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    Eine Wette auf die Zukunft

    „Ach, da kommt der Meister!/ Herr, die Not ist groß!/ Die ich rief, die Geister,/ Werd' ich nicht mehr los.“ Mehr als einem Teilnehmer schossen diese Verse aus Goethes „Zauberlehrling“ durch den Kopf, als sie den Ausführungen der Referenten des von der Konrad-Adenauer-Stiftung mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Berlin veranstalteten Workshops lauschten. Unter dem Titel „Planbare Schwangerschaft – perfektes Kind? Folgen der Reproduktionsmedizin für Gesellschaft und Familien“, hatten die Veranstalter Wissenschaftler, Mitarbeiter des Bundestages, Verbandsvertreter und Journalisten zu einem Gedankenaustausch geladen.

    Ein sieben Wochen alter Fötus. Foto: dpa

    „Ach, da kommt der Meister!/ Herr, die Not ist groß!/ Die ich rief, die Geister,/ Werd' ich nicht mehr los.“ Mehr als einem Teilnehmer schossen diese Verse aus Goethes „Zauberlehrling“ durch den Kopf, als sie den Ausführungen der Referenten des von der Konrad-Adenauer-Stiftung mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Berlin veranstalteten Workshops lauschten. Unter dem Titel „Planbare Schwangerschaft – perfektes Kind? Folgen der Reproduktionsmedizin für Gesellschaft und Familien“, hatten die Veranstalter Wissenschaftler, Mitarbeiter des Bundestages, Verbandsvertreter und Journalisten zu einem Gedankenaustausch geladen.

    Und der fiel kontrovers aus. Während die Referenten des ersten Panels, angeführt vom Gynäkologen und Ärztlichen Direktor des Uniklinikums Bonn, Wolfgang Holzgreve, ein rosarotes Bild der Reproduktionsmedizin und der vorgeburtlichen Diagnostik zeichneten, in welchem die vermeidlichen Vorteile die Nachteile klar überwogen, dominierten im zweiten Panel kritische Töne. Dabei überraschte der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard von der Universität Lüneburg, Autor des Buchs „Kinder machen – Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie“, alles andere als ein prinzipieller Gegner der künstlichen Befruchtung, mit der Feststellung: „Die Träume der Eugenik haben sich erfüllt. Wir tun heute Dinge, für die früher totalitäre Regime notwendig waren.“ Später legte er noch nach: „Wir verabscheuen alle die NS-Eugenik, aber wir verfolgen dasselbe Konzept: Dass Menschen mit Behinderungen nicht mehr geboren werden.“

    Der Mann, der die „ungewollte Kinderlosigkeit“ als die „wohl größte biografische Kränkung des Menschen“ bezeichnete, klagte niemanden an. Er beschrieb vielmehr die Irritation, die einen Betrachter des Reproduktionsgeschehens überkommen muss, der wie Bernard für sein Buch mehr als 150 Interviews mit Akteuren und Betroffenen geführt und IVF-Kliniken, Samenbanken und Leihmutterschaftsagenturen besichtigt hat. Es war auch Bernard, der darauf verwies, dass die Reproduktion von Menschen im Labor streng genommen gar keine Zeugung, sondern vielmehr die Simulation einer solchen sei. Bis auf den heutigen Tag werde versucht, mittels des Nährmediums in der Petrischale ein Umfeld für den Embryo zu schaffen, das möglichst nah an seine natürliche Umgebung, die Gebärmutter, heranreicht. Da die ersten mittels In-vitro-Fertilisation erzeugten Kinder heute aber erst 39 Jahre und die ersten mittels ICSI (Intracytoplasmatischer Spermieninjektion) erzeugten sogar erst 25 Jahre alt seien, könne noch niemand sagen, ob und welche Auswirkungen die Differenz von Modell und Original habe. Die Reproduktionsmedizin sei daher bei Licht betrachtet eine fortgesetzte „Wette auf die Zukunft“.

