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    „Es herrscht eine hohe Unsicherheit“

    Frau Weltecke, wie sieht die aktuelle Situation an der türkisch-syrischen Grenze aus? Wir sind sehr besorgt. Das hat mehrere Gründe. Seit Kobane unter Beschuss ist, sind in wenigen Wochen über 140 000 Menschen über die türkische Grenze geflohen.

    , Mitarbeiterin des UN Welternährungsprogramms. Foto: WFP

    Frau Weltecke, wie sieht die aktuelle Situation an der türkisch-syrischen Grenze aus?

    Wir sind sehr besorgt. Das hat mehrere Gründe. Seit Kobane unter Beschuss ist, sind in wenigen Wochen über 140 000 Menschen über die türkische Grenze geflohen. Die türkische Regierung hat zwar sehr schnell reagiert – dennoch ist es eine gewaltige Herausforderung für die humanitären Helfer, diesem Ansturm gerecht zu werden. Sobald sie die Grenze überquert haben, kommen die Flüchtlinge in Notfallzentren an. Ein Teil der Familien kommt in öffentlichen Einrichtungen unter, zum Beispiel Schulen, viele Familien sind auch in temporären Flüchtlingslagern. In diesen Flüchtlingslagern regnet es momentan viel und der Winter naht. Beides macht den humanitären Helfern große Sorgen.

    Sie kümmern sich vor allem um die Ernährung der Menschen vor Ort. Wie ist diese koordiniert?

    Wir müssen uns vorstellen, dass viele der Flüchtlinge, seit Kobane attackiert wird, quasi über Nacht geflohen sind. Und das unter gefährlichsten Bedingungen. Sie konnten nichts mitnehmen. In den öffentlichen Einrichtungen und den temporären Camps besitzen sie keinerlei Kochmöglichkeit. Das Welternährungsprogramm, das für die Ernährungshilfe zuständig ist, hilft gemeinsam mit dem türkischen Roten Kreuz mit warmen Mahlzeiten, die über 60 000 Flüchtlinge täglich bekommen.

    Woher kommen die Lebensmittel?

    Wir haben den Vorteil, bislang alle Nahrungsmittel für die Flüchtlinge aus der Region um Kobane in der Türkei lokal ankaufen zu können. Das hat zwei Vorteile: Wir sparen dadurch Zeit und auch Geld für den Transport, beides Ressourcen, an denen es mangelt.

    Werden außerdem weitere humanitäre Hilfsmaßnahmen durchgeführt?

    Wir, das UN Welternährungsprogramm, agieren im Verbund mit anderen Hilfsorganisationen, zum Beispiel mit dem türkischen Roten Kreuz, dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen. Derzeit sind rund eine Million syrische Flüchtlinge in der Türkei registriert, die dringend humanitäre Hilfe benötigen – von der Unterkunft, über medizinische Hilfe bis hin zu Essensrationen.

    Was erzählen Ihre Kollegen vor Ort?

    Das Wichtigste für all diese Familien ist Sicherheit. Vor allem Frauen mit Kindern sind extrem traumatisiert. Auch viele ältere Menschen sind über die Grenze gekommen, geflohen über Nacht. Das sind die Schwächsten und Verletzlichsten, die derzeit unsere Hilfe benötigen. Unsere Kollegen vor Ort erzählen auch, dass viele Familienväter in ihren Dörfern geblieben sind, weil sich die Familien nicht trauen, alles einfach zurückzulassen, etwa das Haus oder die Viehherde. So sind viele Familien auseinandergerissen – es herrscht eine hohe Unsicherheit.

    Wie reagiert die türkische Bevölkerung auf die Vielzahl der Flüchtlinge?

    Bislang waren die türkische Regierung und die Menschen vor Ort sehr großzügig. Wir hoffen, dass in Zukunft alle Flüchtlinge, die humanitäre Hilfe benötigen, diese auch bekommen.

    Am Wochenende hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan als Reaktion auf kurdische Proteste die Frage gestellt, was Kobane mit der Türkei zu tun habe, mit Istanbul oder Ankara. Wie bewerten Sie diese Aussage mit Blick auf die Zukunft?

    Die humanitären Akteure kommen dann ins Spiel, wenn die Politik versagt. Deshalb leisten wir jetzt Nothilfe in der Region. Wir sind dabei aber unparteiisch und greifen nicht in diesen politischen Konflikt ein.