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    „Ein Ruf, die wahre Quelle zu suchen“

    Bischof Nicolas Brouwet von Tarbes und Lourdes traut Wunderheilungen zu, menschliche Gewissheiten zu erschüttern. Von Regina Einig

    Foto: Pierre Vincent

    Exzellenz, geht von Heilungen, die kirchlicherseits als Wunder anerkannt werden, eine evangelisierende Wirkung auf Nichtgläubige aus?

    Wunder werfen Fragen auf, das lässt sich nicht leugnen. Allerdings sind die 69 Wunder, die im Lauf von gut 150 Jahren anerkannt wurden, eine überschaubare Zahl. Jedenfalls taugen sie nicht unbedingt, um Zweifler zu überzeugen. Wir führen Wunder nicht als Argument für die Evangelisierung ins Feld. Es ist vielmehr so, dass sie Gewissheiten erschüttern. Wunder bestätigen diejenigen, die bereits glauben. Wie zur Zeit Jesu sind Wunder die Zeichen für das Wirken Gottes. Sie zeigen, dass der Herr gegenwärtig ist, in unser Leben eingreift und auch heute noch kommt, um zu suchen und zu retten, was verloren ist (Lukas 19,10).

    Haben Sie in Ihrer Amtszeit als Bischof von Lourdes Menschen kennengelernt, deren Heilung von der Kirche als Wunder anerkannt wurde? Wenn Ja: Welchen Eindruck haben Sie von ihnen gewonnen? Was ist zu ihrem geistlichen Leben zu sagen?

    Ich habe vier Geheilte getroffen, deren Fall als Wunder anerkannt worden ist. Mich hat ihre Bescheidenheit und Demut beeindruckt Sie haben menschlich betrachtet keinen Vorteil aus ihrer Heilung gezogen, sondern ein normales Leben geführt, sind ihrer Arbeit nachgegangen, haben ihre Kinder großgezogen und ein Familienleben wie andere Leute auch gehabt. Sie haben sichtlich aus dem Glauben gelebt, aber mit allen Kämpfen, Zweifeln, geistlichen Fortschritten und einsamen Augenblicken, die das mit sich bringt. Denen, die durch ein Wunder geheilt worden sind, blieben Krisen genausowenig erspart wie Zweifel, durch die wir Christen im Lauf des Lebens alle hindurch müssen. Man könnte sagen, dass sie ein gewöhnliches Leben geführt haben, auch wenn die Erinnerung an die Gnade, die ihnen geschenkt worden ist, ihre Hoffnung immer gestärkt und ihren Glauben gefestigt hat.

    Auch wenn die chemische Zusammensetzung des Quellwassers bekanntlich nichts Besonderes enthält, sind in den Bädern Heilungen geschehen. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

    Die Gottesmutter hat Bernadette aufgefordert: „Gehen Sie zur Quelle und waschen Sie sich dort“. Die Pilger halten sich im Geist des Glaubens daran. Der Rest ist Gottes Angelegenheit. Maria hat Wunder nie erwähnt. Bernadette spricht nicht darüber. Wie Sie sagen, aus der Quelle fließt kein Wunderwasser. Für uns ist das Wasser ein Zeichen für Christus, die Quelle lebendigen Wassers, das sich fortgesetzt über die Welt ergießt, um sie mit der Zärtlichkeit des Vaters zu durchdringen. Die Wunder, die im Wasser geschehen, sind ein Ruf, die wahre Quelle zu suchen – angesichts der vielen gepanschten Quellen, die unseren Zeitgenossen angeboten werden. Denken wir an die Worte des Propheten Jeremia: „Denn mein Volk hat doppeltes Unrecht verübt: Mich hat es verlassen, den Quell des lebendigen Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten.“ (Jeremia 2,13)

    Ist der Glaube an Gott eine unverzichtbare Voraussetzung, um in Lourdes geheilt zu werden?

