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    Er will Kanzler werden

    Die Kandidaten für den CDU-Bundesvorsitz im Porträt – Zum Auftakt: Jens Spahn. Von Sebastian Sasse

    Jens Spahn: CDU-Pressekonferenz nach Hessen-Wahl
    Lichtgestalt oder Schattenmann? Jens Spahn polarisiert die CDU-Anhängerschaft wie kein anderer der Kandidaten auf den Bu... Foto: dpa

    Jetzt also Organspende und Pflege. Seit Jens Spahn Bundesgesundheitsminister ist, vergeht kaum eine Woche, in der er nicht eine neue Initiative, eine neue Idee, ein neues Konzept verkündet. Der 38-Jährige stehe jeden Tag auf, um die Welt zu erobern, sagen Leute über ihn, die ihn gut kennen. Eines jedenfalls macht er sehr deutlich: Er will noch etwas, Jens Spahn will Bundeskanzler werden. Dabei wirft er sich so auf ein neues Thema wie Frischverliebte in eine neue Beziehung: mit Leidenschaft. Das war schon so, als er vor zwei Jahrzehnten im Münsterland seine ersten politischen Schritte gemacht hat. Damals ging es um Atomkraft, genauer um die Zukunft des Atommülllagers in Ahaus, das Streitthema Nummer ein in Spahns Heimatregion. Fast alle aus seinem Umfeld wollten, dass es wegkommt, darunter auch viele. die eigentlich der CDU nahestanden. Für den Gymnasiasten Jens Spahn kein Grund. Er war für das Lager. Aber nicht einfach so: Er hatte sich in die Materie hineingearbeitet, Fachbücher gelesen und war so zu dem Schluss gekommen: die friedliche Nutzung von Atomkraft sei eine sinnvolle Sache. Und von diesem Urteil ließ er sich auch nicht abbringen. Aber er war auch bereit zu diskutieren, zu debattieren – am Schluss wollte er natürlich überzeugen.

    Diese Entwicklung hat Michael Bröcker, Chefredakteur der „Rheinischen Post“, in einer neuen Biografie Spahns nachgezeichnet, die, fast passend zur Kandidatur, vor wenigen Wochen im Herder Verlag erschienen ist. Bröcker zeigt charakteristische Eigenschaften Spahns: Die Bereitschaft, vor allem aber auch die Leidenschaft, sich in neue Themen einzuarbeiten. Und dann den Willen, auf dieser Basis in der Diskussion andere von seinem Urteil zu überzeugen. Diese Vorgehensweise hat aber auch Begleiteffekte: Was die einen Zielstrebigkeit nennen, können andere als Härte interpretieren. Was der eine Teil als rhetorisches Glanzstück empfindet, klingt für den anderen arrogant und schroff. Entsprechend sehen die Beliebtheitswerte aus. „Everbody's darling“ ist Jens Spahn sicherlich nicht. Er provoziert, er hat Anhänger oder Gegner, dazwischen gibt es fast nichts. Das mindert auch seine Wahl-Chancen beim CDU-Bundesparteitag in Hamburg. Zumal mit Friedrich Merz nun noch jemand antritt, der ebenfalls die konservativen Merkel-Kritiker in der Union hinter sich vereinen will.

    Aber ist Jens Spahn überhaupt ein Konservativer? Michael Bröcker sagt: „Nein.“ Ein Liberaler? Merkel-Kritiker, das treffe es besser als diese Kategorien. „Er sieht sich mit seinen Positionen in der Mitte der CDU“, so Bröcker. Das gelte für seine Haltung zur Migrationspolitik, hier sticht Spahns Kritik an Merkel besonders ins Auge und hat ihm deswegen den Ruf des Konservativen eingebracht.

    Es gelte aber auch für seine gesellschaftspolitischen Positionen: Als Homosexueller, der mit Daniel Funke, dem Leiter der Hauptstadtredaktion der „Bunte“ verheiratet ist, hat er im Bundestag für die Homo-„Ehe“ gestimmt. Trotzdem: Das Etikett „konservativ“ ließ er sich zumindest eine Weile ganz gerne auf die Stirn kleben. Der Münsterländer nutzte es, um zur lautesten Stimme der Merkel-Kritiker zu werden und sich diesen als Anführer zu empfehlen. An Merkel störe Spahn der politische Stil, meint Bröcker. Wolle die Kanzlerin möglichst dem politischen Streit aus dem Weg gehen, sei es Spahn eine Lust, zu argumentieren, gerne auch rhetorisch zugespitzt. Eine Eigenschaft, die Spahn, so Bröcker, auch an politischen Gegnern zu schätzen wisse.

    Fast die Hälfte seines Lebens sitzt Spahn schon im Bundestag und trotzdem kann der 38-Jährige immer noch als jung gelten. Deswegen wäre auch im Falle einer Niederlage in Hamburg sein politisches Leben nicht vorbei. Innen- oder auch Finanzminister, das seien Aufgaben, die Spahn reizen, ist sein Biograf überzeugt. Alternativen zur Politik habe er nicht wirklich. Weniger weil Spahn nicht auch in anderen Bereichen einen Job finden würde. Die Finanzwirtschaft etwa sei denkbar. Es hänge eher damit zusammen, dass die Politik für Spahn eine echte Herzensangelegenheit sei. Es ist nicht bekannt, ob Jens Spahn einmal am Kanzleramtszaun gerüttelt hat. Sicher ist nur: Da rein will er ganz bestimmt.

    Bearbeitet von Sebastian Sasse

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