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    Elf Millionen vom Hunger bedroht

    Eine halbe Million Kinder sind nach Angaben der Vereinten Nationen wegen der Dürrekatastrophe am Horn von Afrika akut vom Hungertod bedroht. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef forderte deshalb eine rasche Ausweitung der Hilfsleistungen in der Region. Zwei Millionen Kinder bräuchten sofort Nahrungshilfe. Insgesamt sind nach Einschätzung der Vereinten Nationen in Somalia, Kenia und Äthiopien fast elf Millionen Menschen von der Hungerkatastrophe bedroht.

    Eine Mutter wird vergangene Woche in Kenia von UN-Helfern auf Unterernährung untersucht. Foto: dpa

    Eine halbe Million Kinder sind nach Angaben der Vereinten Nationen wegen der Dürrekatastrophe am Horn von Afrika akut vom Hungertod bedroht. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef forderte deshalb eine rasche Ausweitung der Hilfsleistungen in der Region. Zwei Millionen Kinder bräuchten sofort Nahrungshilfe. Insgesamt sind nach Einschätzung der Vereinten Nationen in Somalia, Kenia und Äthiopien fast elf Millionen Menschen von der Hungerkatastrophe bedroht.

    Die Bereitschaft zur Hilfe ist allerdings nach Ansicht von Hilfsorganisationen wie Caritas international und Kirchen zu gering. Am Sonntag rief Papst Benedikt XVI. die internationale Gemeinschaft dann auch zu mehr Hilfe für die Hungernden am Horn von Afrika auf. Vor allem in Somalia spiele sich gegenwärtig eine menschliche Katastrophe ab, die er mit großer Sorge betrachte, sagte der Papst beim Angelusgebet in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo. Das Land leide unter einer furchtbaren Hungersnot, die zahlreiche Menschen auf der Suche nach Nahrung zur Flucht veranlasse. Er hoffe, dass die Mobilisierung der internationalen Gemeinschaft wachse und dass unverzüglich Hilfsgüter nach Somalia gelangten. „Unsere Brüder und Schwestern, die schon so hart geprüft sind und unter denen sich auch viele Kinder befinden, brauchen schnell Hilfe! Alle Menschen guten Willens mögen es nicht an Solidarität und an konkreter Unterstützung dieser leidenden Bevölkerung fehlen lassen!“ Am Freitag hatte der Heilige Vater über sein Hilfswerk „Cor Unum“ 50 000 Euro als erste Soforthilfe für Somalia zur Verfügung gestellt.

    Von der Hungerkatastrophe am schwersten betroffen ist Somalia, wo der Krieg die Lage noch verschlimmert. In Flüchtlingslagern der UNO in Äthiopien und Kenia herrschen katastrophale Zustände. Auch in Eritrea, Dschibuti und im Sudan hungern die Menschen. „Allein in Äthiopien wird die Zahl der hungernden Menschen auf 4,6 Millionen geschätzt. In Kenia geht man von 3,5 Millionen aus, in Somalia von 2,5 Millionen Menschen“, berichtete Katja Ment, Mitarbeiterin des katholischen Hilfswerks Misereor, aus Kenias Hauptstadt Nairobi.

    Die Flüchtlingslager platzen aus allen Nähten

    Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) kommen jeden Tag tausende Menschen in bereits völlig überfüllten Lagern in Äthiopien und Kenia an. Viele meisten seien nach tagelangen Märschen vollkommen erschöpft, ein großer Teil der Kinder und Frauen sei unterernährt und brauche dringend Hilfe. Vor allem das Flüchtlingslager Dadaab in Kenia, das mittlerweile größte der Welt, platzt nach Darstellung des UNHCR aus allen Nähten. Fast 400 000 Menschen seien jetzt dort, obwohl es anfangs nur für 90 000 angelegt worden sei. Täglich kämen jedoch etwa 1 400 Flüchtlinge, vor allem aus Somalia. Und es ist zu erwarten, dass in den nächsten Wochen immer mehr in Äthiopien und Kenia ankommen werden.

    Monatelang ist der Regen ausgeblieben. Durch die massiven Ernteausfälle der letzten Monate am Horn von Afrika sind alle Vorräte aufgebraucht – und auch die übernächste Ernte im Februar/März 2012 wird keinen Ertrag bringen können. Das Saatgut ist schon jetzt aufgebraucht. Steigende Lebensmittelpreise und Unterernährung sind die Folge. Vor allem in Somalia, aber auch in Kenia entstehen durch die Hungersnot Konflikte um die begrenzten Wasser-, Nahrungs- und Weideressourcen. Auch die Tiere leiden unter der Katastrophe. Hunderttausende sind bereits wegen Wasser- und Futtermangel verendet. Die Viehherden dienen den Nomaden in den ländlichen Gebieten als Lebensgrundlage. Brunnen und Flüsse sind ausgetrocknet, und so ziehen die Menschen aus ihren Heimatdörfern auf der Suche nach Wasser und Nahrung von einem Ort zum nächsten. Allein in Somalia sind in den letzten sechs Monaten 135 000 Menschen nach Kenia und Äthiopien geflüchtet. Doch auch dort ist die Lage dramatisch – selbst in den Flüchtlingsdörfern: Essen und Trinkwasser sind viel zu knapp und nach den wochenlangen Fußmärschen sind die Dürreflüchtlinge völlig erschöpft und unterernährt.

    Die Bundesregierung stellte am Samstag fünf Millionen Euro als Soforthilfe bereit und appellierte an die Deutschen, durch Spenden zu helfen. Hilfsorganisationen stellten sicher, dass diese auch vor Ort ankämen. Das Auswärtige Amt habe in diesem Jahr bereits 3,6 Millionen Euro an Hilfen für Ostafrika geleistet. Geld ist zunächst auch dringend notwendig. Die unabhängige Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam hilft, wie Pressesprecherin Mirjam Hägele gegenüber dieser Zeitung erläuterte, bereits etwa einer Million Menschen in der Region mit Bargeld-Gutscheinen, die in lokalen Banken einzulösen sind. Damit sollen arme Familien selbst auf dem Markt einkaufen können. „Das Ziel ist es, diese Programme auf mindestens drei Millionen Betroffene auszuweiten, die durch Nahrungsmittelhilfe, Einrichtung von Ernährungszentren, tierärztliche Maßnahmen sowie humanitäre Hilfe im Bereich Trinkwasser und Hygiene unterstützt werden sollen.“ Das Welternährungsprogramm der UNO geht allein für Somalia davon aus, dass 360 Millionen Euro zur Linderung der Hungersnot nötig sind.

    Inzwischen haben die Vereinten Nationen erstmals seit zwei Jahren wieder eine Hilfslieferung in die von Islamisten kontrollierten Gebiete Somalias gebracht. Fünf Tonnen Nahrung und Medizin für unterernährte Kinder seien auf dem Luftweg in die Region Badoa im Zentrum des Landes gebracht worden, teilte das Kinderhilfswerk Unicef mit. Die islamistische Schebab-Miliz habe den UN-Mitarbeitern Zugang zu den von Dürre und Hungersnot betroffenen Menschen verschafft. Die Miliz kämpft gegen die schwache somalische Zentralregierung und beherrscht weite Teile des Landes. Angesichts der Hungersnot in Ostafrika hatten die Islamisten Anfang Juli um internationale Unterstützung gebeten und damit eine radikale Wende in ihrer Haltung zu den Hilfsorganisationen vollzogen. Vor zwei Jahren noch hatte die Miliz allen ausländischen Helfern die Arbeit in den von ihr kontrollierten Regionen verboten.