schülerinnen entführt worden. Schwer bewaffnete Männer hatten die weiterführende Schule in Chibok im Bundesstaat Borno überfallen. Die Täter waren in der Nacht zum Dienstag mit einem Lastwagen vor die Schule gefahren und haben den Mädchen befohlen mitzukommen. Die umliegenden Viertel wurden laut Behördenangaben in Brand gesteckt.

    Kostete mehr als 70 Menschen das Leben: Der Bomben-Anschlag in Abuja. Foto: dpa

    Die Welle der Gewalt in Nigeria reißt nicht ab. Nach dem Autobomben-Anschlag in der Hauptstadt Abuja am vergangenen Montag, bei dem mindestens 70 Menschen getötet und 160 Personen verletzt wurden, sind bei einem Angriff von Islamisten auf eine Mädchenschule im Nordosten Nigerias mehr als 100 Schülerinnen entführt worden. Schwer bewaffnete Männer hatten die weiterführende Schule in Chibok im Bundesstaat Borno überfallen. Die Täter waren in der Nacht zum Dienstag mit einem Lastwagen vor die Schule gefahren und haben den Mädchen befohlen mitzukommen. Die umliegenden Viertel wurden laut Behördenangaben in Brand gesteckt.

    Wer sind die Verantwortlichen, wie können sie zur Rechenschaft gezogen werden und was muss geschehen, um den Terror in die Schranken zu weisen? Bei der Suche nach den Drahtziehern herrscht allerorten Hilf- und Ratlosigkeit. Nur darüber besteht kaum Zweifel: dass die islamistische Terrororganisation Boko Haram hinter dem Blutbad und der Entführung steht. Auch Staatspräsident Goodluck Jonathan hat am Dienstag deutlich gemacht, dass es sich um Anschläge der Organisation Boko Haram handeln müsse. Dass er erst zwei Tage nach dem Anschlag den Tatort aufsuchte, bewerten viele seiner politischen Gegner als Eingeständnis, vor der Gewalt kapituliert zu haben. Tatsächlich hat die Regierung bislang kein Mittel gefunden, gegen die Terroristen wirksam vorzugehen. Boko Haram hatte in den vergangenen Jahren immer wieder schwere Anschläge verübt, meist jedoch im Norden des Landes. Mehr als 1 500 Tote insgesamt sind es seit Jahresbeginn. Und auch in Nigerias Nachbarland Kamerun schlugen mutmaßlich Islamisten jüngst zu: zwei Priester und eine Schwester wurden dort – vermutlich von Boko Haram-Mitgliedern – entführt. Bis heute fehlt von ihnen jede Spur, wie Radio Vatikan meldete.

    Es überrascht deshalb nicht, dass die Ungeduld auch seitens der Kirche zunimmt, unabhängig davon, dass Präsident Goodluck Jonathan ein Christ aus dem mehrheitlich christlichen Süden Nigerias ist. Gegenüber Radio Vatikan sagte der Erzbischof der zentralnigerianischen Stadt Jos, Ignatius Kaigama: „Die Anschläge gingen trotz der angeblichen Versuche der Regierung, sie zu beenden, weiter. Die Destruktivität und Perfektion nimmt zu. Ich spreche hier von der Art und Weise der Angriffe. Wir sind bestürzt, dass weiter Unschuldige sterben, dass Boko Haram Menschen wie Tiere umbringt – ich weiß nicht, aus welchem Grund. Man wird sagen, es geht um Religion. Aber welche zivilisierte Religion bringt Menschen ziellos um?“

    Kaigama sieht krasses Staatsversagen, nicht nur mit Blick auf die Terrorabwehr, sondern auch innerhalb staatlicher Strukturen: „Ich stelle immer wieder die Frage, warum unsere Sicherheitskräfte, in die die Regierung ja so viel investiert hat, keine Ergebnisse bringen, die zerstörerischen Taten Boko Harams nicht verhindern. Das bedeutet, dass Boko Haram irgendeine Form der Rückendeckung haben muss, entweder international oder anders.“

    Genaue Erkenntnisse über das Netzwerk von Boko Haram gibt es nicht, doch dass Verbindungen zu anderen islamistischen Organisationen bestehen, gilt als sicher. Sie bedrohen Nigeria wie ein schnell wachsender Tumor und verhindern so eine nachhaltige Entwicklung des Landes. Hinzu kommt die weit verbreitete Korruption. Auch der Kirche sind die Hände gebunden, trotz ihres guten Rufes und ihrer Vernetzungen in weiten Teilen des Landes. Die Kirche, so Kaigama, habe „das Menschenmögliche“ getan, um der kruden Gewalt einen Riegel vorzuschieben. Sie sei vor allem im nationalen Dialog engagiert. Die Bischöfe seien inzwischen aber „ein wenig enttäuscht“ und müde, dass es im Kampf gegen Boko Haram nicht vorangehe und auch darüber, dass „die Grabenkämpfe um ethnische und religiöse Zugehörigkeit in Nigeria nicht abreißen“, ergänzt der Geistliche. Im Norden kommt es, unabhängig von Boko Haram, immer wieder zum Gerangel zwischen ethnischen Gruppen um Land und Ressourcen.

    Kaigama bittet das Ausland um Unterstützung. Den Zusammenhang aufzudecken zwischen Boko Haram und ihren Verbindungsleuten in der muslimischen Welt, wäre seiner Ansicht nach eine „wirkliche Hilfe der internationalen Gemeinschaft für Nigeria“. Tatsächlich blickt der Westen angesichts der nicht abreißenden Gewalt bisher hilflos auf das konfliktgeschüttelte Land. Droht Afrika parallel zum Bürgerkrieg in Zentralafrika in diesem Jahr ein weiterer dauerhafter Konflikt? Die Zeit drängt. Kaigama: „Am Anfang haben wir gedacht, dass Boko Haram Christen hasst und gegen die Kirche kämpft. Ja, sie haben schreckliche Zerstörung unter Christen und innerhalb der Kirche angerichtet. Doch nun ist die Zerstörung ziellos; sie töten junge Leute, Kinder, Frauen, jeden hier, es ist ein Horror. In der Passionszeit beten wir für einen Wandel der Herzen und das Bewusstsein um die Heiligkeit des menschlichen Lebens.“