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    Ein offenes und starkes Wort

    Am Ende geht es darum, wer das letzte Wort hat. Lange hat Papst Benedikt gewartet, bis er jetzt zur Aufregung um die Befreiung der vier unerlaubt geweihten Bischöfe der traditionalistischen Pius-Bruderschaft von der Exkommunikation einen sehr persönlichen und nicht ohne Leidenschaft geschriebenen Brief veröffentlicht hat. Er richtet sich an den Weltepiskopat, dürfte aber alle interessieren, die in den vergangenen Wochen die Debatte über die mögliche Aussöhnung mit den Lefebvrianern und den Fall Williamson verfolgt oder daran mitgewirkt haben. Der Brief erinnert an das Schreiben, mit dem Benedikt XVI. sein Motu proprio zur Wiederzulassung der „alten“ Messe begleitet hatte. Der Unterschied: Im Juni 2007 erfolgte beides gleichzeitig, weil der Papst damals bereits im Voraus wusste, dass seine Entscheidung nicht von der Zustimmung aller Bischöfe getragen war. Diesmal musste erst die Lawine an Kritik und Protesten niedergehen, die im Vatikan niemand vorausgesehen hatte. Er sei betrübt gewesen, schreibt der Papst, dass auch Katholiken „mit sprungbereiter Feindseligkeit“ auf ihn eingeschlagen hätten. Vertraute des Heiligen Vaters, die es wissen müssen, berichten, Benedikt XVI. habe auf dem Höhepunkt der hysterischen Aufregung in seiner Heimat die schwärzeste Woche seines Pontifikats durchlebt. In dem Brief bedankt sich der Papst aber auch bei den jüdischen Freunden, die geholfen hätten, das Missverständnis schnell aus der Welt zu räumen.

    Am Ende geht es darum, wer das letzte Wort hat. Lange hat Papst Benedikt gewartet, bis er jetzt zur Aufregung um die Befreiung der vier unerlaubt geweihten Bischöfe der traditionalistischen Pius-Bruderschaft von der Exkommunikation einen sehr persönlichen und nicht ohne Leidenschaft geschriebenen Brief veröffentlicht hat. Er richtet sich an den Weltepiskopat, dürfte aber alle interessieren, die in den vergangenen Wochen die Debatte über die mögliche Aussöhnung mit den Lefebvrianern und den Fall Williamson verfolgt oder daran mitgewirkt haben. Der Brief erinnert an das Schreiben, mit dem Benedikt XVI. sein Motu proprio zur Wiederzulassung der „alten“ Messe begleitet hatte. Der Unterschied: Im Juni 2007 erfolgte beides gleichzeitig, weil der Papst damals bereits im Voraus wusste, dass seine Entscheidung nicht von der Zustimmung aller Bischöfe getragen war. Diesmal musste erst die Lawine an Kritik und Protesten niedergehen, die im Vatikan niemand vorausgesehen hatte. Er sei betrübt gewesen, schreibt der Papst, dass auch Katholiken „mit sprungbereiter Feindseligkeit“ auf ihn eingeschlagen hätten. Vertraute des Heiligen Vaters, die es wissen müssen, berichten, Benedikt XVI. habe auf dem Höhepunkt der hysterischen Aufregung in seiner Heimat die schwärzeste Woche seines Pontifikats durchlebt. In dem Brief bedankt sich der Papst aber auch bei den jüdischen Freunden, die geholfen hätten, das Missverständnis schnell aus der Welt zu räumen.

