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    Es geht ums Konzil

    Von Markus Reder

    Von Markus Reder

    Als ob theologisch nicht alles schon kompliziert genug wäre. Aber auch das noch: Die Welt begeht den internationalen Gedenktag der Holocaustopfer und Rom steht mit dem Rücken zur Wand, weil die unerträglichen Einlassungen eines eben aus der Exkommunikation geholten Lefebvre-Bischofs ein Zerrbild von Kirche entstehen lassen, vor dem man sich nur mit Grauen abwenden kann. Aussagen wie die von Richard Williamson über den Holocaust sind schlicht irre. Der Mann ist nicht nur ein Fall für deutsche Gerichte, sondern wohl auch für den Psychiater. Das zeigen nicht nur seine Äußerungen zum Holocaust. Ginge es nach Williamson, dürften Frauen nicht studieren. Und das ist nur eine weitere der zahlreichen Unsäglichkeiten aus der Feder dieses Mannes, für den es auch die Anschläge vom 11. September 2001 nicht gegeben hat. Als Katholik kann man sich gar nicht deutlich genug vom Irrsinn dieses Lefebvre-Bischofs distanzieren, der mit seinem ungeheuerlichen Äußerungen die ganze Kirche in Verruf bringt und mühsam Erreichtes im Verhältnis zwischen Kirche und Judentum torpediert.

    Wer die Shoa leugnet oder sich nicht völlig eindeutig von Holocaust-Leugnern distanziert, versündigt sich an Millionen jüdischen Opfern, aber auch an jenen Glaubenszeugen, die sich gegen den Rassenwahn des NS-Regimes erhoben haben. Es ist bedauerlich, dass es mehrere Tage gedauert hat, bis sich die Priesterbruderschaft Pius X. von Williamsons Stellungnahme distanziert und dafür entschuldigt hat. Noch in der Vorwoche hat deren Generaloberer, Bischof Fellay, in einem Brief an das schwedische Fernsehen, mit dem er auf das Skandal-Interview seines Mitbruders reagiert hat, zur Medienschelte ausgeholt und sich über einen Reporter beklagt, der sich erlaubt habe, einen Bischof zu historischen Themen zu befragen. Fellay sprach vom „abscheulichen Versuch“, den Zielen der Priesterbruderschaft zu schaden. In solchen Äußerungen deutet sich jene Parallelwelt der Piusbrüder an, die die vom Papst angestrebte Versöhnung so sehr erschwert.

    Die Versöhnung der Traditionalisten mit Rom ist für Benedikt XVI. ein wichtiges Anliegen. Der Papst denkt hier in größeren, ja historischen Zusammenhängen, was angesichts der verständlichen Aufregung um Bischof Williamson kaum wahrgenommen wird. Zur Versöhnung gehören freilich immer zwei Seiten. Benedikt XVI. ist den Traditionalisten mit einem Akt großer Barmherzigkeit entgegengekommen. Das ist genau jene Haltung der Offenheit, die man auf der anderen Seite schmerzlich vermisst. Rund um die Pius-Bruderschaft ist ein eigenes theologisches und ästhetisches Milieu gewachsen. Man schottet sich nach außen ab und tritt mitunter aggressiv gegenüber jenen auf, die treu zu Papst und Kirche stehen. Weil neben theologischen Problemen hier auch viel Psychologie im Spiel ist, kann man nur hoffen, dass das Entgegenkommen des Papstes belohnt wird und dazu beiträgt, fundamentalistische Tendenzen innerhalb dieser Gruppierung zu entgiften. Die Priesterbruderschaft Pius X. und ihr Umfeld sind bei weitem nicht die geschlossene Einheit, als die sie von außen wahrgenommen werden. Die Diskussionen, die nun anstehen, werden das sehr bald deutlich zeigen. Vor allem wird es dabei um das Konzil gehen. Schon heißt es, angesichts der jüngsten Entscheidung des Papstes, Benedikt sei drauf und dran, einen Schritt hinter das Konzil zu machen. Das ist absurd. Wer das behauptet, kann entweder nicht lesen oder ignoriert bewusst die zahlreichen Schriften des Theologen Ratzinger, die ihn als Konzilstheologen ausweisen.

    Sicher, es gibt nachkonziliare Entwicklungen, die der Korrektur bedürfen. Liturgische Missstände zählen ebenso dazu, wie die Auseinandersetzung mit jenem Subjektivismus, der die Theologie zersetzt und einem Relativismus, der die Wahrheitsfrage atomisiert. Hier den Finger in die Wunde zu legen und heilend gegenzuwirken, verlangt neben Mut auch Klugheit, neben Festigkeit im Glauben auch die Weite des Herzens und des Verstandes.

    Das Zweite Vatikanum taugt nicht zum theologischen Steinbruch, aus dem sich reaktionäre Splittergruppen missliebige Dokumenten nach Gutdünken herausklopfen. Nachkonziliare Irrwege sind zu verlassen. Das ist richtig. Nicht der Geist, die Dokumente des Konzils sind dabei der Maßstab. Und wo die Deutungsoffenheit mancher Texte für Irritationen sorgen kann, sind diese im Licht der Tradition zu lesen. Selbstverständlich muss sich die Kirche fünfzig Jahre nach der Ankündigung des Konzils Rechenschaft geben. Das Zweite Vatikanum aber ist nicht verhandelbar. Dieses Konzil bedeutet die eigentliche Bruchlinie zwischen Rom und den Anhängern Lefebvres. Ökumene, Religionsfreiheit, interreligiöser Dialog, das Verhältnis zum Judentum: Darum geht es. Der oberste Hirte der Kirche ist den verirrten Schafen weit entgegengegangen. Jetzt müssen die sich bewegen.

    Die Welt von heute braucht die Kirche dringender denn je. Inmitten der religiösen Versteppung, inmitten der großen geistlichen Not unserer Zeit wird der Ruf nach Glaube und Religion immer lauter. Da sind die großen kulturellen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen. Da sind die zahllosen Krisen und Konfliktszenarien in der großen Politik wie in der kleinen Welt der Familien. Überall wird die befreiende Botschaft des Evangeliums dringend gebraucht. Darum muss die Kirche jetzt aufpassen, dass sie sich nicht in rückwärtsgewandte Diskussionen verstricken lässt. Ein reiner Retro-Katholizismus ist kein Zukunftsmodell.