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    Entglobalisierung als Folge der Coronakrise?

    Die Ohnmacht der Europäischen Union angesichts der Coronakrise deutet auf eine Renaissance einer zunehmend entglobalisierten Welt hin: die Souveränität der Nationalstaaten und deren Grenzsicherung sowie die traditionelle Familie – meint ein ehemaliger EU-Abgeordneter.

    Coronavirus - Grenzkontrolle Weil am Rhein
    Es habe sich gezeigt, dass die Vorstellung von der Welt als einem „globalen Dorf“ und einer multikulturellen Weltgesells... Foto: Patrick Seeger (dpa)

    Der ehemalige langjährige EU-Abgeordnete Philippe de Villiers ist sich sicher: Die Ausgangssperre „läutet das Ende der ‚glücklichen Globalisierung‘ ein“. In der französischen Wochenzeitschrift Valeurs actuelles analysiert er die tiefe Bedeutung der Coronakrise sowie deren möglichen Konsequenzen für ein Europa der Nationalstaaten. Denn die Krise signalisiere das Ende der „Neuen Welt“ und die Rückkehr zur „Alten Welt“. Es habe sich gezeigt, dass die Vorstellung von der Welt als einem „globalen Dorf“ und einer multikulturellen Weltgesellschaft versagt habe.

    Die Grenze ist auch in der "Neuen Welt" das "absolut Böse"

    Alle Staaten haben zur Eindämmung der Pandemie ihre Grenzen geschlossen und damit den Schutz reaktiviert, zu dessen Zweck Staatsgebilde überhaupt erst entwickelt wurden. Doch die „Neue Welt“ bezeichne die Grenze weiterhin als „das absolut Böse - doch man war gezwungen, Sicherheitsabstände zu ersinnen. Denn was ist ein Sicherheitsabstand? Eine Grenze zwischen einzelnen Personen“. Und dann habe man für einzelne Departements eine Ausgangssperre erfunden. Eine Abschirmung von Departements untereinander „ist also gut, und nationale Grenzen sind schlecht. Dies ist eine epidemiologische Kuriosität für die Forscher von übermorgen“.

    Auch eine Wiederherstellung der eigenstaatlichen Souveränität sei, so de Villiers, vonnöten. Frankreich sei zu einem Land ohne Industrie geworden, zu einem Land, „das seine Großflughäfen verkauft, die Ersatzteile für seine Panzer des französischen Rüstungsbetriebs Leclerc in China fabrizieren lässt und diesem die Herstellung seiner [für Frankreich bestimmten] Medikamente anvertraut“.

    Rückkehr zur Familie als natürliche Folge der Krise

    Auch die Rückkehr zur Familie sei eine natürliche Folge der Krise. „Man hat uns erklärt“, stellt de Villiers fest, „dass mit der künstlichen Befruchtung die Familie der ‚Alten Welt‘ von nun an überholt und anachronistisch sei, dass sie einem übermächtigen Patriarchat unterstehe“. Die Vorstellung, es gebe in einer Familie einen Vater, eine Mutter, einen Großvater und eine Großmutter scheine unzeitgemäß zu sein. Doch nach der Schließung der Schulen laute die Botschaft des Staatspräsidenten Macron, dies sei die große Rückkehr zur Familie. Das bedeute also, konstatiert de Villiers: „Wenn man sich in einem emotionalen Notstand befindet, wenn man ein Volk beschützen will, ist es nicht mehr die Brüsseler Kommission, sondern der Staat, der die Dinge in die Hand nimmt, und es sind auch nicht mehr die künstliche Befruchtung oder die Leihmutterschaft, die an der Tagesordnung sind, sondern es ist die traditionelle Familie!“

    DT/ks

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