    Eine, die – glaubt man der Soziologin Eva Fasang von der Berliner Humboldt-Universität – mit einem fundamentalen Wandel von Familienstrukturen einhergeht. Fasang, die offen ließ, ob und inwieweit Reproduktionstechniken hier mitursächlich seien, zeigte anhand empirischer Daten eine signifikante Zunahme sogenannter „Familiendiversität“ auf. Demnach nehmen seit 1960 überall in Europa die klassischen Kernfamilien zugunsten alternativer Formen wie nicht-ehelicher Lebensgemeinschaften, Multi-Partner-Fertilität, dauerhafter Kinderlosigkeit, Scheidungen, Alleinerziehenden sowie sogenannter LGBTI-Familien ab. Die größte Gruppe unter den dauerhaft Kinderlosen sind mit 27 Prozent Akademikerinnen. Nach Ansicht der Soziologin hat die bisherige Regulierung des Zugangs zu reproduktionsmedizinischen Leistungen zu einer Privilegierung reicher, verheirateter, heterosexueller Paare geführt. Im Ausland führe die boomende „Leihmutterindustrie“ dagegen zu einer „transnationalen Ausbeutung“. Missbrauchspotenziale sah Fasang vor allem in einer „soziale Selektion“. Auch würden Frauenrechte noch einmal differenziert, wobei Leihmütter in ihren Rechten gegenüber den Auftraggeberinnen massiv beschnitten würden.

    Der katholische Moraltheologe Franz-Josef Bormann von der Universität Tübingen warb mit sieben Thesen für die Einnahme einer „menschendienlichen Perspektive“. Dabei machte er deutlich, dass die katholische Kirche in ihren „Einlassungen zur Reproduktionsmedizin“ kein „religiöses Sonderethos“, sondern eine „vernunftbasierte Position“ vertrete, die der „Komplexität des Phänomenbereichs angemessen und tief in der abendländischen Ethik verankert“ sei. „Im Mittelpunkt des kirchlichen Nachdenkens über die Chancen und Grenzen der Reproduktionsmedizin“ stehe der „Respekt vor der Würde und den grundlegenden Rechten aller Betroffenen“, die es in „allen Phasen“ menschlicher Existenz zu sichern gelte. Dabei sei das von der Kirche vertretene „umfassende Konzept verantwortbarer Elternschaft“ dem Gegenmodell einer „konditionierten Elternschaft“ ethisch gesehen „klar überlegen“. Bormann, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrates ist, forderte, die Reproduktionsmedizin dürfe sich nicht „auf der Basis eines ideologisch verzerrten Selbstbestimmungsrechts der Eltern“ zum Erfüllungsgehilfen einer Entwicklung machen, welche die „Beziehung der Eltern zu ihren noch nicht geborenen Kindern von einer grundrechtlichen Gleichheitsrelation in ein Herrschaftsverhältnis“ verkehre, das aufgrund „der extremen Asymmetrie der jeweiligen Machtverhältnisse“ zumindest „tendenziell totalitäre Züge“ annehme.

    Die Belastungen, die sich aus einem Leben mit Krankheit und Behinderung für die Betroffenen sowie ihr Umfeld ergeben, müssten ernst genommen werden und stellten eine Herausforderung für ein solidarisches Gesundheitssystem dar. Die in der Gesellschaft inzwischen weit verbreitete Bereitschaft, ungeborene Kinder bei entsprechender Diagnose nach dem Motto „da kann man doch was tun“ zu selektieren, konterkariere die Ziele der UN-Behindertenkonvention und werfe die Frage auf, ob wir uns nur noch bei postnatal erworbenen Behinderungen solidarisch zeigen wollen.

    In der anschließenden Aussprache vermerkte der Oberkirchenrat Klaus Eberl, Vizepräses der 12. Synode der EKD, eine Formulierung Bernards abwandelnd, „die neuen medizinischen Möglichkeiten stellen auch eine anthropologische Kränkung für Behinderte dar“. Dem Pränatalmediziner Holzgreve und dem Reproduktionsmediziner Klaus Diedrich, der für die Geburt des ersten nach Präimplantationsdiagnostik (PID) geborenen Kindes in Deutschland verantwortlich zeichnete und zuvor erklärt hatte, Ziel der Ärzte müsse „die Geburt eines möglichst gesunden Kindes“ sein, schrieb er ins Stammbuch: „Das Defizitäre gehört ins Humanum“.