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    „Eine befruchtende Zumutung“

    Martin Luther hat seinerzeit über eine „Bescheißerei zu Trier“ gesprochen und gegen Wallfahrten gewettert. Heute gibt es durchaus Protestanten, die nach Lourdes oder zu den Apostelgräbern, beispielsweise in Santiago de Compostela, pilgern.

    ist Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Foto: ekir.de

    Martin Luther hat seinerzeit über eine „Bescheißerei zu Trier“ gesprochen und gegen Wallfahrten gewettert. Heute gibt es durchaus Protestanten, die nach Lourdes oder zu den Apostelgräbern, beispielsweise in Santiago de Compostela, pilgern. Wie kam es zu diesem Wandel?

    Luthers drastische Worte richten sich gegen die Bulle von Papst Leo X. aus dem Jahr 1515, in der die Echtheit des „Heiligen Rockes“ als Original-Gewand Jesu behauptet wurde. Wenn es also um einen Wandel geht, können wir feststellen: Hier hat sich zunächst die römisch-katholische Kirche gewandelt: Seit 1959 sind katholische Christen nicht mehr verpflichtet, die Echtheit der Reliquie zu glauben. Das eröffnet für die ökumenische Gemeinschaft die Möglichkeit, nicht mehr einen Gegenstand, sondern Jesus Christus zu feiern. Für evangelische Gemeindeglieder hat auch weiterhin die Verehrung von Gegenständen keine Bedeutung.

    Ist die Heilig-Rock-Wallfahrt Ihre erste Wallfahrt?

    „Wallfahrt“ ist nach deutschem Sprachempfinden eine typisch römisch-katholische Formulierung, evangelische Christen sprechen eher vom „Pilgern“. So habe ich schon vor Jahren einen Teil des alten Pilgerweges nach Santiago de Compostela zurückgelegt. Im Vordergrund stand die Erfahrung der Entschleunigung, der Besinnung auf die eigenen Kräfte und das Einfinden in alte europäische Wegtraditionen. Bei der Wallfahrt in Trier steht die Einladung der römisch-katholischen Geschwister im Vordergrund, die dieses Fest im wahrsten Sinne des Wortes „katholisch“, also die ganze Kirche betreffend, feiern wollen. Die überaus freundliche Einladung, der Einsatz für die Ökumene und die Begegnung miteinander und mit Christus bewegen mich – im wahrsten Sinne des Wortes.

    Wie vermitteln Sie evangelischen Gläubigen das Leitwort „...und führe zusammen, was getrennt ist“?

    Das Motto ist vor allem anderen ein Gebet. Gemeinsam wenden wir uns Jesus Christus zu und gemeinsam sind wir in die Nachfolge Jesus Christi gerufen. Darum spricht das Bistum auch von der „Christus-Wallfahrt“. Wir sehen das Gebet aber noch sehr viel umfassender, es geht nicht nur um die Gemeinschaft der Kirchen, sondern um die Überwindung von Trennungen, die unsere Gesellschaft und die Welt zerreißen – durch Armut und Reichtum, Krieg und Frieden, Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, Macht und Einflusslosigkeit.

    Was antworten Sie Kritikern, die befürchten mit einer Teilnahme an der Wallfahrt ihre protestantische Identität zu verkaufen?

    Ich widerspreche evangelischen Kritikern nicht grundsätzlich. Ihr Anliegen, die protestantische Identität zu bewahren, finde ich berechtigt. Gerade die Wallfahrt nach Trier hatte im großen Maße anti-protestantische Züge (zum Beispiel im Jahr 1844). Den Kritikern stelle ich allerdings den Wandel dar, den wir in der Diözese Trier im Umgang mit der Wallfahrt wahrnehmen. Die Gastgeber erlauben uns, ja, sie wünschen es regelrecht, dass wir mit unserem evangelischen Bekenntnis präsent sind. So ist es eine gegenseitige befruchtende Zumutung: den einen wird die Wallfahrt zugemutet, den anderen die Reliquienkritik. Im besten Falle lernen wir alle mehr von der eigenen und fremden Tradition und kommen Gott darüber näher.

    Sie sind in der Tradition aufgewachsen, dass sich Protestanten mit dem Text, und nicht mit Textilien befassen. Sehen Sie im heiligen Rock mehr als eine Textile?

    Ich habe weder einen emotionalen noch theologischen, allenfalls einen historischen Zugang zum „Heilligen Rock“. Er hat insofern eine Bedeutung für mich, als er meinen römisch-katholischen Geschwistern Anlass für ökumenische Begegnungen ist.