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    Einsatz mit Leib und Seele

    Etwa 200 000 Christen in Deutschland gehören einer altorientalischen Kirche an. So gibt es der neugegründete Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD) an. Orientalische Christen in Deutschland sind gesellschaftlich aktiv, gut vernetzt und offenbar vorbildlich integriert. Grund genug für Politiker verschiedener Couleur, am vergangenen Samstag bei der öffentlichen Gründungsfeier des Verbands in München sich solidarisch und dankbar zu zeigen.

    Erzbischof Philoxenus Mattias Nayis, Patriarch Gregorius III. Laham, Bischof Julius Hanna Aydin und Bischof Michael El B... Foto: Heinrich Rudolf Bruns

    Etwa 200 000 Christen in Deutschland gehören einer altorientalischen Kirche an. So gibt es der neugegründete Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD) an. Orientalische Christen in Deutschland sind gesellschaftlich aktiv, gut vernetzt und offenbar vorbildlich integriert. Grund genug für Politiker verschiedener Couleur, am vergangenen Samstag bei der öffentlichen Gründungsfeier des Verbands in München sich solidarisch und dankbar zu zeigen.

    „Sie sind eine Bereicherung für Deutschland“

    „Wir sind froh, dass Sie hier in Deutschland sind. Sie sind eine Bereicherung“, eröffnete der Stellvertretende Vorsitzende der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer, den Reigen. Vom ökumenischen Zeugnis der orientalischen Christen zeigte sich die kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Diana Stachowitz beeindruckt und machte dies symbolisch am gemeinsamen Beten des Vaterunser in der evangelisch-lutherischen St.-Matthäuskirche fest: „Sie haben es in so vielen Sprachen gesprochen. Es hatte aber nur einen Inhalt: Gott“, sagte die bayerische Landtagsabgeordnete, die Unterstützung bei Kampf für Toleranz und Demokratie zusagte. Tobias Thalhammer, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion, verband sein Kompliment („Wir sind stolz auf Sie“) mit dem Versprechen, die Ziele des Verbands stärker in die politische Arbeit integrieren zu wollen. Konkret versteht er darunter die Erleichterung der Doppelstaatlichkeit, um eine Willkommenskultur zu leben.

    Die Integration zu fördern durch Fortbildung einerseits und die Arbeit mit Flüchtlingen andererseits steht denn auch weit oben auf der Agenda des Zentralrats, wie ihr Vorsitzender Simon Jacob, ein 35-jähriger Geschäftsmann aus München, erklärte. Dem syrisch-orthodoxen Christen geht es nicht allein darum, auf die Integrationsleistung der orientalischen Christen zu verweisen. Vielmehr sucht er auch den Dialog und die Zusammenarbeit mit anderen Religionen. So begrüßte er ausdrücklich den Penzberger Imam Benjamin Idriz unter den Geladenen, der sich selbst schon zum Thema Integration bundesweit Gehör verschafft hat. Jacob lobte Idriz dafür, islamistische Anschläge auf Christen in Ägypten öffentlich verurteilt zu haben.

    „Die einzig legitime Grenze, die gezogen werden sollte, ist die zwischen menschlich und unmenschlich“, betonte der Vorsitzende des ZOCD mit Blick auf das vielfache Leid durch Gewalt in der Region seiner Vorfahren.

    Zur Integration orientalischer Christen in Deutschland hat vor mehr als einem Jahrzehnt bereits der deutsch-ägyptische Sozialgeograph Fouad Ibrahim zusammen mit seiner Frau Barbara Ibrahim Aufschlussreiches wissenschaftlich belegt. Als Beispiel hat er eine Studie über die Kopten in Deutschland vorgelegt und kam zu dem Schluss: „Die kulturellen Werte dieser Migranten, die sich so zügig integriert, jedoch gleichzeitig ihre eigene Identität bis zu einem gewissen Grad bewahrt haben, können das Leben in Deutschland reicher und bunter machen.“ Rund 60 Prozent unterhielten rege Beziehungen zu ihren koptischen Kirchengemeinden, zu denen nicht wenige rund 100 Kilometer sonntags zur heiligen Messe zurücklegten. 95 Prozent der Kopten betrachteten der Studie zufolge ihre Beziehungen zur deutschen Bevölkerung als gut bis sehr gut. 57 Prozent hatten sogar die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Bemerkenswert ist vor allem der hohe Bildungsgrad: Unter den Zuwanderern lag der Akademikeranteil bei deutlich mehr als 60 Prozent, während er im Vergleichszeitraum in der deutschen Gesamtbevölkerung 16 Prozent betrug.

    Ebenso verwies der syrisch-orthodoxe Bischof Julius Hanna Aydin im Gespräch mit der „Tagespost“ auf den beachtlichen Anteil an Angehörigen freier Berufe wie Ärzte und Anwälte unter den syrisch-orthodoxen Christen hierzulande. Seine Kirche hat in Deutschland einen eigenen Integrationsbeauftragten, ein Amt, das Simon Jacob bislang innehatte. Bei der Gründungsfeier des ZOCD wurde dessen Nachfolger, Stayfo Turgay, ernannt. „Wir haben uns schon mit Leib und Seele für Deutschland eingesetzt“, sagte Bischof Julius weiter. Zur Integration gehöre eben auch die ökumenische Zusammenarbeit mit anderen altorientalischen Kirchen – darunter auch Äthiopier und Eritreer – eine Vielfalt, die sich bei der Feier in Chorgesängen und geistlichen Worten wiederfand.

