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    Einiges Lateinamerika?

    In verschiedenen Ländern Lateinamerikas – vor allem in Kolumbien und Venezuela – wurde in diesem Jahr mit großen Feiern, auch mit historischen Ausstellungen des sogenannten „bicentenario“ gedacht – des Beginns der Unabhängigkeitskämpfe gegen die spanischen Kolonialherren. 1810, also vor zweihundert Jahren, nahmen diese Kämpfe fast zeitgleich an verschiedenen Orten ihren Anfang. Die zwei Jahrhunderte seither waren bestimmt vom weiteren Ringen der lateinamerikanischen Staaten um Selbstbestimmung – vor allem gegenüber der Dominanz der Vereinigten Staaten. Bis heute geht die Suche nach einer gemeinsamen Identität in den multiethnischen und multikulturellen Gesellschaften Lateinamerikas weiter.

    Einige lateinamerikanischen Staaten wollen sich nach dem Vorbild der Europäischen Union besser organisieren. Deshalb grü... Foto: dpa

    In verschiedenen Ländern Lateinamerikas – vor allem in Kolumbien und Venezuela – wurde in diesem Jahr mit großen Feiern, auch mit historischen Ausstellungen des sogenannten „bicentenario“ gedacht – des Beginns der Unabhängigkeitskämpfe gegen die spanischen Kolonialherren. 1810, also vor zweihundert Jahren, nahmen diese Kämpfe fast zeitgleich an verschiedenen Orten ihren Anfang. Die zwei Jahrhunderte seither waren bestimmt vom weiteren Ringen der lateinamerikanischen Staaten um Selbstbestimmung – vor allem gegenüber der Dominanz der Vereinigten Staaten. Bis heute geht die Suche nach einer gemeinsamen Identität in den multiethnischen und multikulturellen Gesellschaften Lateinamerikas weiter.

    Bei dieser Suche soll die Orientierung an historischen Vorbildern helfen, vor allem das Gedenken an die Führer der Unabhängigkeitskämpfe. In Mexiko ist es bis heute der Name des katholischen Priesters Miguel Hidalgo, der mit seinem berühmten „grito“ („Schrei“) das Signal zum Aufstand gegen die Spanier gab. Alljährlich wird in ganz Mexiko anlässlich der Unabhängigkeitsfeiern am 16. September der „grito“ des Hidalgo auf öffentlichen Plätzen wiederholt.

    Konservativer Widerstand gegen Großkolumbien

    In den südamerikanischen Ländern ist bis heute ein Name unauflöslich mit der Unabhängigkeit verbunden: Simón José Antonio de la Santana Trinidad Bolivar y Palacios Ponte y Blanco. Als Simón Bolivar ging er in die Geschichtsbücher ein, und sein Name wird noch immer genannt, wenn es um eine Vision von Freiheit und Einheit der Völker in der Region geht. Simón Bolivar gilt bis heute als Vordenker einer südamerikanischen Union. Nach seinem Sieg in der Schlacht von Boyaca 1810 und seinem triumphalen Einzug in Bogotá, der heutigen Hauptstadt von Kolumbien, rief der in Venezuela zusammengetretene Revolutionskongress den Staat Großkolumbien, La Gran Colombia, aus, der die heutigen Länder Kolumbien, Venezuela und Ecuador umfasste.

    Der Widerstand der Konservativen gegen Bolivars liberale Ideen wuchs jedoch – und „Gran Colombia“ zerfiel innerhalb weniger Jahre. Bitter enttäuscht, von Krankheit gezeichnet, zog sich Bolivar zurück und starb im Jahr 1830 im kolumbianischen Santa Marta. „Amerika ist unregierbar“, lautete sein Urteil in einem seiner letzten Briefe an seinen Freund, General Flores, datiert vom 9. November 1810. „Wie Sie wissen, habe ich 20 Jahre lang regiert, und was ich in jener Zeit erreicht habe, sind nur wenige wirklich positive Ergebnisse. Das einzige, was ein Mensch hier in Amerika tun kann, ist, in die Emigration zu gehen. Denn unfehlbar gerät dieses Land in die Hände einer unberechenbaren Masse, um danach in Tyrannei zu verfallen.“ Südamerika, schrieb Bolivar weiter, sei dermaßen „zerrissen und geschwächt von Verbrechen und Grausamkeit, dass die Europäer wohl nie mehr Interesse daran haben werden, es zurückzuerobern“. So lautete das bittere Urteil des „libertador“, des Befreiungshelden, über seine Landsleute am Schluss seines Lebens.

    Bolivar wird aber bis heute, insbesondere in Kolumbien und Venezuela, hoch verehrt. Straßen, Plätze, Schulen sind nach ihm bis benannt. Heute noch berufen sich politische Führer, allen voran der venezolanische Staatschef Hugo Chávez, auf den Helden der Unabhängigkeitskämpfe von 1810. Der volle Staatsname des Landes erinnert an ihn: „República Bolivariana de Venezuela“ („Bolivarische Republik Venezuela“). Unter der Bezeichnung „Bolivarianische Revolution“ sucht Chávez seit mehr als zehn Jahren, sein neosozialistisches Politik- und Wirtschaftsmodell umzusetzen.