    Jetzt aber spricht der Papst zu allen, und dass er dabei ganz offen ist, verleiht dem Schreiben eine zusätzliche Stärke: Benedikt XVI. nennt zwei Pannen im Vatikan, die er ehrlich bedauert: Die Vernachlässigung des Internets als Nachrichtenquelle und die mangelnde Aufklärung darüber, was es bedeutet, wenn der Papst Einzelpersonen von der Exkommunikation befreit. Er geht direkt auf die immer wieder lautgewordene Frage ein, ob es denn für den Vatikan nichts Wichtigeres gebe, als sich um eine schismatische Gruppierung zu kümmern – und lässt auch ein wenig in das eigene Herz des obersten Hirten der Kirche blicken: Er spricht von den 491 Priestern der Pius-Bruderschaft, wo er neben „manchem Schiefen und Kranken“ dennoch die Liebe zu Jesus Christus vermutet. „Sollen wir sie einfach als Vertreter einer radikalen Randgruppe aus der Suche nach Versöhnung und Einheit ausschalten?“, fragt der Papst, spricht aber auch klar von Hochmut, Besserwisserei und der Fixierung in Einseitigkeiten, die einem aus dieser Gemeinschaft entgegenschlagen. Benedikt XVI. beschönigt nichts, macht jedoch unmissverständlich klar, dass es zu den obersten Prioritäten des Petrusnachfolgers gehört, für die Einheit unter den Gläubigen zu sorgen. Die mögliche Wiedereingliederung der Pius-Bruderschaft in die katholische Kirche gehört für ihn zu den „kleinen und mittleren Versöhnungen“. Daneben gebe es „Wichtigeres und Vordringlicheres“, eben die Prioritäten seines Pontifikats, die er von Anfang an dargestellt habe und die seine Leitlinie bleiben.

    Und hier wird der Brief fast dramatisch. Benedikt XVI. spricht vom Verlöschen des christlichen Glaubens in weiten Teilen der Welt, von der wachsenden Orientierungslosigkeit der Menschheit, für die Gott aus ihrem Horizont verschwinde. Die Botschaft ist klar: Da, wo die Heilung von Brüchen möglich ist, gehört für den Papst „die leise Gebärde einer hingehaltenen Hand“ zu seiner Hirtenpflicht. Schließlich war es auch eine seiner ersten Gesten, den abtrünnigen Theologen Hans Küng zum freundschaftlichen Gespräch zu empfangen, was dieser ihm nun mit einer verbissenen Raserei heimzahlt. Aber die große Sorge des Papstes ist die, dass die Menschen keinen Zugang mehr finden zu Gott, und zwar nicht zu einer Idee von Gott oder zu einem vagen religiösen Gefühl, sondern zu dem Gott, „der am Sinai gesprochen“ und der sich im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus zu erkennen gegeben hat. Es ist nicht der „rechte Rand“ der Kirche, den Papst Benedikt vorzugsweise beackert. Es ist die ganze Welt und es ist die ganze Kirche, die er zu „dem in der Bibel sprechenden Gott“ führen muss. Das ist die grundlegende Priorität der Kirche und des Nachfolgers des heiligen Petrus.

    Bald schon bricht Benedikt XVI. nach Afrika auf. Er will ein Zeichen setzen, dass dieser Kontinent mehr Solidarität der Weltgemeinschaft braucht. Im Mai besucht er das Heilige Land, um für den Frieden in dieser Region zu beten und die dort lebenden Christen zu stärken. Mit dem Ausbruch der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise hat der Papst die bereits fertige Enzyklika zur Soziallehre der Kirche in Zeiten der Globalisierung umgeschrieben, jetzt ist sie wirklich das passende Wort in einer bedrängten Zeit. Die Versuche vor allem in deutschsprachigen Kreisen, den Papst in die Nähe des vernagelten Holocaust-Leugners Williamson zu rücken – Benedikt XVI. spricht in diesem Zusammenhang von Hass –, ist die überaus durchsichtige Instrumentalisierung eines im Vatikan tatsächlich geschehenen Betriebsunfalls, um von der eigentlichen Verkündigung und Mission dieses Papstes abzulenken, die in diametralem Gegensatz zum materiellen Weltgeist steht. Wie seine Vorgänger predigt er die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes – und muss erfahren, dass das die Toleranzgrenze überschreitet. Den Aposteln ging es auch schon so. Und ebenso dem Petrus. Papst Benedikt ist auf dem richtigen Weg, auch wenn der nun einmal bitter und steinig ist.

    Von Guido Horst