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    Ein Fenster in den Krieg

    Am 5. Juni 1967 begann der Sechs-Tage-Krieg. In einem Präventivschlag vernichtete Israel Ägyptens Flugfelder und fügte den Armeen Ägyptens, Syriens und Jordaniens eine empfindliche Niederlage zu. Der junge Staat eroberte Ostjerusalem, besetzte das Westjordanland, den Gazastreifen, die Golanhöhen und die Sinaihalbinsel. Nach dem arabisch-israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 war dies der zweite Schlag, der das Gesicht einer ganzen Region veränderte. Seine Folgen sind bis heute, 50 Jahre nach dem Blitzkrieg, spürbar – nicht zuletzt in Jerusalem.

    John Tleel. Foto: Andrea Krogmann

    Am 5. Juni 1967 begann der Sechs-Tage-Krieg. In einem Präventivschlag vernichtete Israel Ägyptens Flugfelder und fügte den Armeen Ägyptens, Syriens und Jordaniens eine empfindliche Niederlage zu. Der junge Staat eroberte Ostjerusalem, besetzte das Westjordanland, den Gazastreifen, die Golanhöhen und die Sinaihalbinsel. Nach dem arabisch-israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 war dies der zweite Schlag, der das Gesicht einer ganzen Region veränderte. Seine Folgen sind bis heute, 50 Jahre nach dem Blitzkrieg, spürbar – nicht zuletzt in Jerusalem.

    John Tleel sitzt an der Maschrabiyya, dem traditionellen Erkerfenster seines Altstadthauses. Eine breite Fensterfront gibt den Blick frei auf die engen Gassen des christlichen Viertels. Die einfallende Frühjahrssonne wärmt den großzügigen Diwan, der sich an den Erker anschließt. Hier sassen sie auch in jenem Juni vor 50 Jahren. „Der 4. Juni 1967 war ein Sonntag“, erinnert sich der orthodoxe Christ, „ein ganz normaler Sonntag.“ Von dem Krieg, der nur einen Tag später an der südlichen Grenze des Landes ausbrechen würde, war damals in der Jerusalemer Altstadt noch nichts zu ahnen.

    „Am Montagmorgen ging ich sehr früh in meine Zahnarztpraxis, um Patienten zu behandeln. Am späten Vormittag schloss ich, weil ich noch Material kaufen musste.“ Als der Zahnarzt nach Hause kam, „war nichts mehr normal. Der Krieg hat begonnen, sagte mein Bruder. Aber draußen war es still.“ Noch. Denn noch am Nachmittag des ersten Kriegstages hatte sich Jordanien nach dem israelischen Überraschungsangriff auf Ägypten an die Seite seines Bündnispartners gestellt und mit dem Beschuss Westjerusalems begonnen. Tleel bleibt am Fenster, auch als die Kämpfe sich intensivierten.

    Er nennt es „die zweite Runde“, nach 1948, in der die Tleels zu Flüchtlingen in der eigenen Stadt wurden. Vom Neuen Tor flohen sie im arabisch-israelischen Unabhängigkeitskrieg in die Altstadt, installierten sich einen Steinwurf vom griechisch-orthodoxen Patriarchat entfernt. Hier, sagt der Zahnarzt, „hängt alles mit allem zusammen, nicht wie in Europa“.

    In seiner Maschrabiyya konnte er nicht bleiben, zu exponiert war der Erker mit zunehmendem Beschuss. Ein kleines Loch in der Verschanzung des benachbarten Schlafzimmerfensters wurde Dr. Tleels Guckloch nach außen. Von dort beobachtete er am dritten Kriegstag Soldaten durch die Straßen seiner Stadt ziehen. „Ich dachte, es seien Iraker, denn es gab Gerüchte, die Iraker wollten den Jordaniern zur Hilfe kommen“, erinnert sich der 89-Jährige. Später erst, als die Soldaten unter seinem Erkerfenster standen und er einzelne Worte in Hebräisch aufschnappte, sei ihm klar geworden: „Wir stehen unter Besatzung.“ Für Tleel und Generationen von Palästinensern ist dieser Zustand nur zu vertraut. „Erst waren hier die Ottomanen; ihr Geruch liegt noch immer in der Luft.“ Dann kamen die Briten. Die Jordanier. 1967 die Israelis. „Dreimal sind wir gestorben, und dreimal sind wir wieder auferstanden“, sagt Dr. Tleel.

    Die Soldaten, die Tleel auf der Straße vor seinem Haus sprechen hörte, nahmen an diesem Tag Ostjerusalem und die Altstadt ein. „Wir haben das geteilte Jerusalem, die gespaltene Hauptstadt Israels, von neuem vereint; wir sind zu unseren heiligen Stätten zurückgekehrt, um uns nie wieder von ihnen zu trennen“, formulierte es Israels damaliger Verteidigungsminister Mosche Dajan, als seine Truppen am 7. Juni zur Klagemauer vorstießen.

    Der Krieg Israels mit den Nachbarn endete so überraschend, wie er begann, bereits am 11. Juni 1967 ist der letzte Waffenstillstand unterzeichnet. In nur sechs Tagen hatte der junge Staat das Territorium unter seiner Kontrolle quasi verdreifacht. Zwölf Jahre sollten vergehen, bis es zu einem Friedensvertrag mit Ägypten kam, weitere 15 Jahre bis zu einem Abkommen mit Jordanien 1994. Eine friedliche Einigung mit dem palästinensischen Nachbarn im eigenen Land hingegen scheint 50 Jahre später weiter entfernt denn je. Die Jerusalemfrage schwebt seither wie ein Damoklesschwert über jedem Versuch.

    Wie sich Jerusalem durch die israelische Besatzung geändert hat? John Tleel hat viele Antworten auf diese Frage. „Als Jerusalem klein war, war es groß. Heute ist es alles, nur nicht Jerusalem.“ Pessimistisch klingt der Christ dabei nicht. „Jerusalem steht über dem Menschen, sie ist der Geburtsort der Religionen und Wunder – was immer Du versuchst zu ändern, das wird sich nicht ändern!“ Mit jeder neuen Besatzung, sagt er, kommen die menschengemachten Veränderungen, „weil die Menschen Jerusalem nicht verstehen und glauben, sie können machen, was sie wollen. Sie respektieren Jerusalem nicht, und eines Tages wird sie die Geschichte dafür strafen!“

    Ob er noch an eine Besserung der Lage glaubt? „Ich habe in meinem Leben diese Wechsel erlebt und ich frage mich, ob es noch mal eine Veränderung geben wird“, sagt der 89-Jährige und ergänzt: „Aus meiner Lebenserfahrung heraus wird sie eines Tages kommen. Es ist seit 4 000 Jahren das gleiche: Einer kommt, einer geht!“ Nur um die Christen in Jerusalem hat John Tleel keine Angst. „Wer in Jerusalem getauft ist, ist für sein Leben und das danach getauft. Das gibt Kraft, um weiterzumachen!“