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    „Es ist kein Ende des Exodus in Sicht“

    Herr Singhammer, Sie waren vergangene Woche mit Fraktionskollegen in der Türkei. Haben die Christen dort noch eine Zukunft?

    Herr Singhammer, Sie waren vergangene Woche mit Fraktionskollegen in der Türkei. Haben die Christen dort noch eine Zukunft?

    Die Christen in der Türkei sind in großer Bedrängnis. Viele christliche Minderheiten spüren einen Mangel an Religionsfreiheit und Toleranz, weshalb gerade Jüngere für sich keine Perspektive sehen und das Land verlassen. Den christlichen Kirchen dort droht so die Gefahr der Marginalisierung. Es leben zum Teil nur noch ein paar Familien in Dörfern, die früher mehrheitlich christlich waren. Und es ist kein Ende des Exodus in Sicht.

    Haben Sie die Probleme staatlichen Stellen gegenüber angesprochen?

    Wir hatten beispielsweise ein Gespräch mit dem Gouverneur der Provinz Mardin, wo das Kloster Mor Gabriel liegt, dem mit einem Prozess die wirtschaftliche Grundlagen entzogen zu werden droht. Die offizielle Auskunft war immer, dass man bemüht sei, ein gutes Zusammenleben zu schaffen. Unser Eindruck aufgrund der Gespräche mit den Minderheiten war hingegen, dass die Klöster und Kirchen als Museen sehr willkommen sind, weil sie touristische Attraktionen sind. Das Bemühen aber, dort auch religiöses Leben zu ermöglichen, ist sehr viel geringer.

    Haben die Kirchen Sie um konkrete Hilfe gebeten?

    Öffentlichkeit herzustellen gerade auch in Deutschland ist für die Christen dort sehr wichtig. Es ist ja so, dass die staatliche Religionsbehörde in der Türkei auf der einen Seite den Bau von Moscheen in Deutschland fordert. Wir unterstützen das, aber Religionsfreiheit ist nicht teilbar. Es kann nicht sein, dass gleichzeitig in der Türkei der Bau oder auch nur die Renovierung von Kirchen so enorm erschwert wird. Das Patriarchat Istanbul hat uns erzählt, dass die griechisch-orthodoxe Kirche, wenn sie eine der vielen noch erhaltenen Kirchen renovieren will, den Nachweis erbringen muss, dass zuvor in Griechenland eine Moschee restauriert worden ist. Daran sehen Sie schon die Schwierigkeit.

    Was sind denn die tieferen Ursachen dafür: der türkische Nationalismus?

    Die christlichen Minderheiten sind auch türkische Staatsbürger. Ich glaube, man muss immer wieder betonen, dass die türkische Administration keinerlei versteckte Diskriminierung vornehmen darf. Sie muss die Christen als Einzelpersonen wie auch ihre Institutionen gegenüber Teilen von nachbarschaftlichen Milieus in Schutz nehmen, deren Toleranz nicht den Anforderungen europäischer Standards entspricht.

    Glauben Sie, dass ein EU-Beitritt die Lösung dieser Probleme sein könnte?

    Ich glaube, dass man die Frage der individuellen und institutionellen Religionsfreiheit in der Türkei völlig unabhängig von einem eventuellen Beitritt zur Europäischen Union sehen muss.

    Finden Sie bei den Kollegen im Deutschen Bundestag ein offenes Ohr für diese Probleme, oder ist das ein spezielles CDU-Thema?

    Ich hoffe sehr, dass wir ein offenes Ohr in allen Fraktionen finden. Religionsfreiheit ist ja kein parteipolitisches Thema. Sondern Religionsfreiheit und Menschenrechte nehmen bei allen Kollegen und Kolleginnen im Bundestag unabhängig welcher Fraktion einen hohen Stellenwert ein. Deshalb erwarte ich auch Unterstützung von allen Seiten.

    Von Oliver Maksan