    „Unsere Sprache ist Aramäisch, die Sprache Jesu“

    Für die schätzungsweise 85 000 bis 100 000 Gläubigen der syrisch-orthodoxe Kirche seien 56 Pfarrer zuständig. „Wir sind die Urgemeinde Christi von Antiochien. Unsere Sprache ist Aramäisch, die Sprache Jesu“, erinnerte er an die Wurzeln. Der melkitisch-griechisch-katholische Patriarch Gregorios III. Laham mit Sitz in Damaskus mahnte, diese nicht zu vergessen: „Das Licht des Glaubens muss durch uns in der neuen Heimat hell leuchten, um damit die Gesellschaft in Deutschland zu bereichern.“

    Der im März gegründete Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD) möchte nicht nur der Integration und Verständigung dienen, sondern auch als Brückenbauer zwischen Religionen, Konfessionen und Kulturen fungieren. So will er ein wirklichkeitsgetreueres Bild der Region der Vorväter zeichnen, mit ihrer Vielfalt an Bekenntnissen und Kulturen, um letztlich auch in Europa „ein gesellschaftliches Aufwiegeln“ zu verhindern, wie der Vorsitzende Jacob betonte. „Mich interessiert es nicht, ob die Mütter, die ihre Kinder durch Gewalt verloren haben, sich Christinnen, Musliminnen oder Jüdinnen nennen. Das einzige, was mich interessiert, ist das Leid“, sagte er.

    Jacob selbst ist im Alter von zwei Jahren als syrisch-orthodoxer Christ aus dem Tur Abdin, dem Berg der Gottesknechte, in Südostanatolien, nach Bayern gekommen. Von Mitte der achtziger bis weit in die neunziger Jahre wurden die Christen, die dort traditionell siedelten, bei den Kämpfen zwischen türkischem Militär und Kurden aufgerieben. Bis in die sechziger Jahre lebten dort noch rund 70 000 Christen; die Zahl war in den 1990ern zeitweise auf weniger als 3 000 gesunken. Heute ist das trockene Hochland selbst Ziel von Flüchtlingen aus Syrien. Zugleich bleibt die Lage im Tur Abdin schwierig: Das Kloster Mor Gabriel muss immer noch um seine wirtschaftliche Existenz bangen, wie Unionsfraktionsvize Singhammer in seinem Rede-Beitrag berichtete. Religionsfreiheit sei nicht verhandelbar, sondern nur im Ganzen anzunehmen. „Der Türkei müssen wir sagen, dass eine Aufnahme in die EU ohne die volle Umsetzung der Religionsfreiheit nicht möglich ist“, betonte er unter Applaus. Auch Patriarch Gregorios erinnerte an die vielfache Bedrängnis der Christen in Nah- und Mittelost, die schwer daran zu tragen hätten, ob im Irak, in Syrien oder im Gaza-Streifen. „Es sind so viele Kreuze. Trotz allem wollen wir Christen bleiben. Der Orient bleibt die Heimat der orientalischen Christenheit“, betonte der höchste katholische Würdenträger der Region. Und der neue koptische Bischof Michael El Baramousy aus dem hessischen Kröffelbach sagte: „Die koptische Kirche ist eine Märtyrerkirche. Sie trägt das Kreuz gerne.“ Diese Haltung könnte in der Tat die Gesellschaft in Deutschland reicher und bunter machen, wie es der Geograph Ibrahim formulierte.

    Der Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD) ist ein gemeinnütziger Verein der in Deutschland lebenden Christen, die den orientalischen Kirchen angehören. Viele orientalische Christen sind größtenteils aus dem Nahen Osten nach Deutschland gekommen, weil sie als christliche Minderheiten in ihrem Heimatland wenig Aussicht auf eine sichere Zukunft hatten. Als religiöse und politisch verfolgte Randgruppe waren sie in ihrer Heimat oft verschiedenen Unterdrückungen ausgesetzt. Mit dem Wirtschaftswunder in Deutschland wurden in den 1960er Jahren zunehmend Arbeitnehmer aus dem Ausland gesucht und angeworben. Viele bedrängte Christen nutzten diese Gelegenheit und kamen als „Arbeitsmigranten“ nach Deutschland. Heute leben allein in Deutschland geschätzte 200 000 orientalische Christen. Laut ZOCD haben die orientalischen Christen sich immer um Anpassung und Integration in ihrer neuen Heimat bemüht. Viele, vor allem Angehörige der zweiten Generation, fühlten sich als Deutsche orientalisch christlichen Glaubens und nicht als Orientale im Exil, so der Zentralrat. Der ZOCD möchten einen Beitrag besonders in den Bereichen Integration, interreligiöser Dialog, kultureller Austausch und politisch-historische Aufklärung leisten. DT/PM