• aktualisiert:

    Duterte will Gottesbeweis

    Der Konflikt zwischen dem philippinischen Präsidenten und der Kirche spitzt sich zu. Von Klemens Ludwig

    Neuer nationaler Polizeichef auf den Philippinen
    Rodrigo Duterte liebt nicht nur martialische Gesten. Auch seine Worte, gerade gegenüber der Kirche, klingen oft brutal. Foto: dpa

    Die Beziehungen zwischen dem Klerus der katholischen Philippinen und Präsident Rodrigo Duterte sind seit Beginn von dessen Amtszeit gespannt. Duterte, der am 9. Mai 2016 zum Präsidenten gewählt worden ist, gibt sich gern wie Donald Trump, nur dass er noch über deutlich mehr Befugnisse verfügt: hemdsärmelig, volksverbunden, autoritär und vollkommen resistent gegen jedwede Kritik. Eines seiner wichtigsten Wahlversprechen war der Kampf gegen Drogen und Kriminalität, was auf den Philippinen ein existenzielles Problem ist. Dabei kennt Duterte nur eine Strategie: Die Ermordung derer, die mit Drogen zu tun haben oder als Kriminelle verdächtigt werden. Allein in seinem ersten Amtsjahr wurden etwa 10 000 Menschen im „Krieg gegen die Drogen“ getötet, die meisten ohne legale Handhabe durch Todesschwadrone. Diese Politik rief den Widerstand der Bischofskonferenz hervor, die dem Präsidenten vorwarf, er führe keinen „Krieg gegen Drogen“, sondern „gegen die Armen“. Dies sei zu einer Herrschaft des Terrors ausgeartet. Duterte antwortete auf seine Art: „Ihr redet Mist“. Auch als „Hurensöhne“ hat er die Bischöfe schon betitelt.

    Einer seiner schärfsten Kritiker ist der Erzbischof von Cebu, der 68-jährige José Serofia Palma. Als Duterte kürzlich mit einigen ihm ergebenen Klerikern einen „Dialog mit der Katholischen Kirche und anderen religiösen Sektoren“ ins Leben rief, reagierten fast alle Bischöfe zurückhaltend. Ein lapidares „Dialog ist immer gut“ war noch die euphorischte Reaktion. Am deutlichsten distanzierte sich José Palma. Er ging auf den Dialog gar nicht ein, sondern meinte nur, auf der nächsten Bischofskonferenz werde man sich mit den „Tiraden des Präsidenten“ befassen.

    Cebu ist das Armenhaus der ohnehin nicht gerade reichen Philippinen, auch wenn die Hauptstadt Cebu City dank IT, Tourismus und Niedriglöhnen einen gewissen Wirtschaftsboom verzeichnet. Auf dem Lande dagegen leben viele Menschen als Tagelöhner auf Zucker-, Reis- oder Getreideplantagen. Bischof Palma ist dadurch mit Armut und Perspektivlosigkeit vertraut, was eine wichtige Ursache für den weit verbreiteten Drogenkonsum ist. Er fordert eine andere Strategie als einen „Krieg gegen die Drogen“; nämlich Perspektiven, nicht nur für die Menschen , die in den Städten des Landes leben.

    Am 10. Juli drang ein bewaffneter Mann namens Jeffrey Canedo in die Residenz von Bischof Palma ein und fragte nach dessen Aufenthaltsort. Dabei verhielt er sich jedoch so auffällig, dass er von herbeieilenden Polizeikräften erschossen wurde. Bischof Palma, der sich zu der Zeit gar nicht in Cebu, sondern in Manila befand, telefonierte schon Stunden später mit dem Vater des Getöteten. Über den Inhalt gab seine Pressestelle keine Auskunft, sie erklärte nur, der Erzbischof habe für dessen Seele gebetet. Zudem forderte der Erzbischof die Gläubigen auf, „sich allen Spekulationen über die Hintergründe des Angriffs zu enthalten und den Vorfall zum Anlass zu nehmen, um für Frieden und eine Bekehrung der Herzen zu beten“. Die Spekulationen blühten dennoch, vor allem weil es nicht der erste Angriff auf Geistliche war. Zwischen Dezember 2017 und Juni 2018 sind drei Priester Attentaten zum Opfer gefallen – zu der Zeit, als die Bischofskonferenz ihre Kritik am Präsidenten verschärft hat. Nach dem letzten Mord hatte das Episkopat zu einem dreitägigen Fasten und Beten gegen die Spirale der Gewalt aufgerufen.

    Je schärfer Duterte vom Klerus kritisiert wird, desto heftiger wird seine Polemik, nicht nur gegen die Kirche, sondern auch die Lehren der Bibel. Mitte Juni versuchte er sich als „Bibelexeget“ und erklärte, wie dumm müsse Gott sein, wenn die Erschaffung des Menschen mit Adam und Eva sowie die Erbsünde auf ihn zurückgingen. Einem neugeborenen Kind könne noch keine Sünde anhaften. Er werde aber alles zurücknehmen, wenn man ihm einen Beweis für Gott liefere, schob er nach. Der frühere Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Socrates Villegas kommentierte die Ausfälle mit den Worten: „Wenn man nach oben spuckt, fällt die Spucke immer auf einen zurück, und je mehr man spuckt, desto verschmutzter wird man.“ Gleichzeitig rief Villegas die Menschen auf, für die zu beten, die versuchten, sie in die Irre zu führen. Auch wenn der von Duterte initiierte Dialog auf große Skepsis gestoßen ist, könnte der Schritt andeuten, dass der Präsident erkannt hat, welches Risiko er eingeht. Der Katholizismus ist tief verwurzelt auf den Philippinen, wo sich etwa 80 Prozent der Einwohner zu ihm bekennen. Übertreibt Duterte es mit seiner Kritik nicht nur am Klerus, sondern auch an den Glaubensinhalten, dürfte seine Popularität rasch sinken. Dafür hat der Populist durchaus ein Gespür.

    Weitere Artikel