    Außerpolitisch strebt der venezolanische Staatschef eine stärkere Integration der lateinamerikanischen Staaten an. Als Gegenmodell zu US-Plänen einer Panamerikanischen Freihandelszone (ALCA) entwickelte Chávez das Modell der „Alianza Bolivariana de América Latina“ („Alba“ ist das spanische Wort für „Morgenröte“). Diesem Bündnis gehören bisher Kuba, Bolivien, Ecuador, Nicaragua sowie einige kleinere Karibikstaaten an.

    Gegengewicht zu den USA und Kanada

    Auch die Errichtung der südamerikanischen Entwicklungsbank „Banco del Sur“ („Bank des Südens“) wurde maßgeblich von Venezuela forciert. Im September 2009 wurde die Gründungsurkunde auf der venezolanischen Insel Margarita unterzeichnet. Ziel des regionalen Geldinstituts mit Sitz in Caracas und Zweigstellen in Buenos Aires und in La Paz ist die Finanzierung nationaler und regionaler Entwicklungsprojekte. „Alba“ und die „Bank des Südens“ sind zwei Projekte zur Förderung der wirtschaftlichen Integration Lateinamerikas.

    Auf politischer Ebene wurde im Februar 2010 die Gründung der „Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten“ (CELAC) vorangetrieben, ein Gegengewicht geschaffen zur Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), in der auch Kanada und die USA vertreten sind. Zudem arbeiten die lateinamerikanischen Staaten an einer Stärkung der 2008 gegründeten „Union de Naciones Suramerícanas“ („Union Südamerikanischer Staaten“ – UNASUR). Im Mai 2008 wurde der Gründungsvertrag für dieses Staatenbündnis, bestehend aus zwölf südamerikanischen Ländern, in Brasilia unterzeichnet. Mitglieder sind die Länder der Andengemeinschaft – Bolivien, Kolumbien, Ecuador und Peru – außerdem die Mitgliedstaaten der Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur – das heißt: Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und Venezuela – sowie Chile, Guayana und Suriname. Das Hauptsekretariat von UNASUR befindet sich in Quito; die Mitgliederversammlung kommt im bolivianischen Cochabamba zusammen. Zum ersten Generalsekretär wurde der inzwischen verstorbene, frühere argentinische Staatschef Néstor Kirchner gewählt. Über einen Nachfolger konnte bisher noch keine Einigung erzielt werden.

    Von der Grundidee her orientiert sich das südamerikanische Staatenbündnis am Modell der Europäischen Union. So strebt UNASUR eine Integration der südamerikanischen Staaten mit dem Ziel einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik an. Im Vordergrund steht dabei die Stabilisierung der Region: Beim IV. Gipfeltreffen in Guayana im November diesen Jahres beschlossen die anwesenden Staatschefs und Außenminister die Verabschiedung eines „Demokratieprotokolls“ – eine Reaktion auf den politischen Schock durch den Putsch in Honduras im vergangenen Jahr, aber auch ein deutliches Signal gegen Tendenzen zu politischer Destabilisierung in Ländern wie Bolivien, Ecuador und Venezuela. Im Demokratieprotokoll von UNASUR wurde festgelegt, dass Putschisten mit der Schließung von Grenzen, Seewegen und Lufträumen sowie mit weiteren Sanktionen wie der Einstellung von Handelsbeziehungen und dem Stopp von Energielieferungen zu rechnen hätten.

    Uneinigkeit über Abgabe nationaler Kompetenzen

    Insgesamt wurden beim Gipfeltreffen im November 27 Punkte zur Weiterentwicklung des Staatenbündnisses verabschiedet. Bislang haben allerdings nur acht Mitgliedsstaaten den Gründungsvertrag ratifiziert. Damit aber UNASUR auf internationaler Ebene juristisch anerkannt wird, müssen es mindestens neun Länder sein. Erwartet wird, dass die noch ausstehenden Ratifizierungen des Beitrittsdokuments durch die Parlamente von Brasilien, Kolumbien, Paraguay und Uruguay im nächsten Jahr erfolgen wird.

    Auffallend beim Gipfeltreffen in Guayana war der deutliche Wille der anwesenden Regierungsvertreter, eine gemeinsame Haltung der Staaten – etwa mit Blick auf den Klimagipfel in Cancun – festzuschreiben. Eines zeigt sich immer klarer: Zwar bestehen zwischen den einzelnen Ländern nach wie vor Meinungsverschiedenheiten über die Frage, wie weit nationale Kompetenzen an das supranationale Staatenbündnis übergehen sollen. Der grundsätzliche Wille aber, auf internationaler Ebene mehr Einheit zu demonstrieren und sich damit besser zu positionieren, ist bei allen Mitgliedstaaten erkennbar. Deutlich ist auch der Wille, nach den leidvollen Erfahrungen der Militärdiktaturen – vor allem in Argentinien, Brasilien und Chile – die Demokratie in der Region weiter zu stärken. Zweihundert Jahre nach Ausbruch der Unabhängigkeitskämpfe in Lateinamerika stehen viele Staaten Lateinamerikas vor wesentlichen Umbrüchen, die über ihre Zukunft entscheiden.