    Mir scheint, dass alle durch ein Wunder Geheilten geglaubt haben. Man kommt nicht rein zufällig nach Lourdes, auch wenn immer mehr Urlauber aus reiner Neugier anreisen. Manche Geheilten berichten, dass ihr Glaube nicht sehr lebendig gewesen sei. Als ich im Sommer in den Bädern geholfen habe, habe ich festgestellt, dass nicht alle Pilger Christen waren. Hindus kommen gern und baden mit tiefer Frömmigkeit, auch wenn wir nicht genau wissen, was diese Bäder für sie bedeuten. Muss man glauben, um geheilt zu werden? Es ist extrem schwierig, zu ermessen, wie tief der Glaube eines Pilgers ist. Als Priester habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen, die an die Kirchentür klopfen, um zu heiraten oder ein Kind taufen zu lassen, erhebliche Mühe haben, über ihren Glauben zu sprechen. Sie können oft nicht einmal sagen, ob sie glauben oder nicht. Ich glaube, dass sich hier nicht nur die Frage nach dem persönlichen Glauben stellt. Es geht auch um den Glauben der Kirche, den Glauben der in Lourdes versammelten Pilger, der alle Anwesenden trägt, ganz unabhängig davon, wie es um ihr christliches Leben bestellt ist. Lourdes ist undenkbar ohne diese starke kirchliche Ausrichtung. In Lourdes ist man mit der ganzen Kirche und die ganze Kirche begleitet uns auf unserem Weg. Ich denke oft an den Blinden bei Jericho im Markusevangelium. Die Menge spornt ihn an, zu Jesus zu gehen: „Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.“ (Markus 10,49) Das ist die Berufung der Kirche: zu Jesus zu führen und im unverfälschten Glauben der Kirche die ganze Menschheit mitzutragen, ganz gleich, worin deren subjektiver Glaube besteht.

    Welche Bedeutung schreiben Sie den Sakramenten für die Heilungen in Lourdes zu?

    Alle Wege in Lourdes führen zu den Sakramenten und offensichtlich zur Eucharistie. Aber auch zu den Sakramenten der Heilung: Beichte und Krankensalbung. Unsere ganze Seelsorge ist davon geprägt. Dass Maria die Priester bittet, eine Kapelle zu bauen und in Prozessionen hierher zu kommen bedeutet, dass in dieser Kapelle das Messopfer gefeiert und gebeichtet wird. Die meisten Wunder sind in den Bädern oder an der Quelle geschehen, manche während des sakramentalen Segens, andere während des Gebets, beim Kommunionempfang oder während der Krankensalbung. Manche Geheilten sagen, sie sind während der Pilgerfahrt gesund geworden, ohne dass sie den Zeitpunkt genau bestimmen oder an einem besonderen Ereignis festmachen könnten. Es gibt im Grunde keine typische Heilung, sondern einen Pilgerweg, der oft mit dem Messopfer beginnt und dessen Höhepunkt die Beichte ist. Es ist schwierig, nach Lourdes zu kommen, ohne zeitweise vom sakramentalen Ablauf erfasst zu werden. Denn Sakramente sind die ureigenen Zeichen für Gottes Handeln. Sie machen das Heil, das Gott allen Menschen anbietet, sichtbar und wirksam.

    Haben Pilger, die auf medizinisch nicht erklärte Weise in Lourdes geheilt worden sind, aus Ihrer Sicht gewissermaßen eine moralische Verpflichtung, ihre Erfahrung öffentlich bekannt zu machen? Sind sie mitverantwortlich dafür, dass andere durch ihre Geschichte Hoffnung schöpfen können?

    Offen gesagt wollen viele der auf wunderbare Weise Geheilten nicht öffentlich bekannt werden, selbst wenn sie ihre Heilung dem Ärztebüro mitgeteilt haben. Oft muss man sie erst zu diesem Schritt überzeugen, um wenigstens die anderen aufzubauen. Sie fürchten, ein Objekt der Neugierde zu werden, den Medien ausgesetzt zu sein und ihre Zeit damit zu verbringen, ihre Geschichte zu erzählen. Ganz zu schweigen von den vielen Untersuchungen der verschiedenen Ärztekomitees, um die man nicht herumkommt. Auf wunderbare Weise geheilt zu werden ist keine Erholung. Von daher ist kein Geheilter verpflichtet, seine Geschichte öffentlich zu machen. Ich glaube aber, wenn Gott ein Zeichen wirkt, geschieht das zum Wohl aller, damit er das Evangelium in den Herzen weiter verbreiten kann. Wenn er Menschen heilt, macht er aus ihnen demütige Zeugen seiner Barmherzigkeit. Und genau das brauchen wir heute am meisten.

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